Coburg
KOMMENTAR von Christoph Böger Sportförderung

Wenn Träume Wirklichkeit werden

Der rasante Aufstieg des Kevin Krawietz. Aber nicht nur der Tennisspieler hat es geschafft!
Artikel drucken Artikel einbetten
Zwei Tennisprofis unter sich. Kevin Krawietz (rechts) sagt über Boris Becker: "Ich habe ihn in Madrid jetzt näher kennengelernt. Er ist ein super Typ, lustig und zielstrebig. Ein Mann der klaren Worte. Ich fand es super mit ihm. Und er war am Freitag nach den verlorenen Einzel richtig sauer, das zeigt, dass ihm das Tennis in Deutschland voll am Herzen liegt." Für Krawietz war es nach eigenen Angaben eine super Woche, vor allem DTB-Teamchef Michael Kohlmann hätte sensationell gecoacht und das ...
Zwei Tennisprofis unter sich. Kevin Krawietz (rechts) sagt über Boris Becker: "Ich habe ihn in Madrid jetzt näher kennengelernt. Er ist ein super Typ, lustig und zielstrebig. Ein Mann der klaren Worte. Ich fand es super mit ihm. Und er war am Freitag nach den verlorenen Einzel richtig sauer, das zeigt, dass ihm das Tennis in Deutschland voll am Herzen liegt." Für Krawietz war es nach eigenen Angaben eine super Woche, vor allem DTB-Teamchef Michael Kohlmann hätte sensationell gecoacht und das ganze Davis-Cup-Team drumherum sei top: "Alles tolle Typen." Foto: privat

Es ist noch gar nicht so lange her, da meinte eine Bekannte zu mir, dass der Witzmannsberger Krawietz jetzt Wienerla beim Basketball in der HUK-Arena verkauft. Mit der großen Tennis-Karriere würde es wohl nichts mehr werden. Und ein Kollege aus der Sportredaktion kürzte früher gerne Berichte vom jungen Kevin. Für ganz oben reiche es für den Burschen eh nie. Der lande eines Tages unter ferner liefen. Nun hat es der einstige Dreikäsehoch aus dem Gemeindeteil von Ahorn also doch geschafft!

Er hat es all seinen Kritikern gezeigt. Und wie! 2019, das war sein Jahr. Das Jahr von KK (nicht von AKK) bescherte ihm den Durchbruch: Sieger der French-Open, Davis-Cup für Deutschland, unter den besten Zehn Doppelspielern in der Weltrangliste. Bravo Kevin!

Vor zehn Tagen schlug er in London gegen die Besten der Welt auf, Ende letzter Woche ging beim Davis-Cup in Madrid ein Kindheitstraum in Erfüllung. Zwei Spiele - zwei Siege für sein Heimatland. Gegen England stand er mit seinem Kölner Partner Andreas Mies in den Startlöchern, doch zwei deutsche Einzel-Niederlagen machten "KraMies" einen Strich durch die Rechnung. Schade. Aber sie bleiben unbesiegt. "Ich habe von klein auf Davis Cup geschaut, Becker, Stich, Kohlmann", erinnert sich Krawietz, "und dann ruft Kohlmann an und nominiert mich. Wahnsinn!"

Dabei ist die rasante Entwicklung des Ball-Genies gar kein Wahnsinn, hat auch nichts mit Glück oder Zufall zu tun. Und der Ruhm kommt schon gar nicht aus dem "Nichts", wie eine große Zeitung in diesem Jahr schrieb. Hinter dem Aufstieg von KK steckt mehr. Viel mehr: Es war ein harter, steiniger Weg. Auch ein teurer. Denn die Niederungen des Profitennis haben ihre Tücken.

Viele seiner Kollegen kapitulierten vorzeitig, gaben entnervt auf, weil sie finanziell nicht über die Runden kamen. Auf Future-Turnieren in Rumänien, Kasachstan oder im Iran ist nichts zu verdienen. Hohe Kosten für Flug, Unterkunft, Anmietung der Trainingsplätze, Fahrservice, Verpflegung oder auch der Bespannung von Schlägern. Jeder ambitionierte Tennisspieler muss sich hart hocharbeiten über diese kleinen Turniere. Dann die Challenger. Alle wollen von dort aus auf die attraktive ATP-Tour. Für Krawietz gab es zwischendrin auch Situationen, wo er dachte, jetzt wird es eng, wie soll das klappen? Doch der Witzmannsberger hatte Brose-Chef Michael Stoschek, der ihn früh unterstützte. Und er hatte noch mehr: Nämlich ehrgeizige Eltern. Immer mit Rat und Tat zur Stelle. Lobenswert.

Ein Elternhaus, das Kinder fordert und fördert. Mit Maß und Ziel, aber auch mit Akribie und Disziplin. Die Familie Krawietz hat fest an den großen Traum geglaubt - jetzt leben und genießen sie ihn. Respekt. Nachahmenswert. Auch die fußballbegeisterten Teucherts aus Coburg oder die Wolfs aus Einberg haben es geschafft: Cedric und Marius sind Profis in der Bundesliga. Beide können prima davon leben.

Andere schicken ihren Sohn mehrere Jahre in ein Handball-Internat nach Berlin, damit ihr Sprößling später das Rüstzeug zum Profi hat. Bei Jakob Knauer hat das funktioniert.

Gut ein Dutzend Nachwuchskicker, die aus dem NLZ Coburg stammen, hoffen in den nächsten Jahren auf den ganz großen Sprung. Bayern, Schalke, zum Club oder nach Dortmund. Alle wollen in den bezahlten Fußball. Die Eltern fiebern mit, fahren für ihre talentierten Schützlinge Tausende von Kilometern. Ihr großer Traum lebt. Das ist gut so. Wer wird der nächste Wolf? In anderen, nicht so lukrativen Sportarten, haben Väter und Mütter ihre Kinder ebenfalls geformt: Egal ob es die Bieberbachs aus Neustadt sind, wo Tobias und Bastian in der 1. Bundesliga kegelten, der aus Coburg stammende Brustschwimmer Nils Wich-Glasen oder die beiden "Tischtennis-verrückten" Familien Forkel aus Ebersdorf und Fischer aus Weidhausen. Sie alle leben für ihren Sport. Toll!

Bei den meisten reicht es nicht für ganz oben, für den großen Ruhm - trotzdem: Sportförderung lohnt sich immer. Spätestens seit Freitag wissen wir dank einer Studie der Weltgesundheitsorganisation, dass sich Kinder viel zu wenig bewegen.

Verwandte Artikel

Kommentare (1)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren