Coburg
Innungs-Klage

Welche Chancen hat die Ausbildung in Coburg?

Bislang hieß es, dass es künftig nur noch drei handwerkliche Ausbildungszentren in Oberfranken geben werde. Aber offenbar hat Nachdenken eingesetzt.
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Das Handwerk bezeichnet sich gern als "Wirtschaftsmacht von nebenan": Fahnen vor dem Hauptsitz der Handwerkskammer Oberfranken in Bayreuth. Foto: Simone Bastian
Das Handwerk bezeichnet sich gern als "Wirtschaftsmacht von nebenan": Fahnen vor dem Hauptsitz der Handwerkskammer Oberfranken in Bayreuth. Foto: Simone Bastian

Es ist eine Rechnung mit mindestens drei Unbekannten: Wie viele Handwerkslehrlinge und angehende Meister wird es in den nächsten 30 Jahren in Oberfranken geben? Wie hoch wird in den einzelnen Branchen der Bedarf nach überbetrieblicher Lehrlingsunterweisung (ÜLU) sein? Und wie viele Betriebe und Kunden gibt es dann überhaupt noch in Oberfranken?

Statistiker können Antworten auf diese Fragen geben, auch, wenn es sich dabei nur um Prognosen handelt, die so eintreffen können oder auch nicht. Aufgrund dieser Prognosen geht die Handwerkskammer (HWK) Oberfranken davon aus, dass sie 2050 nur noch 64 statt bisher 84 Lehrwerkstätten braucht. Das ist eine der wesentlichen Zahlen des Standortkonzepts für die Berufs- und Technologiezentren (BTZ), das derzeit erarbeitet wird. Von diesen 64 Lehrwerkstätten wurde eine weitere Zahl abgeleitet: Sie sollen sich auf nurmehr drei Standorte verteilen, in Bamberg, Bayreuth und Hof. Dort und in Coburg befinden sich im Moment die vier BTZ der HWK, hinzu kommen zwei Lehrbauhöfe in Selb und Lichtenfels.

Die Verkleinerung auf drei Standorte begründet HWK-Hauptgeschäftsführer Thomas Koller außerdem damit, dass nicht zu erwarten sei, dass es Fördermittel für die Ertüchtigung der vorhandenen BTZ in Bamberg und Coburg geben wird. Deshalb soll in Bamberg ein neues BTZ gebaut werden, möglichst mit Internat. Einmal, weil Bamberg zentraler liegt als Coburg, zum andern, weil im Bereich Bamberg/Forchheim 40 Prozent der oberfränkischen Wirtschaftskraft gebündelt seien, wie HWK-Vizepräsident Matthias Graßmann sagt. Inzwischen hat die Stadt der HWK ein Grundstück an der Forchheimer Straße nahe der Brose-Arena angeboten. Koller geht davon aus, dass die Ertüchtigung und Neubauten der BTZ rund 60 Millionen Euro kosten werden, wovon die HWK 25 Prozent, das wären 15 Millionen Euro, selbst finanzieren muss.

Die Coburger wollen sich ihr BTZ aber nicht so einfach nehmen lassen. Deshalb haben mehrere Innungen und einige Ausbildungsbetriebe eine vorsorgliche Unterlassungsklage beim Verwaltungsgericht Bayreuth eingereicht. Sie berufen sich auf den Fusionsvertrag aus dem Jahr 2001, der festschreibt, dass die HWK Oberfranken das Coburger BTZ erhalten muss wie die drei anderen in Oberfranken auch.

Weil die Klagedrohung schon länger im Raum stand, sucht Zimmer nach Lösungen. Eine glaubt er, im "Innovativen Lernort" gefunden zu haben, den er im Sommer ins Gespräch brachte. Am Schlachthof/Güterbahnhof, direkt neben der Creapolis der Hochschule, könnten Ausbildungsstätten entstehen, die sowohl vom Handwerk als auch von der Hochschule genutzt werden, um praktische Fertigkeiten zu vermitteln. Diese Idee habe auch den Coburger Innungen gefallen; die Vollversammlung der HWK habe im Juli einstimmig entschieden, dass das Konzept weiter verfolgt werden solle, und es sei schon auf der Vorschlagsliste für die nächste Runde der High-Tech-Offensive Bayern, sagte Zimmer am Donnerstag bei einem Pressegespräch in Bayreuth.

Doch den Coburgern ist das noch zu vage: Sie haben Angst, dass sie das BTZ verlieren und dann die Zusage für den "Innovativen Lernort" doch nicht kommt, bestätigte der Coburger Kreishandwerksmeister Jens Beland. Für ihn kommt die Klage gegen die Handwerkskammer dennoch zur falschen Zeit. Die Coburger Bau-Innung, die dabei federführend ist, hatte ursprünglich erklärt, bis zum 15. Oktober warten zu wollen. Bis dahin wollte die Kammer das Lernort-Konzept sowohl der Kreishandwerkerschaft Coburg als auch der Hochschule präsentiert haben. Themen wie Smart Home, energieeffizientes Bauen, vernetzte Planaung und Mobilität seien sowohl fürs Handwerk als auch für die Hochschule interessant, sagte Thomas Koller. Handwerk und Hochschule könnten (und müssten) dort ihren Auszubildenden praktische Kenntnisse in diesen Bereichen vermitteln. Kurz: Auch im "Innovativen Lernort" wäre überbetriebliche Ausbildung möglich, und gemeinsam mit der Hochschule wäre dieser Lernort dann auch voll genutzt.

Ein Problem bei dem "Innovativen Lernort" ist, dass er nicht zum Standortkonzept für die BTZ gehört. Denn dabei geht es rein um Handwerksausbildung für Lehrlinge und angehende Meister. Zuständig dafür sind das Bundesforschungsministerium und der Freistaat Bayern, es gibt feste Förderquoten (75 Prozent), und der Bund hat auch den Gutachter bestellt, auf dessen Arbeit das BTZ-Standortkonzept aufbaut. Der "Innovative Lernort" wäre etwas Neues und müsste aus ganz anderen Töpfen gefördert werden - und da weiß man noch nicht, ob das Konzept zum Zuge kommt.

Bislang liegt das Gutachten, das die Grundlage für die künftige BTZ-Struktur darstellt, auch noch gar nicht schriftlich vor. Bei den bisherigen Überlegungen hat sich die HWK-Führung von mündlichen Aussagen des Gutachters leiten lassen, wie Zimmer und Koller am Donnerstag durchblicken ließen. Inzwischen, sagte Zimmer, sei der Gutachter "am Nachdenken: Vier Standorte könnten möglich sein."

Zimmer und Beland betonten, dass die Handwerker gemeinsam nach einer Lösung suchen wollen. Aber erst der Druck aus Coburg habe mit dazu geführt, dass die Überlegungen für den "Innovativen Lernort" vorangetrieben wurden, sagte Beland. Entstanden sei die Idee nämlich im Zusammenhang mit dem dualen Masterstudiengang Denkmalpflege, der von der Universität Bamberg, der Hochschule Coburg und der Handwerkskammer gemeinsam getragen wird. Die Klage sei jedenfalls nicht erfolgt, "um die Handwerkskammer zu ärgern". Ziel der Coburger sei es, die vier Ausbildungsstandorte in Oberfranken zu erhalten. Denn in Coburg konkurrieren die Handwerksbetriebe mit einer starken Industrie um die Nachwuchskräfte. Beland: "Da haben Kollegen im Elektrobereich einfach Existenzangst."

Wie die Kammer juristisch auf die Klage der Coburger reagieren wird, blieb am Donnerstag offen. Er setze auf Gespräche mit den Coburger Kollegen, sagte Zimmer. Bis 2025 solle das BTZ in Coburg auf jeden Fall weiterbetrieben werden, die Bauhalle bis 2030. Koller betonte, dass es um ein tragfähiges Konzept für ganz Oberfranken gehen müsse.

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