Weitramsdorf
Sprengung

Weitramsdorf: 60-Meter-Schlot flog in die Luft

Vor zahlreichen Schaulustigen ist am Samstag der 60 Meter hohe Schlot der ehemaligen Firma Albrecht in Weitramsdorf (Landkreis Coburg) gesprengt worden.
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Foto: Albert Höchstädter
Foto: Albert Höchstädter
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Martin Hopfe, der Geschäftsführer der Thüringer Sprenggesellschaft ist ein sehr ruhiger und überlegt handelnder Mann. Und er ist ein ziemlicher Zweckpessimist. Als um Punkt 15 Uhr der 60 Meter hohe Albrecht-Schlot zur Seite sind, hört man von Hopfe nur ein Wort, und das ganz schön laut: "Scheiße". Dabei haben Hopfe und seine Mitarbeiter doch nahezu perfekte Arbeit geleistet. Aber halt nur nahezu. Für Sprengmeister Hopfe ist der Schlot nämlich ein bisschen zu lang geblieben nach der Sprengung. So lang, dass ein paar Steine an eine Metalltür am Ende des Firmengeländes fliegen. Schaden: Null. Aber Hopfe brummelt trotzdem vor sich hin: "Auf unsere Leistung esse ich jetzt eine Bratwurst. Zwei hätte ich gegessen, wenn der Schlot ein bisschen eher gebrochen wäre."



Hopfes Auftraggeber sehen die Sache etwas anders.
"Besser hätte man die Sache nicht machen können", sagt Edi Mühlherr, als er mitten im Berg roter Backsteine steht, die vom Schlot übrig geblieben sind. Dort, wo einst der Schlot stand, soll schon bald eine Halle errichtet werden. "Die liegt schon da hinten", sagt Klemens Niehues, der gemeinsam mit Mühlherr die Sprengung in Auftrag gab. Niehues war direkter Nachbar des Schlotes, er lebt in der Albrecht-Villa. Dem 60-Meter-Riesen trauert er dennoch groß hinterher: "Meine emotionale Bindung zu diesem Bauwerk war überschaubar."


Zu bisschen spät kollabiert
Für manch alteingesessenen Weitramsdorfer war dies schon anders. Ulrich Höhn, der Einsatzleiter der Feuerwehr, schaut vor dem großen Knall schon mit ein bisschen Wehmut auf den Schlot und sagt: "17 Jahre habe ich dort gearbeitet, da bleibt schon was hängen." Höhn machte seine Lehre zum Holzmechaniker bei Albrecht einst bei Albrecht. Seinem Kollegen Rüdiger Florschütz geht es emotional gesehen nicht anders: "So spurlos geht die Sache nicht an einem vorbei. Der Schlot war irgendwie schon ein Weitramsdorfer Industriedenkmal." Und jetzt liegt er da, in einzelne Backsteine zerfallen wie ein gigantischer Lego-Turm.

Eine Viertelstunde nach der Sprengung und etlichen Runden im nahen Umfeld ist dann endlich auch Martin Hopfe ein bisschen zufriedener. Und dann klärt er auf, was er denn im ersten Augenblick so "scheiße" fand: "Ich hätte gedacht, dass er ein bisschen eher kollabiert." So aber fiel der Schlot fast in gesamter Länge zur Seite. Ein paar Steine flogen sogar bis zu den großen Containern, die an der Albrecht-Zufahrt standen und die gegenüberliegenden Gebäude schützten. Aber am Ende lag er genau dort, wo er hinfallen sollte. Eine Punktlandung also, die Ulrich Höhn schon in den ersten Sekunden nach der Sprengung erkannt hatte. "Ich finde, der Schlot ist super gefallen", sagte der Einsatzleiter.

Das Ende des 60-Meter-Schlotes besiegelt hat Günter Franke. Er drückte den Knopf der Zündanlage, der die Sprengung auslöste. Minuten vor dem entscheidenden Moment ist bei ihm von Anspannung keine Spur zu sehen. Fast so, als hätte er nichts mit der Sache zu tun, steht er neben dem Bierzelttisch, den Martin Hopfe, Ulrich Höhn, Ulrich Bosecker von der Coburger Polizei und Bürgermeister Christian Gunsenheimer zur Einsatzzentrale erhoben haben.


Nummer 407 ist erledigt
Es ist der 407. Schornstein, den Franke in den vergangenen 27 Jahren in seinem Job umgelegt hat. Das macht gelassen - auch wenn der Albrecht-Schlot "nicht ganz so einfach wie ein Ding auf der grünen Wiese", sagte Franke, ist. Mitten im Ort, viele Gebäude außenrum, wenig Platz - da muss man schon aufpassen. Aber für einen Mann, der schon einen 355 Meter hohen Funkturm umgeschmissen hat, sind 60 Meter Schlot in Weitramsdorf vermutlich wirklich keine große Herausforderung mehr.


Rund um die Sprengung
Die Reste Der 60 Meter hohe Albrecht-Schlot zerfiel in einen riesigen Haufen Schutt. Sprengleiter Martin Hopfe rechnete mit rund 200 Kubikmetern Backsteinen mit einem Gewicht von etwa 360 Tonnen.

Das Personal Die Feuerwehr sicherte mit rund 30 Personen an zwölf Punkten den Sprengort weitläufig ab. Ein fünfköpfiges Team der Coburger Polizei unter der Einsatzleitung von Ulrich Bosecker sperrte während der Sprengung die Hauptstraße.

Die letzten Minuten des Albrechts-Schlots
14.20 Uhr: Die freiwilligen Helfer der Feuerwehr und die Polizei beginnen damit, die Häuser und Straßen im unmittelbaren Umfeld des Albrecht-Geländes zu räumen.
14.32 Uhr: Bürgermeister Christian Gunsenheimer und Ulrich Höhn tragen einen Bierzelttisch heran. Dieser wird zur Einsatzzentrale.
14.45 Uhr: Ein Ton aus der Pressluftfanfare. Das heißt: Achtung! Absperrung herstellen. In Deckung gehen!
14.50 Uhr: Die Feuerwehr und die Polizei beginnen damit, die Straßen in der Ortsmitte abzusperren.
14.53 Uhr: Alle Straßen rund um das Albrecht-Firmengelände sind dicht.
14.55 Uhr: Ein Feuerwehrposten meldet, dass sich zwei Personen über die Warnungen der Feuerwehr hinweggesetzt haben und Richtung Kirche marschieren. Ulrich Bosecker ist sauer: "Leute gibt es... Das kann doch echt nicht wahr sein."
14.56 Uhr: Meldung der Feuerwehr: "Die zwei Personen auf dem Weg zur Kirche sind jetzt doch unserer Aufforderung gefolgt und sind in Sicherheit."
14.58 Uhr: Noch ein Schreck: Eine Person, ein Mitarbeiter von Klemens Niehues, ist irrtümlich in den abgesperrten Bereich gelaufen. Sein Chef pfeift ihn mit einem Handy-Anruf zurück.
14.59 Uhr: Nach zwei Signalen aus der Pressluftfanfare drückt Günter Franke die Zündung.
15.00 Uhr: Rummms!
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