Coburg
Vor der Premiere

Was tun zu dritt im Widerschein der Liebe?

Gastregisseur Andreas Ingenhaag inszeniert in der Coburger Reithalle Goethes frühes Schauspiel für Liebende "Stella". Bei der Uraufführung 1776 in Hamburg löste das Stück einen Skandal aus.
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Fernando (Frederik Leberle) und die Geliebte (Philippine Pachl). Doch was soll werden aus der verlassenen Ehefrau Cäcilie?  Foto: Andrea Kremper
Fernando (Frederik Leberle) und die Geliebte (Philippine Pachl). Doch was soll werden aus der verlassenen Ehefrau Cäcilie? Foto: Andrea Kremper
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Was für ein Skandal damals, 1776 nach der Hamburger Uraufführung. Da schlug doch dieser impertinente Dichter tatsächlich eine Liaison zu dritt vor, sogar eine Art Ehe zu dritt, ganz unverbrämt, im Schauspiel, auf der Bühne, die doch Bildungsanstalt zum Hehren, Guten und moralisch Einwandfreien sein sollte. Man tobte.

Selbst Goethe, der noch junge allerdings, hielt es für angebracht, den Kopf einzuziehen und die Ohren anzulegen. Er schrieb eine zweite Fassung seines "Schauspiels für Liebende", in der sich der zaudernde Strietzi Fernando zwischen seiner Geliebten Stella und seiner Ehefrau Cäcilie stehend, die er eigentlich schon vor Jahren verlassen hatte, doch besser ordnungsgemäß erschießt. Die Geliebte, die ohnehin keine Berechtigung hat, nimmt Gift.

"Stella" ist seiner Widersprüchlichkeiten wegen nicht gar zu oft auf den deutschen Bühnen zu sehen.
Die Hauptfiguren vertreten eher unterschiedliche literatur- und geistesgeschichtliche Strömungen, als dass sie etwa tragisch an einem großen Lebenskonflikt scheitern würden. "Stella" liegt ein Stück weit quer zu Aufklärung, Sturm und Drang und Klassik. So passt der zweite Schluss, dann 1805 in Weimar uraufgeführt, gleich gar nicht.

Starke Ausdruckskraft

"Stella" nun aber trotzdem in Coburg, am morgigen Freitag nämlich in der Reithalle. Es inszeniert Andreas Ingenhaag, der in Coburg schon "Restwärme" auf die Bühne gebracht und ansonsten in den 14 Jahren seines freiberuflichen Daseins etwa 50 Inszenierungen verwirklicht hat, auch an größeren Bühnen in Berlin und Dresden.

"Dieses frühe Werk Goethes finde ich in seiner starken Ausdruckskraft, in der Art, wie die Gefühle in Worte gefasst sind, enorm spannend", erklärt Ingenhaag im Gespräch mit dem Tageblatt die Entscheidung des Landestheaters für dieses Schauspiel. Goethe gibt allen Figuren den Raum, sich über die Sprache ihres Schicksals und ihrer selbst bewusst zu werden. Stella und Cäcilie haben ähnliche Erfahrungen. Dass es um den selben Mann geht, ist mehr als nur pikant.

Freiheit schön und gut, aber...

Die von Cäcilie vorgeschlagene Ehe zu dritt wäre heute kein Skandal mehr. "Doch bei allen Freiheiten bleibt es doch ungeheuer schwer, mit dieser Freiheit umzugehen", verdeutlicht Ingenhaag die heutige Brisanz des Stückes. Selbstverständlich in der ersten Fassung. "Liebe, Gefühle zu steuern, zu kultivieren, bleibt eine ungeheure Aufgabe."

Eine in dieser Konstellation unlösbare? Das ist eben die Frage, der Ingenhaag und Ausstatter Markus Karner entsprechend in heutigem Ambiente, aber an eher abstraktem Ort in atmosphärisch wirkender Bühne nachzugehen versuchen.

"Das Stück erzählt auch etwas über Konsequenzen und Verantwortlichkeit aus eigenem Verhalten", nennt der Regisseur eine weitere Akzentsetzung. Dass in allen drei Figuren eine beachtliche Dimension von Realitätsverweigerung wirkt, sie in Erinnerungen oder rücksichtslosem Freiheitsstreben leben, sie also alle einer Art virtueller Welt frönen, ist ein weiterer höchst ak tueller Zug dieses Schauspiels, meint Ingenhaag.

Er verspricht in weniger als anderthalb Stunden eine konzentrierte Fassung, ganz auf die Hauptpersonen fokussiert. Auf die handfeste, realistischere Postmeisterin verzichtet er wie auf heute als umständlich empfundene Situationsherleitungen. "Der Goethesche Ausdruck bleibt aber unangetastet. Goethe lässt seine Figuren so klug reflektieren. Das Stück lebt von den Gedanken- und Gefühlsentwicklungen. Glücks- und Verzweiflungszustände werden tief ausgelotet."

Dabei gehe alles "radikal schnell", die Figuren träfen hart aufeinander. "Das macht auch die Kraft und die Schärfe dieses Stückes aus." Der stellen sich ab morgen Philippine Pachl als Stella, die gastweise zurückgekehrte Kerstin Hänel als Cäcilie und Frederik Leberle als Fernando. Cäcilies Tochter Luzie, die der Baronesse Stella als Gesellschafterin gegeben werden soll, wird von Eva Marianne Berger verkörpert.

Landestheater Coburg
Johann Wolfgang Goethe "Stella". Inszenierung: An dreas Ingenhaag; Bühnenbild und Kostüme: Markus Karner; Dramaturgie: Georg Mellert. Darsteller: Philippine Pachl, Kerstin Hänel, Frederik Leberle, Eva Marianne Berger.

Premiere am Freitag, 11. April, 20 Uhr in der Reithalle.
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