Itzgrund
Forschung

Was rüttelt da in Feld und Flur des Itzgrundes?

Im Auftrag der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen sind Wissenschaftler auch im Coburger Land unterwegs.
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Das ist alles: Diese gerade einmal handgroßen Geophone stecken im Boden und nehmen die von Vibrationstrucks ausgelösten Vibrationen wahr.Berthold Köhler
Das ist alles: Diese gerade einmal handgroßen Geophone stecken im Boden und nehmen die von Vibrationstrucks ausgelösten Vibrationen wahr.Berthold Köhler
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So viel steht mal fest: Irgendwas in Oberfranken ist nicht normal. Während es andernorts in Deutschland pro 100 Meter Tiefe im Boden um rund drei Grad Celsius wärmer wird, sind es im Norden Bayerns bis zu viereinhalb Grad. Das von der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen finanzierte Forschungsprojekt "2D-Seismik" in Oberfranken soll nun Hinweise bringen, warum das mit dem warmen Boden so ist. Dazu sind die Messtrupps in den vergangenen Tagen auch im Itzgrund unterwegs gewesen.

Es ist ein skurrile Szenerie: Drei riesige Lkw mit Geländebereifung tuckern im Gänsemarsch über Feldwege, bleiben alle paar Meter stehen und pressen dann schwere Rüttelplatten auf den Boden. Mit so hohem Druck, dass die tonnenschweren Fahrzeuge selbst in die Luft gedrückt werden. Eine kurze - genauer gesagt: 16 Sekunden lange - Vibration, schon geht die Fahrt weiter. "So schaffen wir rund zwei Kilometer in der Stunde", erklärt Daniel Günther, der Leiter des Messtrupps. Er und seine Kollegen haben viel zu tun: 200 Kilometer umfasst die Messstrecke, die durch sechs oberfränkische Landkreise führt. Im Coburger Land standen und stehen Messungen im Itzgrund (Kaltenbrunn/Gleußen) sowie im Stadtgebiet Seßlach (Bischwind/Setzelsdorf) auf dem Programm.

8 Sekunden, 6000 Meter tief

So abenteuerlich die Prozedur mit riesigen Trucks, bis zu 150 Kilometer langen Leitungen quer über Felder und Wiesen sowie den schier unendlich vielen Sensoren im Boden ausschaut - so harmlos ist sie auch. "Eine Rüttelplatte auf einer Baustelle verursacht größere Erschütterungen im Umfeld", erklärt Diplom-Geophysiker Günther, während neben ihm ein Lkw wieder einen Impuls aussendet. Ein bisschen spürt man das Bitzeln in den Füßen.

Aber es reicht: Ein paar Hundert Meter Luftlinie weiter sitzt ein italienischer Techniker in einem Messwagen und bekommt auf seinen Bildschirmen angezeigt, wie sich die von ihm per Funksignal ausgelösten Vibrationen im Untergrund ausbreiten. Acht Sekunden lang wird das Echo aufgenommen, bis zu 6000 Meter in die Tiefe können Spezialisten anhand der Daten damit in den Boden "schauen". Wie das genau funktioniert, könnte Daniel Günther in einem stundenlangen Vortrag sicher erläutern. Er macht es aber zum Glück kurz und laienverständlich: "Das ist ein bisschen wie Ultraschall."

Das Verfahren, mit dem Günther und seine Firma GGD Geophysik Leipzig in Oberfranken unterwegs sind, wurde ursprünglich für die Suche nach Öl- und Gasvorkommen entwickelt. Für einen solchen Auftrag war der gebürtige Sachse sogar schon im Niger unterwegs. Hier, von den Haßbergen bis kurz vor die Oberpfalz, spielen kommerzielle Interessen keine Rolle. Es geht um wissenschaftliche Erkenntnisse. "Allerhöchstens für geothermische Nutzung" könnten die Ergebnisse von "2D-Seismik in Oberfranken" eine Rolle spielen, schätzt der Geophysiker und erzählt von den Bestrebungen der Stadt München, auf lange Sicht einen großen Teil ihrer Energie aus Erdwärme zu beziehen. Aber so was ist weder einfach noch billig, weiß Daniel Günther - "und außerdem muss sich erst mal jemand finden, der so ein Projekt wirtschaftlich anstößt".

Große Überraschungen haben die seit Ende Oktober laufenden Messungen nicht mit sich gebracht. Wobei Geophysiker Günther da den monatelangen Auswertungen an der Uni nicht vorausgreifen kann. Es sei Sache der dortigen Geologen, die Schnittbilder durch das Innere der oberfränkischen Landschaft zu interpretieren, erklärt Daniel Günther den Verlauf des Projektes. Bis die Analyse der Daten stattgefunden hat, wird es mindestens ein halbes Jahr dauern Aber so viel darf Günther lachend schon verraten: "Öl haben wir bislang nicht gefunden. Und ich halte es auch für nicht sehr wahrscheinlich, dass wir noch welches finden werden."

"Vibratoren" passt nicht so ganz

Für Geowissenschaftler ist die Region zwischen Kronach im Norden und Forchheim im Süden noch ein relativ unbekanntes Gebiet. Gerade einmal von drei tieferen Bohrungen in Bad Staffelstein, Mürsbach und bei Eltmann weiß Daniel Günther. Das ist einer der Gründe, warum die Friedrich-Alexander-Universität rund 2,8 Millionen Euro aufgetrieben hat, um das geowissenschaftliche Forschungsprojekt auf den Weg zu bringen.

Noch bis kurz vor Weihnachten werden die Trucks, die der Messtruppleiter zur allgemeinen Erheiterung lieber als "Vibrationstrucks" statt als "Vibratoren" bezeichnet, in der Region unterwegs sein. Mit behördlicher Genehmigung und klaren Vorschriften, was zum Beispiel die Mindestabstände zu Wohnbebauung angeht - das betont Daniel Günther ausdrücklich.

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