Coburg

Warum unter das Holocaust-Gedenken kein Schlussstrich gezogen werden kann

Ludwig Spaenle machte bei einem Vortrag in Coburg deutlich, warum weiterhin etwas gegen Antisemitismus getan werden muss.
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Die "Mazel Dik Band" aus Bamberg mit Gottfried Rimmele, Vera Olmer und Sepp Kuffer (von links), die den Abend musikalisch umrahmte. Foto: Marieke Fiala
Die "Mazel Dik Band" aus Bamberg mit Gottfried Rimmele, Vera Olmer und Sepp Kuffer (von links), die den Abend musikalisch umrahmte. Foto: Marieke Fiala
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"Wir haben die Feindschaft gegen Juden noch nicht überwunden", sagt Dieter Stößlein vom Evangelischen Bildungswerk in seiner Begrüßung am Montagabend. Am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, trat Ludwig Spaenle vor einen brechend gefüllten Saal im Haus Contakt, um über diese Feindschaft zu sprechen. Jung und Alt lauschten den Worten des Referenten und diskutierten anschließend gemeinsam über die Herausforderungen, die der Antisemitismus auch heute noch mit sich bringt.

Seit Mai 2018 ist Spaenle Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe und nimmt diese Aufgabe sichtlich ernst. Als er mit seiner starken Stimme von "Judenhass", "industriell betriebenem Massenmord" und "perverser Triebkraft" sprach, war die Anspannung überall im Raum zu spüren.

Immer wieder lerne er aufs Neue, was diese menschenverachtende Ideologie bereit war zu tun, sagte er. "Es gilt nicht, für ein kollektives schlechtes Gewissen zu sorgen", erklärte Spaenle. Nein, es gehe um das Erinnern. Erinnern an die vielen Kunstwerke, Sammlerstücke, aber vor allem natürlich an "das physische Vernichten von Menschen".

"Etwas höchst Wandlungsfähiges"

Doch Spaenle kann nicht nur energisch. Immer wieder schaffte er es, das Publikum auch mit ruhigen Momenten in seinen Bann zu ziehen. Gerade als er mit leiser Stimme fortfuhr, wurde deutlich, wie nah ihm das Thema geht und wie ernst er seine Aufgabe nimmt: Erinnerungsarbeit leisten, junge Menschen sensibilisieren und gegen Antisemitismus in all seinen Formen vorgehen. "Antisemitismus ist so alt wie das Judentum selbst", erklärte er, "und zudem etwas höchst Wandlungsfähiges." Dabei könne es um Verschwörungstheorien gehen, um Vorurteile, Beleidigungen und Schimpfwörter, die bereits auf dem Schulhof zu hören seien. "Wir müssen uns dem Antisemitismus entgegenstellen", bekräftigte er, "deshalb ist Bildung besonders wichtig."

Am Mittag sei er spazieren gewesen, erzählte Spaenle, unter anderem in der Judengasse. Wenn er Straßen, Friedhöfe und Gedenkstätten besuche, die an Juden erinnern, wisse er genau, warum diese Orte von so großer Bedeutung sind: "Sie sind Teil unserer Geschichte." An diese Geschichte und an all diese Menschen zu erinnern, das sei nun "unsere historische Aufgabe", sagte er und fügte deutlich hinzu: "Und dafür gibt's keinen Schlussstrich!"

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