Coburg
Diskussion

Wahlplakate ersetzen keine Bürgernähe

Warum sind die Deutschen so politikverdrossen? Dieser Frage ging Helmut Markwort beim Sonntags-Stammtisch mit seinen Gästen nach.
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Landrätin Christine Zitzmann, CSU-Kandidat Hans Michelbach, Moderator Helmut Markwort, Radio-Eins-Chefredakteur Thomas Apfel und Kreishandwerksmeister Jens Beland (von links) diskutierten über Politikverdrossenheit und populistische Tendenzen. Foto: Daniela Pondelicek
Landrätin Christine Zitzmann, CSU-Kandidat Hans Michelbach, Moderator Helmut Markwort, Radio-Eins-Chefredakteur Thomas Apfel und Kreishandwerksmeister Jens Beland (von links) diskutierten über Politikverdrossenheit und populistische Tendenzen. Foto: Daniela Pondelicek
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Ein kleiner Spaziergang durch Coburg genügt, schon merkt man, dass bald Wahlen sind: Unzählige Wahlplakate sind im gesamten Stadtgebiet angebracht worden, in der Hoffnung, die ein oder andere Stimme mehr für die eigene Partei bekommen zu können. Dabei hat sich bei den jüngsten Landtagswahlen gezeigt: Obwohl immer mehr Menschen wählen gehen, ist der Anteil der Nichtwähler noch immer sehr groß. "Die da oben machen doch eh, was sie wollen" ist ein häufig vorgebrachtes Argument der Nichtwähler und dient deshalb auch als Titel für den Sonntags-Stammtisch im Münchner Hofbräu.
In Anlehnung an die gleichnamige Sendung des Bayerischen Rundfunks, moderiert von Helmut Markwort, bis Ende 2016 Herausgeber des Nachrichtenmagazins "Focus", diskutieren der Bundestagsabgeordnete und Kandidat der CSU, Hans Michelbach, Kreishandwerksmeister Jens Beland, Thomas Apfel, Chefredakteur von Radio Eins, und die Sonneberger Landrätin Christine Zitzmann über die Entstehung, die Probleme und Folgen der Politikverdrossenheit.


Zeichen des Respekts

"Das bloße Anbringen von Wahlplakaten hilft ganz sicher nicht dagegen, dass sich die Gesellschaft zunehmend von ihren Politikern entfremdet", sagt Hans Michelbach. Für ihn liege einer der Gründe für wachsendes Desinteresse auch darin, dass viele seiner Kollegen im Bundestag den persönlichen Kontakt zu den Menschen in ihrem Wahlkreis nicht mehr suchten. "Wichtig ist, dass man auch während der Legislaturperiode so oft wie möglich zurück in seinen Wahlkreis geht und so zeigt, dass man noch Respekt vor den einzelnen Bürgern hat", betont er.
Auch Thomas Apfel sieht diesen Trend. "Bei der Kommunalpolitik sind die Menschen nah dran und sehen direkt, wenn Politiker einen guten Job machen, aber in der Bundespolitik erscheint das alles abstrakt", erklärt er.
Jens Beland vermutet allerdings noch einen anderen Grund: "Viele fühlen sich nicht richtig von der Politik repräsentiert, weil die Politiker heutzutage kaum noch Bezug zu ihnen herstellen können." Ein Faktor, der das begünstige, sei seiner Meinung nach vor allen Dingen die zunehmende Akademisierung. "Die Politiker gehen vom Studium direkt in die Politik - für viele fehlt dann da einfach die nötige Lebenserfahrung, um den Alltag wirklich nachvollziehen zu können", erklärt er.


Frust und Enttäuschung

"Auf diesen Frust und die Enttäuschung zielt dann der Populismus, um Wähler zu gewinnen", sagt Hans Michelbach. Das sei eine der Gefahren, die von der Politikverdrossenheit ausgehen. "Die Menschen wollen unkomplizierte Antworten für sehr komplexe Probleme und der Populismus scheint diese Antworten zu geben", erklärt er. Dabei dramatisieren und überspitzen Populisten die Probleme nur: "Und das hat noch niemanden wirklich weitergebracht."
Trotzdem sei Michelbach erstaunt darüber, wie viele Früchte derlei Aussagen tatsächlich tragen. "Beim Wahlkampf in der Fußgängerzone habe ich viele Aussagen hören müssen, die Flüchtlinge und Andersgläubige diffamieren und damit ganz klar populistisch geprägt waren", erzählt er.
Auch Christine Zitzmann sieht, dass Parteien mit extremer Weltsicht in ihrer Heimat Thüringen viel Zuspruch bekommen. "Ich denke, die Wähler dieser Parteien haben ein tiefes Bedürfnis, wählen zu gehen - vielleicht geht das noch aus dem Wahlzwang hervor, den es in der DDR früher gab", erklärt sie. Jens Beland macht diese Tendenz Angst: "Wenn alle am linken oder rechten Rand wählen gehen, aber die politische Mitte schweigt, wird es brandgefährlich."
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