Coburg
Gastredner

Vortrag in Coburg über Antisemitismus hatte unerwartete Aktualität

Ludwig Spaenle, Beauftragter der bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, sprach am Donnerstag im Coburger Rathaus.
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Stolpersteine vor vielen Häusern und auf vielen Gehwegen in Coburg erinnern an das Schicksal verfolgter, vertriebener und ermordeter jüdischer Bürger. Fotos: Archiv/Jochen Berger, Christoph Winter
Stolpersteine vor vielen Häusern und auf vielen Gehwegen in Coburg erinnern an das Schicksal verfolgter, vertriebener und ermordeter jüdischer Bürger. Fotos: Archiv/Jochen Berger, Christoph Winter

Der Zufall hat dem Besuch von Ludwig Spaenle am Donnerstag in Coburg eine traurige Aktualität verliehen. Einen Tag nach dem rechtsextremistischen Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale sprach der Beauftragte der bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe im Saal des Rathauses. Der Termin des Vortrags war bereits Anfang des Jahres vereinbart worden und sollte eher intern sein. Kurzerhand wurde die Öffentlichkeit eingeladen.

"Antisemitismus gehört leider zur Gesellschaft", sagte Spaenle vor einer Reihe von Stadtratsmitgliedern, Mitarbeitern der Verwaltung und einigen Interessierten. Dies zeige die steigende Zahl an antisemitischen Vorfällen. Um der Entwicklung Einhalt zu gebieten, brauche es neben einer Repression "mit der ganzen Härte des Rechtsstaates" auch eine Prävention durch eine "Kultur des Hinschauens" und der Zivilcourage. "Antisemitische Wirrnisse bedrohen unsere Gesellschaft", warnte der Beauftragte der Staatsregierung. Er erinnerte daran, dass Christen und Juden in Europa eine gemeinsame Geschichte seit 1000 Jahren teilten. "Juden haben dieses Land mit geprägt und das Judentum ist eine der ältesten Weltreligionen."

Bei dem Vortrag erläuterte Oberbürgermeister Norbert Tessmer das Vorhaben, nach dem Vorbild von München keine städtischen Räume Gruppen oder Veranstaltern zur Verfügung zu stellen, die sich Juden gegenüber feindlich in jedweder Form geäußert oder verhalten haben.

Grundlage dazu ist die internationale Definition von Antisemitismus der Internationalen Allianz für Holocaustgedenken (International Holocaust Remembrance Alliance - IHRA). Dieser Definition folgt die Bundesregierung seit Herbst 2017, Bayern hat die Erklärung im Mai dieses Jahres angenommen. Mit der Definition, die in Schulen und in der Ausbildung von Justiz und Polizei verwendet wird, soll es unter anderem erleichtert werden, bestimmte Straftaten einheitlich als antisemitisch einzuordnen. Das umfasst auch das Bestreiten des Holocausts.

Nach den Worten von Ludwig Spaenle sei durch Flüchtlinge in Deutschland ein moslemischer Antisemitismus in Erscheinung getreten. "In manchen Ländern ist die Vernichtung Israels Staatsdoktrin", so Spaenle. Mit Bildung, einer starken öffentlichen Wahrnehmung des jüdischen Lebens und einer aktiven Erinnerungskultur könne dem entgegengewirkt werden. Ludwig Spaenle teilte mit, er setze sich für einen landesweiten Gedenktag des Erinnerns ein. Spaenle kritisierte die AfD, da diese Partei "Toleranzgrenzen absenkt und Tabuschwellen verschiebt". Daraufhin spendeten die Zuhörer ihm Beifall.

Nach den Worten von Oberbürgermeister Norbert Tessmer ist es ein Unding, die Nazizeit als "einen Vogelschiss in 1000 Jahren deutscher Geschichte" zu verharmlosen. Die Stadt Coburg arbeite wegen ihrer dunklen Vergangenheit kurz vor und während der NS-Diktatur ihre Geschichte umfassend auf.

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