Coburg

Von Rock-Rente keine Spur: Scorpions feiern mit 10.000 Fans in Coburg

Rock-Rente - war da was? Der Wechsel aufs Altenteil ist kein Thema mehr, die Scorpions distanzieren sich mit ihrer Scheibe "Return to forever" endgültig von ihrem eigenen Ruhestandsansinnen. 10 000 Fans beim Konzert am Freitagabend auf dem Coburger Schlossplatz danken es ihnen.
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Die Lederkombi mag schon ein bisschen glatter sein als die Haut - aber die metallisch aufgebohrte Stimme von Scorpions-Sänger Klaus Meine hat in all den Jahren fast nichts von ihrer Durchschlagskraft eingebüßt. Fotos: Matthias Hoch
Die Lederkombi mag schon ein bisschen glatter sein als die Haut - aber die metallisch aufgebohrte Stimme von Scorpions-Sänger Klaus Meine hat in all den Jahren fast nichts von ihrer Durchschlagskraft eingebüßt. Fotos: Matthias Hoch
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Als der Gänseschwarm im V-Flug über den schon halbverdunkelten Coburger Himmel zieht, bekommen die Formationssegler vom Boden die passende Bordmusik aus der Flying-V-Gitarre von Rudolf Schenker mit: Gerade stimmen die Scorpions "Coast to coast" an - jenes Instrumentalstück, bei dem Sänger Klaus Meine den Saitenwechsel vollzieht, bei dem seine Stimme ruhen und er selber in die Klampfe hauen darf. Neben ihm turnt die alte Schule der Gitarrenkunst wie Jungspunde um die Wette: Schenker, bedacht mit einer Art Humphrey-Bogart-Gedächtnis-Hut, schrammelt, was das Zeug hält; Matthias Jabs mit der unausweichlichen Baseballmütze reißt sein Arbeitsgerät hoch. Den großen Rockergestus: Sie haben ihn alle noch drauf. Sowas verlernt man nicht, auch nach einem halben Jahrhundert in den Fließgewässern des Rock.

Die waren nicht immer ruhig, auch nicht bei den großen Scorpions. "Wir sind durch Höhen und Tiefen gegangen. Aber ich weiß, dass wir schon früher gerne unterwegs in Franken waren. Hier gab es tolle Clubs, wo wir auftreten konnten", verrät Meine den Zuschauern. Ja, auch eine Gruppe von Weltformat praktizierte einst die Klinkerputzertour. Coburg hat lange warten müssen auf ein Wiedersehen mit den Stachelrockern. An den Auftritt im Kongresshaus 1978 kann sich Meine nicht mehr wirklich erinnern. Allerdings gibt er klar die Richtung vor für den Schlossplatz-Abend 2015: "Das wird kein Spaziergang, Coburg!"


Bühnenshow wirkt nicht altbacken

Es folgen 100 Minuten Werkschau der Hannoveraner, ein Rundumschlag aus mittlerweile 50 Jahren Bandgeschichte. Bretter und Balladen im Wechsel. Die Menge dankt es, dass die Formation tief ins eigene Archiv greift, statt ihrem aktuellen Album "Return to forever" zu sehr die Bühne zu überlassen. Als Opener kredenzen sie zwar "Going out with a bang" von der neuen Scheibe, doch das Quintett zündet auch sein "Dynamite" und lässt Klassiker wie "Blackout" und "Big City Nights" aus dem musikalischen Entmüdungsbecken steigen. Und in Sachen Drumherum sind sie längst in der Jetztzeit angekommen.

An Reizunterdeckung jedenfalls laboriert die neue Bühnenshow garantiert nicht. Auf den Mega-Bildschirmen blitzt und blinkt es, verschießen Dutzende Scheinwerfer ihre Leuchtspurmunition, entstehen Spinnennetze aus dem Nichts, ploppen Bubblegums auf beim Siebziger-Jahre-Medley mit lange ungehörten Perlen wie "Top of the Bill" und "Speedy's coming" . Zu "Make it real not fantasy" weht virtuell die Deutschland-Fahne, ein Bekenntnis zum Scorpions-Heimatstandort Hannover, davor wie ausgestanzt die Silhouetten der Musiker: Live-Konzerte in dieser Künstlerliga bieten mittlerweile nahezu Cineastisches und nicht mehr bloßes Kopfkino.


"Wind of Change" schallt durch Coburg

Derjenige mit dem größten schauspielerischen Talent in diesem Musik-Theater ist zweifelsohne James Kottak. Der Schlagzeuger mit dem blonden Wuschel und dem dicken Li(e)d-Schatten residiert mit seiner Schießbude auf einem Fahrstuhl-Thron, wechselt beinahe nach jedem Titel Oberteil oder wahlweise Handtuch und erinnert in seiner Derwisch-Art an das Trommelmonster aus der "Muppets-Show". Der Amerikaner macht der Gitarrenriege zu seinen Füßen Beine. Er ist es, der nicht bloß bei seinem mehrminütigen Solo die Pflöcke einrammt, sondern auch bei den Weichspül-Einlagen unbeirrt den Steinbeißer gibt. Wenn Klaus Meine "Still loving you" anstimmt, dann ist es Kottak, der selbst solche Schmachtfetzen noch hart genug am Rockerwind hält.
Die Zuschauer lassen sich gerne das Gemüt auf Zurückspulen stellen wie beim Kassettenrekorder. Der unausweichliche "Wind of Change" weht über den Schlossplatz und wird mit der zweiten Zugabenummer zum Orkan: Bei "Rock you like a hurricane" bohrt sich Klaus Meines metallische Stimme geradezu in die Arkaden, hallen die Riffs wider von der Ehrenburg, als würden sich Rocker und Gemäuer ein Duell liefern. Ein würdiger Schlussakkord. Wenn die Scorpions sich nun wieder 37 Jahre Zeit lassen bis zum nächsten Stelldichein in der Vestestadt, dann hätten zumindest Klaus Meine und Rudolf Schenker Heester'sche Altersdimensionen erreicht. Aber wohl noch immer nicht die Rocker-Rente.

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