LKR Coburg
Serie

Von Pilzen und Panzern im Coburger Land

Eine Jugend in den 80ern an der innerdeutschen Grenze und das Gefühl eines gar nicht so kalten Krieges
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Schilder der US-Army warnten vor der Nähe zur Grenze - im Osten kamen die Menschen den Sperranlagen normalerweise nicht so nah.CT-Archiv
Schilder der US-Army warnten vor der Nähe zur Grenze - im Osten kamen die Menschen den Sperranlagen normalerweise nicht so nah.CT-Archiv
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Maronenröhlinge sind leicht zu erkennen. Deswegen werden sie gern gesammelt. In den Fichtenwäldern im Norden des Coburger Landes sind sie häufig. Ebenso leicht zu erkennen ist das charakteristische Motorengeräusch der US Army Jeeps. Die können einem Pilzsammler jederzeit im Wald begegnen. Es sind die 80er. Die Zeit des Kalten Krieges. Wer an der innerdeutschen Grenze, der Trennlinie zwischen Nato und Warschauer Pakt aufgewachsen ist, konnte sich damals schon manchmal fragen, wie kalt dieser Krieg eigentlich ist. Begegnete er doch alltäglich Panzern und Jeeps der Besatzungsmacht, traf Streifen von Zoll und Bundesgrenzschutz und konnte die Hubschrauber am Himmel so gut zuordnen wie die Pilze am Boden. Das dumpfe Krawumm einer explodierenden Mine gehörte zu den Alltagsgeräuschen des Dorflebens, wie das Tuckern der Bulldogs oder das Summen der Melkmaschinen.

Die Grenze gehörte zum Alltag, bestimmte das Leben in der Region entscheidend mit. Wer sich am Sonntag in Bad Rodach oder Rödental zur Motorradtour traf, stellte nur zum Spaß die Frage, in welche Richtung es gehen sollte. Der Landkreis bildete eine Art Sack in der Grenze zur DDR. "Nach Norden, Osten und Westen ist überall Osten", war ein gängiger Spruch. Osten, Ostzone, sowjetisch besetzte Zone - eben "drüben". Die jüngere Generation kannte nicht einmal mehr die Namen aller Orte, die jenseits von Stacheldraht und Minenfeldern zu sehen waren. Aber der Blick auf den Thüringer Wald war schon ein sehnsüchtiger. So nah und doch so fern waren diese Berge, so klar schien, dass keine Motorradtour so schnell dort hin führen würde.

Der sehnsüchtige Blick der Pilzsammler hingegen richtete sich auf den Streifen zwischen den weiß-blauen Pfählen, die die Bayerische Landesgrenze markierten und den Streckmetallmatten der eigentlichen Sperranlagen. Dort, im Heidekraut unter Birken, musste es doch Rotkappen und Birkenpilze geben. Gab es auch. Und es war ein besonderer Spaß, ausgerechnet dort seine Pilzmahlzeit zu ernten.

Übergriff auf das "Niemandsland"

Den Streifen als "Niemandsland" zu bezeichnen, war gebräuchlich aber falsch. Er war Staatsgebiet der DDR. Wer dort erwischt wurde, hatte ein Problem. Er wurde von den Grenztruppen festgesetzt und musste umständlich von der Bundesregierung wieder nach Hause geholt werden. Aber, wen juckt das schon, wenn für Kirchweih oder Polterabend eine Menge junger Birken gebraucht wurde - und im Niemandsland jede Menge davon herumstehen? Der Raubzug der Jungen am Volkseigentum des Arbeiter- und Bauernstaates fand bei den Alten mindestens ein anerkennendes Lächeln: "Ihr Fregger, die habt ihr doch widde drüüm gemaust!" war keine Frage, eher eine Feststellung.

Die Grenze war ein Hindernis. Das Grenzland wurde gefördert und doch blieb es trostlos. Junge Leute wollten vielfach einfach nur weg. Studium, Ausbildung - oft war es die Bundeswehr, die junge Männer erstmals aus der Tristesse holte. In Uniform nach Hause durften sie eigentlich nicht. So nah an der Grenze hatte Bundeswehr nichts verloren. Die meisten kümmerten sich nicht darum. In der Stadt waren es die allgegenwärtigen GIs, die zumindest einen Hauch von Welt mitbrachten. Weil an vielen Kneipen das Schild "off limits" anzeigte, dass sie hier unerwünscht waren, bildeten sich rasch regelrechte Treffpunkte, in denen überwiegend US-Soldaten verkehrten, die immer nur zeitweise in der BGS-Kaserne stationiert waren. Magnete für so manches Mädchen, das hoffte, mit über den großen Teich genommen zu werden. Für einige erfüllte sich dieser Traum.

Trotz aller Zeit der Trennung blieb das Bewusstsein erhalten, dass auf beiden Seiten Deutsche lebten, dass gerade in den nahen Dörfern Thüringens viele Verwandte zu Hause waren, die wir noch nie kennen gelernt hatten. Und dort? Ab und zu durfte jemand zu Besuch kommen. Rentner. Manchmal auch jüngere Leute, zu besonderen Familienfesten beispielsweise. Mit ihnen in Kaufhäusern unterwegs zu sein, war ein Erlebnis. Aber wenig konnte so erschüttern, wie diese Leute von unserer Seite aus an die Grenze zu führen. Tränen und Wut konnten uns damals lehren, dass der Fall der Mauer und mit ihr die DDR nur noch eine Frage der Zeit sein würde.

Das Ende war kaum zu glauben

Und doch konnten wir es kaum glauben, als dann die Nachricht wie ein Lauffeuer durch den Landkreis ging: "In Rottenbach ist offen, da rollen die Trabis in endloser Schlange rüber nach Coburg!" Die Grenze fiel. Der Thüringer Wald ist nicht mehr nur das Ziel sehnsüchtiger Blicke, sondern echter Touren. Die Dörfer jenseits der Grenze, die nur eine zwischen zwei Bundesländern ist, kennt jetzt wieder jeder, der sie kennen will. Panzer und Hubschrauber, Minen und Zäune sind verschwunden, die Amerikaner, Grenzschützer und Zöllner auch. Die Grenze wurde vom Todesstreifen zum Grünen Band.

Aber ist drüben nicht noch immer manches ganz anders als hüben - egal von welcher Seite man schaut? Doch. Aber war nicht auch schon immer in Oberbayern auch manches ganz anders als an der Nordseeküste oder im Ruhrgebiet? Doch. Überall leben Deutsche, überall sind sie ein wenig anders und nirgends gibt es einen Grund, sich deswegen Feind zu sein. Das ist nur noch nicht in jedem Kopf angekommen. Schade eigentlich.

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