Coburg
Lesung

Von den Grenzen in den Köpfen der Menschen

Die russisch-jüdische Journalistin Lena Gorelik reflektierte in Coburg ihre ernüchternden Erfahrungen bei ihrer Reise entlang des Eisernen Vorhangs.
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Lena Gorelik bei ihrer Lesung im "Haus Contakt". Veranstalter waren das Evangelische Bildungswerk und der Literaturkreis. Foto: Marieke Fiala
Lena Gorelik bei ihrer Lesung im "Haus Contakt". Veranstalter waren das Evangelische Bildungswerk und der Literaturkreis. Foto: Marieke Fiala

Mit dem Fall der Mauer ist die äußere Trennlinie verschwunden. Doch wie sieht es mit den Grenzen in den Köpfen der Menschen aus? Die russisch-jüdische Journalistin und Autorin Lena Gorelik präsentierte am Montagabend ihr Herzensprojekt. "Lebensgrenzen - Eine Reise entlang des Eisernen Vorhangs" heißt der Vortrag, der das Publikum mitnimmt ins verschneite Russland und auf mitteldeutsche Wanderwege - aber vor allem zu Treffen mit den unterschiedlichsten Menschen.

Für das kleine Mädchen, das in der Sowjetunion aufwuchs, war das Leben hinter den Grenzen ein dunkles Geheimnis. "Der Eiserne Vorhang war auch die Grenze meiner Fantasie", erklärt die Journalistin.

Als Erwachsene lebt sie "auf der anderen Seite des Vorhangs" und fährt los: In Etappen reist sie zusammen mit der Fotografin Charlotte Troll an die Grenzübergänge. Immer im Zickzack, von Ost nach West, mit allen möglichen Verkehrsmitteln, einschließlich Floß.

"Der Westen"

An der Grenze zwischen Finnland und Russland findet sie sich wieder in einem russischen Dorf, das man zwar auf Google Maps, aber nicht bei Google selbst findet. Dort gibt es gerade mal ein Hotel, eine Apotheke, einen Supermarkt und eine Tankstelle.

Finnland ist für die Russen hier immer noch "der Westen", in den sie zum Einkaufen fahren. Was man dort einkaufe, fragt Lena Gorelik. "Nescafé Gold, der ist in Russland verboten", erzählen drei Russinnen, die sie beim Trampen kennenlernt. Einen Tag anstehen für ein Tagesvisum, fünf Stunden Fahrt hin, fünf Stunden Fahrt zurück - für Nescafé Gold.

Zum Einkaufen "nach drüben"

Auch in Deutschland blieben die Grenzen im Kopf bestehen: "Zum Einkaufen fahren wir oft ,nach drüben‘", habe eine ältere Dame aus Mitteldeutschland erklärt. "Da gibt es Edeka, Aldi und Rossmann."

Und während im Hintergrund der Rechtsrock aus den Lautsprechern der Jugendlichen dröhne, erzähle die Frau von ihrem Sohn, der in Ostberlin verstorben sei, und ihrer Nichte, die auch in München wohne, aber nicht gern "in den Osten" fahre.

Eine Stunde erzählt die Frau Lena Gorelik Geschichten aus ihrem Leben, schließlich von ihrem Urlaub in Italien. "Italien - dafür hat sich die Grenzöffnung doch gelohnt!"

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