Coburg
Stadtgeschichte

Von Coburg aus den Weg bereitet

"Herrschaftsraum" und "Lebenswelt" sind die zentralen Begriffe, anhand derer die Historikerin Eva Karl beschreiben will, wie sich Coburg in den 1920er-Jahren zu einer Nazihochburg entwickeln konnte.
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Am 19. Oktober 1935 sprach Adolf Hitler im Sitzungssaal des Coburger Rathauses.  Foto: Staatsarchiv Coburg, VI 9, 233
Am 19. Oktober 1935 sprach Adolf Hitler im Sitzungssaal des Coburger Rathauses. Foto: Staatsarchiv Coburg, VI 9, 233

Manchmal macht die Vergangenheit einen Satz und drängt sich in die Gegenwart hinein. So geschah es am Donnerstag im Coburger Stadtrat: Eva Karl schilderte, wie die ersten Coburger Nationalsozialisten unter Führung von Franz Schwede ihre drei Stadtratsmandate nutzten, um Aufmerksamkeit zu erregen und Rückhalt in der Bevölkerung zu gewinnen. Sie taten dies nicht durch sinnvolle Anträge oder überzeugende Redebeiträge. Sie verzögerten durch Dringlichkeitsanträge den Sitzungsverlauf, stellten populistische Anträge.

Da waren die Parallelen zum Auftreten der AfD in heutigen Parlamenten schnell gezogen. Vor allem machte Eva Karls Schilderung deutlich, dass bestimmte Muster nicht an Zeiten oder Orte gebunden sind. Was die Nationalsozialisten in Coburg noch probten, erhoben sie später andernorts zum Prinzip. Erfunden haben sie diese Methoden der Machtübernahme nicht. Gert Melville, international anerkannter Spezialist fürs Mittelalter, kennt weitere Beispiele, wo dieser Ablauf funktioniert: Erst die Institutionen aushöhlen, sie dann für nicht legitimiert erklären und sie schließlich durch eine eigene, neue Institution ersetzen. So machten es die Nationalsozialisten in den 1920er und 1930er-Jahren mit dem Coburger Stadtrat und dem deutschen Parlament, so geschah es schon im Mittelalter, "und so macht es heute auch Donald Trump", sagt Melville.

Die Institutionen wie Verwaltung, Stadtrat, Kirche, Behörden bilden den Herrschaftsraum eine Stadt. Wie haben sich die Nationalsozialisten den Coburger Herrschaftsraum aneignen können, und wie wirkte sich das auf die Lebenswelt der Einwohner aus? Mit diesen beiden Begriffen, Herrschaftsraum und Lebenswelt, versucht Eva Karl Coburg in der ersten Hälfte es 20. Jahrhunderts zu fassen. Sie soll die Stadtgeschichte für diesen Zeitraum aufarbeiten. "Das geht nicht chronologisch, Tag für Tag, Jahr für Jahr", sagt Eva Karl.

Mit ihrem Arbeitsbericht am Donnerstag im Stadtrat gab Eva Karl einen ersten Einblick in ihre Herangehensweise. Am Freitag erläuterte sie zusammen mit Professor Melville Details. Die Nationalsozialisten wollten eine "Volksgemeinschaft" schaffen. Das konnte aber nicht allein von oben funktionieren. "Die Frage ist: Was kam von unten? Wie verhielt sich die Bevölkerung?", sagt Melville. Das Landestheater kann in mehrerlei Hinsicht als Beispiel dienen: Der Verwaltungsausschuss beschloss schon vor 1933, keine Juden mehr im Ensemble oder beim Personal dulden zu wollen; das Theater konnte aber auch für die Propaganda und die Imagepflege genutzt werden. Das Landestheater habe im Bewusstsein der Bevölkerung einen besonderen Stellenwert gehabt, und es ist eine Coburger Besonderheit, sagt Eva Karl.

Die Voraussetzungen passten

Was alles zusammenspielte, damit die Nationalsozialisten in Coburg schneller Fuß fassen konnten als anderswo, sei im Grundsatz bekannt, sagt die Historikerin: Coburg war Rentner- und Beamtenstadt, protestantisch geprägt, nach Ende des Ersten Weltkriegs und dem Ende des Herzogtums in seiner Identität erschüttert. "Da konnten generell national-völkische Ideen schnell heimisch werden." Hinzu kam, dass es in Coburg etliche russische Exilanten gab, die dem Herzogshaus nahestanden, anti-bolschewistisch und antisemitisch eingestellt waren und Hitler bald unterstützten. Diese Exilanten hätten auch den früheren Herzog Carl Eduard beeinflusst, ebenfalls ein früher Befürworter Hitlers, berichtet Eva Karl.

Der Deutsche Tag 1922 in Coburg wurde, als die Nazis an der Macht waren, zum Mythos erhöht - sowohl für die Partei als auch für die Stadt. Hitler kam mit seiner SA aus München angereist, trotz Verbot marschierte die Truppe durch die gesamte Stadt, an allen wichtigen Punkten vorbei bis hinauf zur Veste. "Wissenschaftlich gesprochen hat Hitler hier einen Machtraum geschaffen", sagt Eva Karl. Denn die Nationalsozialisten waren 1922 im großen Becken der völkischen und antidemokratischen Gruppen noch eine kleine und relativ unbekannte.

Diejenigen, die in Coburg für Ordnung hätten sorgen sollen, seien hingegen gelähmt gewesen durch "die Angst vor bolschewistischen Überfällen aus Thüringen. Das hat blind gemacht für das, was die völkische Bewegung hier vollzogen hat. Diese Angst war in Coburg überzogen, aber ein großer Vorteil für Hitler", denn seine SA konnte sich als Ordnungstruppe aufführen - und sie war gewaltbereit.

Gewalt, Ausgrenzung, Hetze - die Nationalsozialisten griffen in Coburg alsbald zu diesen Methoden. Auch damit sicherten sie sich Herrschaftsraum. Doch wie wirkte der Herrschaftsraum in die Lebenswelt, in den Alltag der damals rund 25000 Coburger hinein? Das zu erfassen ist nicht leicht. Eva Karl wertet hierfür zum Beispiel die Akten der Sozialbehörden aus, die noch vorhanden sind. Auch Tageszeitungen mit ihren Berichten, Todes- und Familienanzeigen sind eine Quelle, weil sie Hinweise darauf liefern, wie die Bürger zum Regime standen. Manche Biografien werde sie bis über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus nachzeichnen, sagt Eva Karl.

Tief in die Archive

2021 soll Eva Karl das Buch mit ihren Ergebnissen vorlegen. Es habe schon ein halbes Jahr gedauert, die Quellen zu sichten und die Fragestellung zu entwickeln, die sich mit dem vorhandenen Material erarbeiten lässt, sagt sie. Sie scheut sich davor, jetzt schon Ergebnisse zu nennen, weil sich durch die weitere Auswertung neuer Quellen vieles wieder ändern könne. Was sie über den Stadtrat im Jahr 1925 und 1930 gesagt habe, sei durch Quellen belegt, betont sie. Immerhin hat sie bereits 250000 Seiten Archivmaterial studiert, "und dann wird aus so einer Akte bestenfalls ein Halbsatz", sagt Gert Melville. Aber es seien eben die Originalquellen, keine Berichte oder Interpretationen von Berichten.



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