Neustadt bei Coburg
Museum

Vom Alltag in der Puppen- und Spielzeugindustrie Neustadt

Das Neustadter Museum der Deutschen Spielzeugindustrie hat anlässlich seines 30-jährigen Bestehens zur Sonderausstellung "Zeitzeugen berichten" eingeladen.
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Gustav Reimanns Trachtenpuppen, die Hannelore Müller,  Vorsitzende des Museumvereins, immer wieder faszinieren.         Foto: Manja von Nida
Gustav Reimanns Trachtenpuppen, die Hannelore Müller, Vorsitzende des Museumvereins, immer wieder faszinieren. Foto: Manja von Nida
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"Es ist eine sehr persönliche Ausstellung. Wir waren auf der Suche nach den Menschen dahinter, sei es der Sohn eines Bossierers, als Nachfolger eines Familienunternehmens in zweiter oder dritter Generation, als Facharbeiter in einer Fabrik oder als Heimarbeiter. Ihre Lebensgeschichten stehen im Mittelpunkt", sagte Museumsleiter Udo Leidner-Haber. Ein ganzes Jahr lang wurden Berichte und Geschichten der Menschen in der Spielzeugindustrie gesammelt. Am Freitagabend eröffnete Museumsleiter Leidner-Haber mit Sebastian Sonnauer, Geschäftsleiter des im letzten Jahr neugegründeten Zweckverbands "Museen im Coburger Land", den ersten Teil dieser Ausstellungsreihe.

Anlässlich seines 30-jährigen Bestehens hatte das Neustadter Museum der Deutschen Spielzeugindustrie zu dieser beeindruckenden Sonderausstellung "Zeitzeugen berichten" eingeladen. Darin wird an das Leben und Arbeiten im ehemaligen Zentrum der Spielwarenherstellung erinnert. "Der Zweckverband hat seit gut einem Jahr die Trägerschaft für dieses und das Ahorner Gerätemuseum übernommen", sagte Sonnauer. Der Landkreis habe sich dazu entschlossen, wichtige Museen unter einem Dach zu vereinigen, um die Zukunftsfähigkeit sicherzustellen.

Nachbarn und Unternehmer berichten

Erich Gärtner hielt sich lange vor der Glasvitrine im Museum auf, zeigte mit dem Finger auf das Foto darin und sagte schmunzelnd: "Das bin ich da, der Kleinste dort, der, der mit dem Drei-Seiten-Kipper-Lkw spielt. Da war ich so um die zwölf Jahre. Heute bin ich 76." Er und einige seiner Klassenkameraden von der Heubischer Schule seien Anfang der 50er Jahre für einen Katalog des in Neustadt ansässigen Spielzeugherstellers Hausser fotografiert worden. "Wir sollten für ein Foto posieren. Die Firma Hausser benötigte Kinder. Sie forderte diese einfach an unserer Schule an. Ein Teil der Klasse ging mit dem Lehrer hin. Wir wurden platziert und mit der Neuheit, dem Drei-Seiten-Kipper, fotografiert. Bekommen haben wir nichts dafür."

"Wir haben damals in der Bahnhofstraße zwischen den Hausser-Fabriken gewohnt und waren fast immer auf der Straße. Mariannes Vater hatte immer gepfiffen, wenn da Bruchfiguren aus der Firma Hausser zum Verheizen in Schubkarren weggefahren wurden. Die Heizung befand sich hinter der Hausser-Villa, dort, wo noch heute der große Schlot zu sehen ist. Und da ist er damals von der Firmenleitung zur Ordnung gerufen worden, weil wir uns von dort Bruchfiguren zum Spielen geholt haben", erinnerte sich Erich Gärtner. Manche Figuren seien nicht so gut bemalt gewesen, aber sonst in Ordnung.

Aus den Schaufenstern angelacht

"Ich habe auf der Verpackung dort den kleinen Bub sitzen, das ist mein Jüngster", sagte Gerhard Limmer schmunzelnd und zeigte auf das Puppenkind in seiner Vitrine. "Diese Püppchen hatte der Goebel für mich vertrieben, wir hatten ja damals noch Spielwaren vertrieben. Überall, wo wir hin sind, hat mich der kleine Kerl da aus den Schaufenstern angelacht. Das war so ein schönes Gefühl", erinnerte sich Limmer allzu gern. Limmers Vater machte sich 1935 mit einer Papiermaché-Gießerei selbstständig, stellte Spielzeug her. Der Vater habe ihm nach dem Krieg davon abgeraten, in die Firma einzusteigen. Er solle das Bauhandwerk studieren, Sohn Gerhard hörte auf ihn, aber es kam anders: Fürs Studium war kein Geld da, der Vater erkrankte. Limmer: "Ich übernahm dann 1958 doch die Firma". "Mini Hits - die große Freude für kleine Leute", winzige Figuren auf Geschenk-Bonbon-Dosen appliziert, seien zu der Zeit gefragt gewesen, außerdem Tanzpuppen-Serien und Figuren mit einem Uhrwerksantrieb. "Bis zu 30 Mitarbeiter hatten wir beschäftigt, etwa zwölf von ihnen als Heimarbeiter", erzählte Limmer während der Ausstellungseröffnung. Limmers Ehefreu arbeiteten selbstverständlich mit, seine Mutter sogar bis zu ihrem 92. Lebensjahr. Die ersten Puppen wurden 1978 hergestellt. "Die Köpfe habe ich selber bemalt, meine Frau entwarf die Kleider." Limmer produzierte auch für den Export nach Amerika. Das Kaufhaus Macys/USA verkaufte die Waren aus der Puppenstadt. Ab 1980 produzierte Limmer "süße Geschenke", Spielzeug mit Süßigkeiten und erwarb Lizenzen für "Wurzelkinder" nach dem Kinderbuch "Winnie the Poo" oder für "Alice im Wunderland". "Der größte Erfolg waren die Pumuckl-Serien. Nach dem ersten Pumuckl-Film kam von Quelle der erste Auftrag, die Figuren boomten immens", blickte Limmer, heute 88 Jahre alt, auf das Lebenswerk der Familie zurück und vergaß auch nicht zu erwähnen, dass er den Betrieb 2003 aus Altersgründen geschlossen habe.

Und so standen die Lebensgeschichten im Fokus. "Wir bedanken uns bei allen Teilnehmern, ganz besonders dafür, dass sie uns so vertrauensvoll an ihren Biografien teilhaben ließen. Ihre Lebensleistungen haben uns tief beeindruckt", sagte Leidner-Haber. Das eigens entwickelte museumspädagogische Programm "Beruf oder Berufung - Vergleiche der Lebenswirklichkeiten damals und heute" griff dies mit Museumspädagogin Astrid Weschenfelder und Mandy Dollas-Brandner ausstellungsbegleitend auf. Leidner-Habers Dank galt ebenso den Studenten der Hochschule Coburg für die Zusammenarbeit. "Sie werden voraussichtlich am 18. Dezember ihre Mitarbeit in einem Vortrag mit Vorführung eines historischen Films hier vorstellen".

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