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Neu- und Neershof
Tierpflege

Vogelstation mit Pflegenotstand

Seit 50 Jahren kümmert sich Ullrich Leicht um verletzte Greifvögel. Nun sucht der 69-Jährige einen Nachfolger. Auf den wartet mehr als nur das reine Aufpäppeln von Tieren.
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Ulrich Leicht kümmert sich um seinen Dauerpatienten: Der verletzte Uhu ist eines von aktuell vier verletzten Tieren auf der Greifvogelauffangstation in Neu- und Neershof. Foto: Sven Dörr
Ulrich Leicht kümmert sich um seinen Dauerpatienten: Der verletzte Uhu ist eines von aktuell vier verletzten Tieren auf der Greifvogelauffangstation in Neu- und Neershof. Foto: Sven Dörr

"Vor 54 Jahren habe ich einen verletzten Waldkauz gefunden und ihn mit nach Hause genommen. Dort habe ich den Kerl aufgepäppelt, bis er wieder fliegen konnte." Wenn Ulrich Leicht von den Anfängen seiner Leidenschaft erzählt, leuchten seine Augen unter der Brille. Der 69-Jährige arbeitet ehrenamtlich in der Greifvogelauffangstation in Neu- und Neershof und kümmert sich dort um verletzte Wildvögel – das schon seit 50 Jahren, an jedem Wochentag. Wenn ein verletzter Greifvogel gefunden wird, kontaktiert die Polizei Leicht. "Sogar bei Nacht und im Schlafanzug ist der Ulli da", zitiert er einen Polizisten und schmunzelt. Jetzt sucht Leicht einen Nachfolger: "Vielleicht können auch drei Personen die Arbeit übernehmen und sich im Schichtbetrieb abwechseln. Wir würden auch eine Aufwandsentschädigung zahlen", sagt Frank Reißenweber. Der Kreisgruppenvorsitzende des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) betont, dass die Arbeit vor Ort wichtig sei, um bedrohte Arten zu schützen. Auch deshalb hofft er, schnell einen Nachfolger zu finden.

Kriterien für Greifvogelpfleger

"Die Person braucht einen Falkner- und Jagdschein. Wir wären aber auch bereit, jemanden ohne die Referenzen beim Erwerb zu unterstützen – die Kosten etwa (2000 Euro) würden wir übernehmen", erklärt Reißenweber. Alternativ komme auch ein Tierarzt für die Aufgabe infrage.

Aus Leichts Sicht ist aber vor allem absolute Leidenschaft notwendig: "Das ist kein reines Hobby – das muss schon auch Berufung sein", betont er und fügt hinzu: "Du musst eben auch, wenn du mal keine Lust hast." An Hingabe mangelt es ihm nicht. Schon mit 16 Jahren habe er Habichte und Turmfalken abgerichtet, erzählt er. Noch schöner als die Anbindehaltung eines Greifvogels sei für ihn aber, einem Vogel die Freiheit zurückzugeben. Dazu gibt ihm die Auffangstation die Möglichkeit.

Strukturierter Pflegeablauf

Die verletzten Wildvögel werden im Normalfall erst durch einen Tierarzt untersucht. Dann landen sie gegebenenfalls auf Leichts "Intensivstation". Dort reinigt und füttert er sie – auch einen Eingangsschein stellt er ihnen aus. Auf diesem vermerkt er Finder und Fundort. Mit zunehmender Besserung wandert das Tier in die nächstgrößere Voliere und wird zunehmend selbstständiger. "Am Ende kommen meine Vögel in die ,Rehavoliere‘. Die ist groß genug, um zu sehen, ob sie fliegen und jagen können."

Persönliches Highlight

Abschließend kommt für Leicht der schönste Teil des Prozederes: "Die Vögel werden beringt, dann rufe ich den Finder an. Wenn der will, darf er dabei sein, wenn ich das Tier in die Freiheit schicke", erläutert er und strahlt übers ganze Gesicht. "Stellen Sie sich einen Fischadler vor, der seine Flügel spreizt, losfliegt und am Himmel verschwindet", berichtet er von einem seiner persönlichen Highlights.

Nachdem die Tiere bei ihm Station gemacht haben, bringen sie manchmal unglaubliche Distanzen hinter sich. So traf eines Tages ein Brief aus Algerien ein: Einer seiner Greifvögel wurde in Nordafrika – anhand der Berringung – erkannt. "Manchmal liegen sie aber auch tot im Straßengraben, nachdem ich sie freigelassen habe. 80 Prozent der Verletzungen und Todesfälle geschehen durch Autos", sagt er. "Wir verletzen diese Tiere – in der Natur hätten sie kaum Probleme."

Generell ist Leicht der Meinung, dass der Mensch von der Natur mehr lernen sollte. "Wir müssen nur beobachten. Dabei können wir von den Greifvögeln lernen – die haben wahnsinnig viel Geduld", sagt er. Auf seiner Station habe jeder die Gelegenheit, sich auf die Natur einzulassen: "Da hast du deine Ruhe."

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