Coburg
Bericht

Überschuldung ist in Coburg kein Einzelfall

Über 700 Menschen aus Stadt und Landkreis Coburg suchten 2017 professionelle Unterstützung bei der Schuldnerberatung des Caritasverbandes Coburg.
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Symbolfoto: Pixabay/schuldnerhilfe
Symbolfoto: Pixabay/schuldnerhilfe

Die Schuldnerberatung des Caritasverbandes Coburg hat ihre Statistik zum Angebot "Raus aus der Schuldenfalle - Hilfe durch die Caritas-Schuldnerberatung" veröffentlicht. Demnach suchten über 700 Menschen aus Stadt und Landkreis Coburg im vergangenen Jahr professionelle Unterstützung bei der Schuldnerberatung des Caritasverbandes Coburg. In diesem Jahr sind es einer Pressemitteilung zufolge zur Jahresmitte bereits über 500 Ratsuchende.

Vielfältige, oft unvorhersehbare Ereignisse wie beispielsweise Arbeitslosigkeit, Krankheit, Erwerbsunfähigkeit, Trennung bzw. Scheidung, längerfristiges Niedrigeinkommen, gescheiterte Immobilienfinanzierung, aber auch Familienzuwachs oder unreflektiertes Konsumverhalten können zu wirtschaftlicher Not und damit zu Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung führen, wobei oft mehrere Gründe zusammenkommen, erläutert die Sozialpädagogin Frauke Seitz von der Schuldnerberatungsstelle der Caritas.

Psychische und physische Folgen

Wenn es aufgrund von Schulden zu sozialer und finanzieller Not komme, die Existenz bedroht und der Lebensunterhalt nicht mehr gesichert sei, könnten sich die Betroffenen vertrauensvoll an die Fachkräfte der Schuldnerberatung der Caritas wenden, um gemeinsam Wege zu angemessenen Hilfen und Lösungen zu finden. "Ziel ist dabei in jedem Falle die Existenzsicherung sowie die soziale Stabilisierung der Ratsuchenden", stellt Frauke Seitz fest. Im Rahmen weitergehender Beratung und Begleitung werde gemeinsam nach Möglichkeiten einer wirtschaftlichen Sanierung gesucht.

Dies brauche Zeit und die Bereitschaft, sich auf ein längeres Entschuldungsverfahren einzulassen. In der Schuldnerberatung sei häufig festzustellen, dass die Überschuldung nicht nur wirtschaftliche Folgen habe, sondern sich auch negativ auf die psychische und physische Gesundheit sowie das soziale Verhalten der Menschen auswirke. Mahnschreiben und Zwangsvollstreckungsmaßnahmen, sowie eigene moralische Vorstellungen erzeugten Druck. Da Geld und vor allem Schulden und Armut tabubehaftete Themen seien, lebten Betroffene häufig sozial isoliert und versuchten durch neue Schulden nach außen den Schein zu wahren. Sie wendeten sich erst an die Schuldnerberatung, wenn die Existenz massiv bedroht ist, zum Beispiel bei Lohn- und Kontenpfändung sowie großen Rückständen bei Miet- oder Energiekosten, verdeutlicht die Schuldnerberaterin Ursula Mintzlaff.

Wenn der Schuldenberg zu sehr drückt, sollte man das Problem nicht verdrängen, sondern alles daran setzen, die schwierige Situation mit Hilfe der Schuldnerberatung in den Griff zu bekommen, heißt es weiter in der Mitteilung. Das Risiko der Überschuldung sei mehr denn je zu einer Gefahr für breite Bevölkerungsschichten geworden. Nicht selten kämen mehrere Ursachen zusammen, betont Sozialpädagogin Ursula Mintzlaff. Notwendige, die Existenz sichernde Ausgaben, wie Miete, Heizung und Lebensmittel können nicht mehr bezahlt werden.

Auffallend sei, dass sich die Anzahl der überschuldeten jungen Erwachsenen erheblich erhöht habe. Nahezu alle Schuldner dieser Altersgruppe hätten Verbindlichkeiten im Telekommunikationsbereich. Rund 50 Prozent aller Ratsuchenden erhielten Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (SGB II), etwa 35 Prozent bezogen Lohn bzw. Gehalt und befanden sich in finanziellen Schwierigkeiten. Der Anteil derjenigen, die eine Rente beziehen, sei auf 10 Prozent gestiegen. Dies sei auch ein Indiz für eine ansteigende Altersarmut. In zunehmendem Maße seien Alleinerziehende mit unterbrochenen Erwerbsbiografien, Erwerbsgeminderte, oder Menschen mit langen Phasen der Erwerbslosigkeit sowie Personen mit längerfristigem Niedrigeinkommen von Überschuldung bedroht.

Nebenjob notwendig

Die Gläubigeranzahl pro Schuldner bewegte sich insgesamt zwischen einem und 50 Gläubigern. Immer mehr Menschen, die die Schuldnerberatung der Caritas in Anspruch nehmen, gingen zusätzlich zu ihrem Hauptberuf einem Nebenjob nach. Besonders problematisch sei die Situation für die sogenannten "Aufstocker". Steigende Energie- und Mietkosten seien ebenfalls ein großes Problem für die betroffenen Ratsuchenden. Im vergangen Jahr wurden von der Schuldnerberatungsstelle nahezu 300 Bescheinigungen über die Erhöhung des pfandfreien Sockelbetrages ausgestellt. In diesem Jahr seien es bereits bis zur Jahresmitte 171 Bescheinigungen, berichtet Schuldnerberaterin Veronika Hein.

Die Hauptaufgaben der Caritas-Schuldnerberatungsstelle beinhalten den Schuldnerschutz, die Schuldenregulierung, die finanzielle und psychosoziale Stabilisierung, die Vermittlung von Finanzkompetenz, die Vorbereitung der Einleitung des Verbraucherinsolvenzverfahrens sowie Schuldenprävention. Auch Informationen zum Zwangsvollstreckungsrecht, die Überprüfung der Pfändungsfreibeträge und die Wahrnehmung der Schuldner- und Verbraucherrechte gehören zum Aufgabenspektrum. Bei der Schuldnerberatung brauche man einen langen Atem, berichtet Frauke Seitz. Erforderlich seien eine Analyse der individuellen Situation, das Aufstellen eines Entschuldungsplanes, die Unterstützung bei der Sicherung von Einkommen und Wohnung, die Abwehr unberechtigter Ansprüche, die Aufarbeitung der Verschuldungsgeschichte und eine präventive Beratung durch die Fachkräfte der Caritas-Schuldnerberatung.

"Überschuldung destabilisiert die Betroffenen in verschiedener Weise, nicht nur durch oft ungeklärte wirtschaftliche, rechtliche und soziale Fragen, sondern auch in psychischer und gesundheitlicher Hinsicht", erläutert Frauke Seitz.

Der Weg aus der Schuldenfalle ist ein langer, oft nicht einfacher Prozess. Die Schuldnerberatung kümmere sich darum, dass ratsuchende Menschen ihrer Existenzangst nicht mehr hilflos ausgeliefert sind und sie wieder eine verlässliche Lebensgrundlage erhalten.

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