Coburg
Premiere

Tränen und König Artus in Coburg

"Very British" bringt am Landestheater zwei sehr gegensätzliche Choreografien, Tränenreiches von Martin Chaix und heitere Gralssuche von Mark McClain.
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Die Sängerin Luise Hecht  mit Tänzern in Martin Chaix' Choregrafie "Lacrymae". Sebastian Buff
Die Sängerin Luise Hecht mit Tänzern in Martin Chaix' Choregrafie "Lacrymae". Sebastian Buff
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Zwei durchaus umfangreiche Tanzstücke an einem Abend, die aber nichts weiter gemeinsam haben, als dass sie zur Musik englischer Komponisten spielen. Die wird mit Solisten und dem Philharmonischen Orchester des Landestheaters unter Leitung von Roland Fister ganz wunderbar dargebracht. Ansonsten aber fällt "Very British" ein bisschen arg auseinander. Die erste der beiden Choreografien ist etwas Herausforderndes, die zweite eine Gefälligkeit.

Herausfordernd an "Lachrymae" (Tränen) des Gastchoreografen Martin Chaix ist nicht dessen Tanzsprache. Chaix bewegt sich auf den Grundlinien des klassischen Tanzes, womit er in die Geist und Atmosphäre gebende Musik, sieben Lieder des Renaissance-Komponisten John Dowland, eintaucht. Aus diesen Strukturen aber beugt er die Körper seiner in lange Röcke - Männer wie Frauen - gehüllten Tänzer in die Gefühlswelt von heute.

In der Dunkelheit

Den Fokus verstärkt auf der Ausdruckskraft der Arme, findet Chaix innige Bilder der suchenden, sehnenden, lauschenden, in Schmerz verharrenden sich begegnenden und wieder lösenden Menschen. Eindringlich in der Dunkelheit des von ihm selbst gestalteten Raumes, in dem nur drei lange, bewegliche Neonleuchten einen Gegenimpuls setzen zu den sich in der Dunkelheit bewegenden und mitunter verlierenden Tänzern.

Am berührendsten sind die solistischen Momente oder kurze Pas de deux. Den Ensembles mit der ganzen Compagnie fehlte es bei der Premiere sehr an Synchronität, was viel der intentierten Wirkung zunichte machte.

Innige Lieder

Herausfordernd ist die meditative Konzeption des Stückes. Mit zart fühlendem und trotzdem die Kraft der Emotionen haltendem Sopran singt Luise Hecht unmittelbar auf der Bühne sieben Dichtungen von John Dowland, nicht minder einfühlsam begleitet von dem Gitarristen Christian Rosenau.

John Dowlands Lieder sind wunderschön und werden bis heute immer wieder aufgegriffen, man denke nur an Stings Interpretationen. Doch die über einstündige Klage, so gut sie musikalisch auch vorgetragen ist, erschöpft sich, die Choreografie wie die Zuschauer.

Geradezu aufrüttelnd wirkt dann die abschließende Passage, nun mit Kammerorchester im Graben, Benjamin Brittens titelgebendes Lachrymae op 48a, 1974 für Viola und Streichorchester bearbeitet. Britten reflektiert hier mit seinen maßvoll modernen Mitteln Dowland. Bei der Premiere brachte Zhuo Lu mit ihrem Violaspiel Schauder der Ergriffenheit. Sie alterniert in den folgenden Aufführungen mit Woongwhee Moon am Violoncello.

Insgesamt zeigte sich das - leider erneut viel zu schmale Premierenpublikum - begeistert über dieses interessante Angebot des Landestheaters.

A cup is a cup, is a cup". Und Mark McClain ist Mark McClain, Klassiker durch und durch, was den klassischen Ballettfreunden jetzt eine völlig unbeschwerte Dreiviertelstunde heiteren Tanzes in bunten Kostümen (Thomas Kaiser) vor schönen (Landschafts-)Projektionen (Bühne Frank Olle) bringt.

Seine Gralsgeschichte schickt König Arthur und einige Ritter seiner Tafelrunde auf die Suche. Dabei ist der heilige Gral längst unter ihnen, in Gestalt von Sarah, der Tochter von Jesus und Maria Magdalena... Nein, bitte nicht nachdenken, ist ja tatsächlich nicht ganz ernst gemeint. Und solch ein Gral ist eben am Ende auch nur eine Tasse, ein Pott, in den man alles Mögliche rühren kann.

McClain hat seinen riesigen Stoff nicht dazu genutzt, den faszinierenden Gestalten der Artus-Saga im einzelnen stärkeres tänzerisches Profil zu verleihen. Wir sehen eher die ganze Gesellschaft über die Bühne ziehen, mit witzigen Momenten, manchmal im Rößleinsprung, oder sich im anschaulichen höfischen Tanze ergehen. Hier wirkte die Compagnie bei der Premiere deutlich homogener als im ersten Teil des Abend, sie ist eben geübt in McClains Tanzsprache. Ein herausragender zauberhafter Moment erstand, als Arthur (Takashi Yamamoto) seiner Halbschwester, der Fee Morgana (Chi-Lin Chan) begegnet; dieser Pas de deux zwischen Anziehung und Abstoßung berührt.

Mitreißend in diesem Teil des Abends ist das nun in Gesamtheit agierende Philharmonische Orchester. Roland Fister führt es in Edward Elgars Märschen aus "Pomp and Circumstances" und in dessen Enigma-Variationen zu großem Schwelgen, immer wieder aber auch die Kraft der Musik energisch bündelnd und pointiert zur Wirkung bringend. Ein Genuss.

Landestheater Coburg Ballettabend "Very British". Choreografien von Mark McClain und Martin Chaix mit dem Ballettensemble des Landestheaters Coburg und Musik von Benjamin Britten, John Dowland und Edward Elgar. Es spielt das Philharmonische Orchester unter Leitung von Roland Fister. Dramaturgie Dorothee Harpain, Kostüme Thomas Kaiser.

Stück I "Lachrymae". Choreografie und Bühne von Martin Chaix. Sängerin Luise Hecht,

Gitarrist Christian Rosenau

Stück II , "A cup is a cup, is a cup ... Eine Gralsgeschichte" von Mark McClain. Bühne Frank Olle

Es tanzen Takashi Yamamoto,

Sylvain Guillot, Jaume Costa, Angelo Egarese, Joshua Limmer, Chih-Lin Chan, Natalie Franke, Miki Nakamura, Yuriya Nakahata, Martina Di Giulio, Statisterie

Weitere Vorstellungen 14., 26. Februar, 15., 20. März, 19.20 Uhr; 24. Februar, 15 Uhr, 3. März, 18 Uhr



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