Coburg
Wirtschaft

Top-Manager macht Coburg Mut

Thomas Sattelberger ist in Sorge um Deutschlands Zukunft. Deshalb fordert er "digitale Freiheitszonen". Coburg könnte dafür durchaus ein Kandidat sein.
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Friedrich Herdan, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Coburg (rechts), im Gespräch mit dem ehemaligen Manager und jetzigen Bundestagsabgeordneten Thomas Sattelberger.Oliver Schmidt
Friedrich Herdan, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Coburg (rechts), im Gespräch mit dem ehemaligen Manager und jetzigen Bundestagsabgeordneten Thomas Sattelberger.Oliver Schmidt
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94 Prozent der Firmen in Deutschland, die als sogenannte "hidden champions" gelten - die also eher unbemerkt Marktführer sind, dabei aber sehr erfolgreich und vor allem innovativ agieren -, sind bereits älter als 50 Jahre. Das sei ja grundsätzlich gut, findet der ehemalige Top-Manager Thomas Sattelberger. Schlecht sei aber, dass im Gegenzug eben nur sechs Prozent der "hidden champions" jünger als 50 Jahre sind. "Wir haben ein echtes Problem in der Beginn- und Reproduktionsphase", stellte er am Freitagabend als Gastredner bei der IHK zu Coburg fest. Damit Deutschland nicht den Anschluss gegenüber den USA und vor allem China verliere, brauche es "eine neue Dynamik" sowohl in den Unternehmen als auch in den Regionen sowie in der Volkswirtschaft allgemein. "Wir benötigen Erneuerung", forderte Thomas Sattelberger, "wir brauchen Start-up-Unternehmen für einen Quantensprung bei der Innovation".

Aber wie kann es gelingen, gut ausgebildete Hochschulabsolventen zu einer Existenzgründung zu animieren? Im Ide alfall noch in einem eher ländlichen Raum wie Coburg und nicht in einer der ohnehin prosperierenden Metropolen? Thomas Sattelberger, der unter anderem bei Daimler Benz und Lufthansa (siehe dazu Lebenslauf am Textende) tätig war, hat dafür die Idee von "digitalen Freiheitszonen" oder auch "Sonderwirtschaftszonen" entwickelt. Dabei sollte es sich um örtlich klar abgegrenzte Regionen - eventuell auch zeitlich befristet - handeln, in denen Existenzgründern auf besondere Weise geholfen wird. So könnte sich Sattelberger eine Deregulierung bei diversen Vorschriften, auch im Arbeitsrecht, sowie eine Privilegierung bei den Rahmenbedingungen vorstellen. Beispiel: Ein Existenzgründer könnte drei Jahre lang keine Steuererklärung abgeben müssen. Grundsätzlich geht es um bestmögliche Unterstützung, "damit Experimente und Innovation möglich sind".

Vor allem müsste mehr Dynamik in den "MINT"-Bereich, der für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik steht. Derzeit würden nur 8,3 Prozent aller Neugründungen in Deutschland mit MINT zu tun haben - die anderen 91,7 Prozent hätten mit Tätowierstudios und Biofood-Läden zu tun. "Das bringt aber unser Land nicht weiter", so Sattelberger, der sich als "Mann der klaren Worte" versteht.

In einer digitalen Freiheitszone Zone stellt sich Sattelberger vor, dass "Davids und Goliaths" eng zusammenarbeiten - sprich: bestehende Firmen und Start-ups. Genauso wichtig sei die Vernetzung mit einer innovativen Hochschule.


Kritik an der Hochschule

In Coburg sieht Thomas Sattelberger da durchaus gute Ansätze: Allen voran das neue digitale Gründerzentrum (die GmbH "Zukunft.Coburg.Digital") bewertet er positiv. Nach der Lektüre eines Projekts der Hochschule kam er allerdings zu dem Fazit: "Da steckt noch zu viel akademischer Geist drin. Wir brauchen mehr leidenschaftliche Überzeugungstäter!" Ingenieure, die frisch von der Hochschule kommen, würden immer noch zu sehr "in Maschinen denken", sie müssten aber mehr "in Informatik denken". Mit Blick auf Coburg sagte er: "Wir müssen mehr Informatikkompetenz in den ländlichen Raum holen."

Coburgs IHK-Präsident Friedrich Herdan bezeichnete Sattelbergers Rede als "grandios". An der Idee von digitalen Freiheitszonen hatte er sofort Gefallen gefunden und stellte klar: "Wir haben die klassischen Voraussetzungen dafür!"


Der Top-Manager mit der linken Vergangenheit

Lebenslauf Thomas Sattelberger, Jahrgang 1949, hat eine bewegte Vergangenheit. So war er Mitbegründer des Kommunistischen Arbeiterbundes/Marxisten-Leninisten, einem Vorläufer des Kommunistischen Arbeiterbunds Deutschlands. Später begann er eine duale Ausbildung bei Daimler-Benz, 1982 wechselte er zur Konzerntochter MTU, wo er unter anderem für die Führungskräfte-Entwicklung zuständig war. Nach einigen Jahren als Manager bei Daimler-Benz Aerospace wechselte er 1994 zur Lufthansa. 2003 wurde er Personalvorstand und Arbeitsdirektor bei Continental, 2007 übernahm er die gleichen Funktionen bei der Telekom.

Auszeichnungen Von der Fachzeitschrift "Personalmagazin" wurde Thomas Sattelberger fünfmal in die Liste der "40 führenden Köpfe im Personalwesen" aufgenommen.

Politik Im September zog Thomas Sattelberger für die FDP in den Bundestag ein.



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