Coburg
Podiumsdiskussion

Theater auf neuen Wegen vermitteln

Am zweiten Abend der vom Landestheater veranstalteten Gesprächsreihe "Sichtweisen" ging es um die politische Funktion des Theaters heute.
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Die Münchner Professorin für  Unternehmens- und Kulturkommunikation Dr. Julia Kirn (links), die Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Prof. Ursula Männle, und der Nürnberger Intendant Jens-Daniel Herzog  bei der Diskussion des Landestheaters in der Reithalle.Carolin Herrmann
Die Münchner Professorin für Unternehmens- und Kulturkommunikation Dr. Julia Kirn (links), die Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Prof. Ursula Männle, und der Nürnberger Intendant Jens-Daniel Herzog bei der Diskussion des Landestheaters in der Reithalle.Carolin Herrmann
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Das Angebot des Landestheaters war da. Doch es wurde nur von wenigen Besuchern wahrgenommen. Dabei war auch zum zweiten Abend der zusammen mit der Hanns-Seidel-Stiftung veranstalteten Gesprächsreihe "Sichtweisen" das Podium interessant besetzt. Es ging in der Reithalle um die gesellschaftlichen Aufgaben des Theaters, um seine aktuelle politische Funktion, die von dem neuen Nürnberger Staatstheater-Intendanten Jens-Daniel Herzog, der früheren Staatsministerin und heutigen Vorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung Ursula Männle und von Julia Kirn, der jungen Professorin für Unternehmens- und Kulturkommunikation an der Münchner Hochschule Fresenius, beleuchtet werden sollten.

Doch das Gespräch unter Moderation von Christian Limpert vom Bayerischen Rundfunk blieb recht allgemein, zerfaserte, es ergab sich - zu dem vielleicht zu weitläufig angelegten Thema - kein stringenter Gedankengang. Einige interessante Erfahrungsberichte brachten die Podiumsteilnehmer allerdings allemal mit.

So verwies Ursula Männle darauf, dass die Förderung der Kultur in der Bayerischen Verfassung als zentrale Aufgabe verortet ist, der Staat somit beauftragt ist, in die Kultur zu investieren. Männle sieht das Theater vor allem in der Pflicht, in einem breiten Publikum Verständnis für unsere Jahrhunderte alte Kultur zu pflegen. Dazu gehört die kritische Bewertung der Gesellschaft. Ob dies in klassischem oder modernen Rahmen geschehe, sei egal.

Staatliche Unterstützung, solange die ebenfalls verbürgte Freiheit der Kunst nicht eingeschränkt wird, wies Intendant Jens-Daniel Herzog umgehend auf eine mögliche Gefahr. Da sieht er gegenwärtig eine ungute Entwicklung: dass vor lauter politischer Korrektheit, die Realität nicht mehr gezeigt werden darf, wie sie ist. "Wenn ich einen ostdeutschen Nazi darstelle, und der darf auf der Bühne das N-Wort nicht mehr aussprechen, nicht mehr Neger sagen, können wir irgendwann die Realität nicht mehr zeigen."

Der persönliche Bezug

Breiteren Raum nahmen Überlegungen ein, wie die junge, digital geprägte Generation für das Theater gewonnen werden kann. Julia Kirn berichtete von ihren Erfahrungen aus ihrer Zeit als Leiterin des Social Media Teams der Tonhalle Düsseldorf, als Dialog-Initiativen über einen privat betriebenen Blog, Instagram und die sogenannten sozialen Medien zu unerwarteter Resonanz geführt hätten. Es sei der persönlichere Bezug, der zu neuem Interesse führe.

Herzog bestätigte. "Wir müssen in unserer Öffentlichkeitsarbeit weg von der klassischen Plakataktion hin zu Social-Media- Aktionen. Über das Internet gibt es vielfältige Möglichkeiten, das Theatererlebnis und den eigentlichen Kunstgenuss zu vertiefen. Die Museen machen es uns vor. Da kann ich im Vorfeld meines Besuches mich per Internet orientieren und im Nachhinein noch einmal nachforschen und mich vertiefen."

Reinquetschen

Das Nürnberger Theater habe 600 Mitarbeiter. "Wie viele Geschichten liegen da auf der Straße, die im Internet präsentiert werden können. Das Internet kann eine Brücke zum eigentlichen Kunstgenuss sein." Weshalb er sich sofort in jede staatliche Digitalisierungsmaßnahme quetsche, "noch bevor die selbst wissen, wie viel Geld zur Verfügung steht."

Ursula Männle, die Vertretung der politischen Seite auf diesem Podium, brachte einen zunächst etwas belächelten, dann aber rein pragmatisch als durchaus wesentlich zu sehenden Gedanken ein: "Ihr wollt doch Geld vom Staat", zitierte sie aus einer ihrer Diskussionen mit Vertretern von kulturellen Initiativen. "Glaubt ihr wirklich, ihr seid besonders erfolgreich, wenn ihr die Vertreter des politischen Systems ständig beschimpft?"

Politiker nicht beschimpfen

Nicht nur die Distanz der jungen Generation sei zu überwinden. Der Alltag von Politikern, ob professionell oder ehrenamtlich, sei so voll, dass kaum Zeit für die Auseinandersetzung mit Kultur bleibe. "Ihr müsst auch die Leute, die in der Politik für die Verteilung der Gelder zuständig sind, als Multiplikatoren gewinnen." Statt Politiker zu beschimpfen, also besser auf sie zugehen. Ist die Kultur zu stolz für sonst auf vielen gesellschaftlichen Ebenen heftig betriebene Lobby-Arbeit?

Auch da wusste Jens-Daniel Herzog bereits von einem Ansatzpunkt zu berichten. Mitarbeiter des Nürnberger Theaters luden "ihre" Abgeordneten zum Frühstück ein. Die Begegnung, bei der auch die oft geschmähten Politiker ihre persönliche Situation darstellen konnten, habe man als "beglückend" erlebt.

Aus dem Publikum kam die Frage, was das Theater tun könne, um aktuell brisante Themen ins Theater zu bringen. Wobei angemerkt sei, dass dem Landestheater Coburg gegenwärtig eines nicht vorzuwerfen ist: mangelndes Bewusstsein für die Probleme der Gegenwart.

Der Bitte, das Landestheater möge sich stärker an der Aufarbeitung der speziellen Coburger Nazi-Vergangenheit beteiligen, wurde von anwesenden Stadträten entgegnet, dass der Stadtrat die wissenschaftliche Aufarbeitung in die Wege geleitet habe. Der Coburger Intendant Bernhard Loges ergänzte, dass man zur Vermittlung bereit sei, sobald solide Ergebnisse vorliegen.

Sichtweisen Der dritte Termin der vom Landestheater in Zusammenarbeit mit der Hanns-Seidel-Stiftung veranstalteten Gesprächsreiche "Sichtweisen" zum Thema "Kompromiss- und Konsenskultur - Was können Theater und Politik voneinander lernen" findet am Dienstag, 4. Juni, um 19 Uhr in der Reithalle statt.

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