Wohin führt die Reise durch die Geschichte der Musik? Alles ist ja scheinbar schon ausprobiert worden, seit Schönberg den Aufbruch in die vermeintlich endlose Welt der Atonalität proklamierte. Geräusche und das freie Spiel des Zufalls, elektronische Klänge und die Sehnsucht nach Romantik - alles ist schon da gewesen. Was also kann noch kommen, da die Postmoderne selbst schon wieder Vergangenheit ist?

Vielleicht hilft ja ein Hauch unbekümmerter Frische, ein bisschen Schwung jenseits esoterischer "Neue Musik"-Zirkel. Vielleicht helfen ja Interpreten wie Marie-Luise und Christoph Dingler. Die geigenden Geschwister, die sich unter dem Etikett "The Twiolins" der ansonsten wenig gepflegten Gattung Geigen-Duo verschrieben haben, lassen sich von der oft beschworenen Krise des Klassikmarkts nicht entmutigen. Und weil es für die Besetzung mit zwei solistischen Violinen nicht allzu viel Kammermusik gibt, haben sie einfach einen "Crossover Composition Award" ausgeschrieben - einen Komposi tionswettbewerb, der das erklärte Ziel verfolgt, die musikalische Literatur für Violin-Duos zu bereichern.

Shakespeare-Rap

Die Ernte des 2012 ausgerichteten zweiten Wettbewerbs präsentierten die Geschwister zum Saisonausklang beim Coburger "Verein" im HUK-Foyer auf der Bertelsdorfer Höhe. Keine Angst vor Grenzüberschreitungen - das ist das ungeschriebene Motto dieses Abends, bei dem Geigen schon auch mal zeigen können, dass sie sich zur Not auch zum Schlagzeug umfunk tionieren lassen. Und die geigenden Interpreten wiederum mutieren in einem "Sonnet" der jungen britischen Komponistin Sophie Pope zu rappenden Shakespeare-Rezitatoren.
Die Geschwister Dingler kommen mit einem ehrgeizigen Ziel auf das Podium. "Wir wollen eine Klassik schaffen, die das Publikum erreicht", erklärt Christoph Dingler das Anliegen des Kompositionswettbewerbs. Ein gutes Dutzend Kompositionen hat das Duo bei seinem Coburg-Gastspiel im Gepäck - Werke, die immer wieder genüsslich stilistische Einflüsse vermischen. Frappierend, welche Fülle an Klangfarben sich zwei Geigen entlocken lassen. Frappierend, wie sich der scheinbar vertraute Geigenklang verfremden lässt bis hin zum aggressiven Sound einer E-Gitarre.

Wenn die "Twiolins" musizieren, dürfen die Geigen aber auch gar süß singen und sich in ihrem Gesang immer höher hinauf schrauben in allerhöchste Flageolett-Lagen. Das Publikum erlebt Musik, die keine Angst hat vor verführerisch schönen Tönen, vor zuckersüßen Harmonien.

Traumwandlerisch sicher

Als Interpreten bringen Marie-Luise und Christoph Dingler tadelloses technisches Rüstzeug mit. Zudem ist ihr sinnlich lockender Geigenton im Timbre bestens aufeinander abgestimmt. Vor allem aber demonstrieren die beiden Geschwister ein geradezu traumwandlerisch sicheres Zusammenspiel.

In diesem Programm ist Platz für vielerlei Stile und Klänge - auch für nostalgischen Walzer-Charme wie in "La petite valse" von Aleksey Igudesman. Daneben aber finden sich immer wieder Stücke, die raffiniert klangmalerisch gehalten sind.

Leben und Sterben einer Fliege

Das gilt für Judit Varga, die höchst anschaulich Leben und Sterben einer Fliege in Klängen beschreibt ("A fly's life and de cline"). Das gilt aber auch für die "Schienen-Kapriolen" von Hans-Günter Allers, der die Fahrt einer Lokomotive - wie schon einst Arthur Honegger und Heitor Villa-Lobos - sehr lebendig in Musik verwandelte.
Ganz nebenbei wird dieses Konzert in Coburg zur musikalischen Weltreise - beispielsweise mit Jonathan Russells Huldigung an den argentinischen Tango ("Five two tango") und Sebastian Syllas Annäherung an traditionelle indische Musik ("Maha Nada").

Das Publikum beim Coburger "Verein" begleitete diese musikalische Weltreise der Geschwister Dingler mit reichlich Applaus und wurde am Ende einer musikalisch vielseitigen Saison mit zwei Zugaben belohnt.