Coburg
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Teils offene Sympathie fürs System

Liesa Weber hat sich den Handlungsspielraum von Geistlichen während der NS-Zeit genau angesehen. In Coburg wird sie darüber referieren.
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Die promovierte Autorin Liesa Weber stammt aus Beiersdorf und hatTheologie studiert. Die Vikarin an der Kirchengemeinde Bamberg-St. Stephan hat die Handlungsspielräume von Pfarrern und Gemeindegliedern während der NS-Zeit in den evangelischen Dekanaten Coburg und Bayreuth verglichen und erforscht.  Foto: Christoph Winter
Die promovierte Autorin Liesa Weber stammt aus Beiersdorf und hatTheologie studiert. Die Vikarin an der Kirchengemeinde Bamberg-St. Stephan hat die Handlungsspielräume von Pfarrern und Gemeindegliedern während der NS-Zeit in den evangelischen Dekanaten Coburg und Bayreuth verglichen und erforscht. Foto: Christoph Winter

Es gab alles: Gegner, Unterstützer, Mitläufer und Gleichgültige. Die gebürtige Coburgerin und evangelische Vikarin Liesa Weber hat jetzt ihre wissenschaftliche Arbeit zu "Handlungsspielräumen von Pfarrern und Gemeindegliedern in der Zeit des Nationalsozialismus" vorgestellt. Wie haben sich Pfarrer in den evangelischen Dekanaten Coburg und Bayreuth, aber auch Gemeindeglieder, während der NS-Zeit und zu Zeiten der Weimarer Republik zur Ideologie der Nationalsozialisten verhalten? Das nahezu 500 Seiten mächtige Werk setzt sich mit Vorkommnissen in beiden Richtungen auseinander. Liesa Weber stellt es am Montag, 7. Oktober, um 19.30 Uhr im Haus Contakt vor. Weber, Theologin und Vikarin der Kirchengemeinde Bamberg- St. Stephan hat drei Jahre in Archiven des Staates und der evangelischen Kirche Briefe, Akten und Veröffentlichungen zu dem Thema ausgewertet. "Umso beachtlicher sind die wenigen Beispiele der bekundeten Kritik am NS-Staat und seiner Ideologie, deren strafrechtliche Folgen für die Pfarrer deutlich die Grenzen kirchlichen Handelns zeigen. Die Anpassungshaltung der Kirchenleitung wirkte sich zuungunsten der systemkritischen Pfarrer aus [...]. Das mutige Beispiel einzelner [...] zeigt ihr Bemühen, die Predigt des Evangeliums von Jesus Christus nicht zur leeren Hülle werden zulassen", ist das Ergebnis von Liesa Weber.

Schon vor der Machtergreifung der Nazis im Jahre 1933 nahmen Geistliche mehr oder weniger offen Sympathie für die Hitler-Partei ein, hat Weber herausgefunden. Die Geistlichkeit wertete nationalsozialistische Weihefeste mit Ansprachen auf. So der Coburger Dekan Curt Weiß bei der Einweihung der "Franz-Schwede-Glocke" für das Coburger Rathaus am 10. September 1933. Im gleichen Monat weihte der Unterlauterer Ortspfarrer Dr. Adolf Siegel das "Braune Zimmer" der Ortsgruppe de NSDAP ein, "und übernahm dabei auch wie selbstverständlich Wortschatz und Jargon", stellt Dr. Liesa Weber fest. "Hier in diesem Zimmer sollen wir uns immer wieder neue Kräfte holen", es sei "fortan der Mittelpunkt unsere Dorflebens". Für einen Kirchenmann solle doch eher das Haus Gottes die Quelle neuer Kraft und Mittelpunkt sein, so die Theologin.

Im Gegensatz dazu beschreibt Weber, wie ein Pfarrer im Dekanat Bayreuth, obgleich Parteimitglied, auf die Kostenrechnung für ein Ehrengrab für einen SS-Mann beharrt und diesen Anspruch ohne persönliche Folgen auch durchsetzt. "Durch seine Parteizugehörigkeit war dieser Spielraum wohl möglich."

Aus den Forschungsergebnissen stelle sich die Frage, wie politisch oder neutral müsse oder dürfe ein Pfarrer heute sein? Klare Positionen und deutliche Worte seien notwendig, "immer aber muss man gut abwägen, was man als Predigerin auf der Kanzel sagt". Für Rupert Appeltshauser und Franziska Bartl von der Arbeitsgemeinschaft sind ein positives Erinnern und Aufklärung über historische und aktuelle Zusammenhänge wichtig. "Man muss wissen, wie es damals war, um heute angemessen zu reagieren", so Bartl. Und für EBW-Pfarrer Dieter Stößlein stellen sich Zusammenhänge zu Handlungsspielräumen heute dar - bei Migration, Kirchenasyl oder Klimaprotesten.

Weitere Veranstaltungen der Arbeitsgemeinschaft zum Thema "Wir erinnern"

Information Für einige Veranstaltungen wird eine Gebühr zwischen 5 und 10 Euro erhoben. Kontakt: dieter.Stoesslein@ebw-coburg.de, Tel. 0 95 61 / 7 59 84.

Samstag, 26. Oktober, 8 bis 18.30 Uhr Fahrt nach Erfurt zur Mittelalterlichen Synagoge (Brautschatz) und zum Erinnerungsort "Topf & Söhne". Diese Firma entwickelte und produzierte die Krematorien und Lüftungstechnik der Gaskammern in den Konzentrationslagern (Info unter Telefon 0 95 61 / 7 59 84).

Montage, 28. Oktober, und 18. November, jeweils 19.30 Uhr 30 Jahre Mauerfall; Der Journalist Peter Wensierski erzählt, wie eine Gruppe junger Leipziger die Rebellion in der DDR wagte. Kultur.werk.stadt Neustadt (28. Oktober), ev. Gemeindehaus Bad Rodach (18. November).

Montag, 4. November, 19.30 Uhr "Eine Reise entlang des Eisernen Vorhangs", Lesung und Diskussion mit Lena Gorelik, Haus Contakt (Vorverkauf Buchhandlung Riemann).

Samstag, 9. November, 17 Uhr "Stätten der Entrechtung", Gedenkweg zur Reichspogromnacht, Marktplatz/Rathaus.

Dienstag, 12. November, 19.30 Uhr Die Wende in Bildern und Zeitzeugenberichten, Alte Posthalle, Lohgraben 4.

Mittwoch, 27. November, 19.30 Uhr Vortrag "Politisch motivierte Gewalt in Deutschland".Dr. Marcus Mühlnikel, Haus Contakt.

Montag, 27. Januar 2020, 19.30 Uhr Vortrag "Antisemitismus als Herausforderung für die demokratische Gesellschaft". Dr. Ludwig Spaenle, Haus Contakt.

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