Coburg
Premiere

Tanztheater Coburg: Tierisch bis zum Ende

Das Landestheater Coburg erzählt Martin Baltscheits Bilderbuchgeschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor, als Jung und Alt hinreißendes Tanztheater.
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Der  schlaue Fuchs (Sylvain Guillot) geht den Weg des Lebens,  in die Auflösung. Henning Rosenbusch
Der schlaue Fuchs (Sylvain Guillot) geht den Weg des Lebens, in die Auflösung. Henning Rosenbusch
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Sie leben recht vergnüglich, das ruckelnde Huhn (Natalie Franke), die ewig erhobenen Hauptes grinsende Gans (Miki Nakamura), dieser komisch mümmelnde weiße Klappohrhase (Martina Di Guilio) und die bebrillte Flieger-Amsel. Aber sie leben im Leben des Fuchses - bis der schlaue Kerl sie eben packt. Weil dieses zwar Jung und Alt entzückende Tanzstück des Landestheaters Coburg aber bereits für Kinder ab sechs Jahren ist, verschwinden die originell ausstaffierten Viecher eher diskret in diversen Versenkungen der grün bezogenen Kastenlandschaft. Das eitle rosa Pudelchen (Mireia Martinez Pineda), na, das entkommt stets mit einem kleinen Kläffer. Hunde mag der Fuchs ohnehin nicht.

Allein von Ana Tasics fröhlicher Ausstattung vor breiter, Blumen, Wolken, Regentropfen ziehender Projektionswand mag man sich gerne entführen lassen, eine heitere, aber eben auch berührend tiefsinnige Stunde lang. Erwachsene wie Kinder spendeten nach der Premiere von "Der Fuchs, der den Verstand verlor" anhaltenden Beifall.

Witzige Viecher

Der Coburger Ballettchef Mark McClain und in choreografischer Mitarbeit Tara Yipp haben das höchst ausgezeichnete Bilderbuch von Martin Baltscheit genutzt für eine hinreißende eigene tänzerisch-theatrale Verführung. Sie lassen Baltscheits Figuren von der Coburger Compagnie witzig erkunden in ihrer tierischen Typik, jeweils individuell und prägnant. Und es gibt Zeit für schwungvolle Ensembles. Leichtfüßig und locker führt das Stück ganz nebenbei in die Strukturen des (klassischen) Tanztheaters.

McClain bietet allerdings ebenso wenig wie der Autor eine billig tröstende Antwort auf das Thema Demenz, das in dieser Spielzeit an verschiedenen Stellen im Spielplan des Landestheaters behandelt wurde. Sylvain Guillot lässt den Fuchs vom körperlich wie geistig gewitzten, seine Welt beherrschenden Wesen allmählich zum verspotteten Geist seiner selbst werden. Ein Fuchs, der auf die Jagd geht, und das Jagen vergisst!

Der Geist des Fuchses

Hier wird die vielseitige Musik des Penguin Cafe Orchestra, dessen Melodien uns vielfach im Ohr sind, ohne dass wir sie noch mit dieser von 1972 bis 1997 zwischen Folk, Jazz, Minimal Musik und Klassik wirkenden Band in Verbindung bringen, kammermusikalisch ernst.

Sylvain Guillot, der schlaue Fuchs mit braunem Hut und karierter Weste, wird sehr berührend in seiner zunehmenden Verlorenheit, zumal er mit der Schauspielerin Solvejg Schomers als Geist des Fuchses ein eindringlich erzählendes, sprachlich poetisch begleitendes Gegenüber hat. In weiteren Vorstellungen alterniert Guillot mit Joshua Limmer.

Es gibt keinen Ausweg aus dem alles verschlingenden Vergessen, auch nicht im Kinderstück. Was aber bleibt, ist die zärtliche Fürsorge der jungen Füchse (Jaume Costa i Guerrero, Yuriya Nakahata/Chih-Lin Chan). Die spürt der müde Gewordene noch immer. Schlafen mag er nicht gerne mehr allein. Aber das musste er jetzt auch nicht mehr.

Landestheater Coburg "Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor" - Tanztheater nach dem gleichnamigen Bilderbuch von Martin Baltscheit.

Konzeption/Choreografie: Mark McClain unter choreografischer Mitarbeit von Tara Yipp; Bühne und Kostüme: Ana Tasic; Dramaturgie: Carola von Gradulewski; Pädagogik: Christin Schmidt Darsteller Solvejg Schomers, Sylvain Guillot/Joshua Limmer, Jaume Costa i Guerrero, Chih-Lin Chan, Yuriya Nakahata, Natalie Franke, Martina Di Giulio, Mireia Martinez Pineda, Takashi Yamamoto, Miki Nakamura, Manfred Völk

Weitere Vorstellungen 30. April, 2., 3. Mai, 11 Uhr, 5. Mai, 15 Uhr, 17., 19. Mai, 4., 6. Juni, 11 Uhr, 8., 10. Juni, 15 Uhr Karten Theaterkasse Dienstag bis Freitag, 10 bis 17 Uhr, Samstag 10 bis 12 Uhr, Telefon 09561/ 89 89 89red

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