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Coburg
Premiere

Sturz in den Abgrund des Hasses: Shakespeares "Othello" feierte Premiere in Coburg

Wie Gastregisseurin Konstanze Lauterbach William Shakespeares "Othello" als Endzeit-Drama auf die Bühne des Landestheaters Coburg bringt.
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Szene aus William Shakespeares "Othello: Das Drama feierte Premiere am Landestheater Coburg.Foto: Sebastian Buff
Szene aus William Shakespeares "Othello: Das Drama feierte Premiere am Landestheater Coburg.Foto: Sebastian Buff
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Die Welt ist aus den Fugen geraten. Endgültig und ohne Chance auf Rettung. Endzeit-Stimmung auf der Bühne des Landestheaters bei William Shakespeares "Othello". Die Geschichte um den dunkelhäutigen Feldherrn Venedigs und seine zarte Frau Desdemona, diese Geschichte um Jagos skrupellose Intrige mit tödlichem Ausgang - in der Neuinszenierung von Gast-Regisseurin Konstanze Lauterbach wird daraus ein Drama von geradezu apokalyptischer Wucht.

Rückhaltlose Liebe

Im Strudel der Emotionen verwandelt sich rückhaltlose Liebe in gnadenlosen, in maßlosen Hass. Zweieinhalb Bühnen-Stunden weit ist der Weg vom verliebten Umarmen zum verzweifelten Erwürgen. Zweieinhalb Bühnenstunden, in denen das Coburger Schauspielensemble auf beeindruckende Weise vor Augen führt, wozu es in der Lage ist - wenn es von einer klugen, eindringlichen Regie geführt und herausgefordert wird.

Als Regisseurin ist Konstanze Lauterbach von unbeirrbarer Konsequenz. Das bewies zuletzt vor knapp zwei Jahren ihre ebenso stringente wie eindringliche Deutung von Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". Ihre sechste Coburger Produktion ist fraglos ihre bislang düsterste Inszenierung am Landestheater - ausweglos düster und doch geleitet von einer unstillbaren Sehnsucht, in einer Welt des Bösen an die Möglichkeit des Guten zu glauben. Mitten im mörderischen Bühnengeschehen ereignen sich immer wieder Wunder zarter poetischer Momente.

Drama eines Außenseiters

Othello, der Mohr von Venedig, ist als Feldherr ein Mann von unerschrockener Tatkraft und umsichtiger Klugheit. Als Liebender aber ist er ein Gefährdeter - gefährdet, weil er als Außenseiter in Venedigs standesbewusster Gesellschaft ein williges Opfer ist für intrigante Einflüsterungen.

Eigene Textfassung

Aus Shakespeares Fähnrich Jago macht Konstanze Lauterbach in ihrer Textfassung, die sich aus drei modernen Übersetzungen speist, eine ehemalige Geliebte Othellos. Das lässt Jagos Intrige scheinbar leichter nachvollziehbar werden, raubt der Figur (packend gespielt von Kerstin Hänel) jedoch ihre mephistofelische Abgründigkeit, gibt ihr aber zugleich eine fast beklemmende emotionale Wucht.

Zeitloser Bühnenraum

Bühnenbildnerin Ariane Salzbrunn hat einen zeitlosen offenen Raum geschaffen, der mit wenigen, aber symbolschweren Versatzstücken seinen Charakter verändern kann und zum perfekten Rahmen für dieses Endzeit-Drama wird. Mit diesem Bühnenraum korrespondieren die präzis charakterisierenden Kostüme Konstanze Lauterbachs, die ebenfalls zeitlos wirken und zwischen Anklängen an die Shakespeare-Zeit und der Gegenwart changieren

Hommage an Felsenstein

Mit einigen Ausschnitten zitiert Lauterbach die legendäre Felsenstein-Inszenierung von Verdis "Otello" in der Verfilmung von 1969 - eine Huldigung, die durchaus effektvoll wirkt, dramaturgisch aber - von einigen Stellen abgesehen - auch irritiert, so als würde die Regie der Macht des ungesungenen Wortes gerade an zentralen Stellen misstrauen.

Faszinierende Intensität

Dabei entfaltet Konstanze Lauterbach gerade die Macht des gesprochenen Wortes mit faszinierender Intensität. Ihre Shakespeare-Deutung führt die Darsteller unerbittlich konsequent, reizt die emotionalen Extreme des Textes aus und lässt die Spannung zwischen privatem Liebesdrama und politisch instrumentalisiertem Rassismus präzis und zugleich erschreckend aktuell hervortreten.

Traumrolle für Nils Liebscher

Für Nils Liebscher wird dieser Othello zur Traumrolle. Die innere Zerrissenheit der Figur, das Schwanken zwischen jauchzendem Liebesglück und zerstörerischem Misstrauen zeichnet Liebscher mit extremem Einsatz nach. Als Desdemona beeindruckt Solvejg Schomers ebenfalls mit großer Intensität der Darstellung. Lange bleibt sie ahnungslos und wird so zum Opfer der raffinierten Intrige Jagos.

Homogenes Ensemble

Florian Graf als Othellos Leutnand Cassio, Benjamin Hübner als von Desdemona verschmähter Edelmann Rodrigo, Eva Marianne Berger als Jagos Schwester Emilia, Frederik Leberle als Othellos Vorgänger Montano, Bernhard Leute als Doge von Venedig und Karsten Zinser als Desdemonas Verwandter Lodovico - sie alle fügen sie ein in ein sehr homogen agierendes Ensemble.

Othellos unausweichlicher Sturz in den Abgrund - in dieser Inszenierung wird er auf geradezu beklemmend intensive Weise zum Ereignis.

Sie bringen in Coburger Shakespeares "Othello" auf die Bühne

Premieren-Tipp "Othello! -

Tragödie von William Shakespeare; Premiere: Samstag, 8. Februar, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg Termine 14., 20. Februar, 19.30 Uhr, 23. Februar, 15 Uhr, 26. Februar, 3., 6., 12. März, 19.30 Uhr, 15. März, 18 Uhr, 25. März, 19.30 Uhr, 5. April, 18 Uhr, 16. April, 19.30 Uhr, 3. Mai, 18 Uhr

Produktionsteam

Inszenierung und Kostüme: Konstanze Lauterbach

Bühne: Ariane Salzbrunn

Dramaturgie: Carola von Gradulewski

Besetzung Othello: Nils Liebscher

Cassio: Florian Graf

Jago: Kerstin Hänel

Rodrigo: Benjamin Hübner

Der Doge von Venedig: Bernhard Leute

Montano: Frederik Leberle

Lodovico: Karsten Zinser

Desdemona: Solvejg Schomers

Emilia: Eva Marianne Berger

Das Stück Angestachelt von Othellos Fähnrich Jago hat der venezianische Senator Brabantio General Othello der Hexerei beschuldigt. Anders kann es sich der wütende Vater nicht erklären, dass sich seine Tochter Desdemona mit einem Kriegsherrn maurischer Abkunft eingelassen haben soll. Dem Dogen von Venedig droht der Verlust Zyperns. Sein bester Mann im Kampf gegen die türkische Flotte ist Othello. Wie könnte er da auf ihn verzichten? Im Kreuzverhör bekennen sich Othello und Desdemona zueinander und die heimlich in der Nacht geschlossene Hochzeit wird vom Dogen anerkannt. Othello begibt sich umgehend auf den Feldzug gegen die Türken. Desdemona folgt ihm nach. Othello beherrscht das Kriegshandwerk, aber in zwischenmenschlichen Dingen ist er ungeschickt. Leicht beeinflussbar misstraut er denen, die es gut mit ihm meinen, und schenkt sein uneingeschränktes Vertrauen seinem größten Widersacher Jago. Die fatalen Folgen dieser Fehleinschätzungen kulminieren im tragischen Ende, wenn Othello keinen Ausweg aus seiner Eifersucht mehr sieht und seine unschuldige Frau Desdemona ermordet.

Das Thema In seiner Tragödie "Othello" erzählt William Shakespeare nicht nur eine Geschichte von Liebe, Eifersucht und Intrigen. Es ist auch die Geschichte eines Außenseiters, eines Fremden, der versucht in der venezianischen Gesellschaft als vollwertiges Mitglied anerkannt zu werden. Als Kriegsheld und als Werkzeug im Kampf gegen die Türken ist der "Mohr von Venedig" wohl gelitten, aber was ist, wenn er mehr will.

Konstanze Lauterbach absolvierte zunächst eine Ausbildung als Textilfacharbeiterin, wirkte dann als Requisiteurin in Gera. 1976 bis 1981 studierte sie an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Germanistik und Literaturwissenschaften. 1987 bis 1990 war sie Regisseurin am Thüringer Landestheater Rudolstadt. Konstanze Lauterbach wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Am Landestheater Coburg war sie mehrfach als Regisseurin zu Gast. Im Juni 2013 inszenierte sie Tschaikowskys "Eugen Onegin", im Mai 2014 Ödon von Horváths schwarze Komödie "Zur schönen Aussicht", im September 2015 Bellinis Oper "Norma", im Januar 2017 folgte "Antigone" von Euripides. Zuletzt inszenierte sie in Coburg im Juni 2018 mit großem Erfolg die Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" von Kurt Weill auf einen Text von Bert Brecht. Vorverkauf Tickets gibt es in der Tageblatt-Geschäftsstelle, Hindenburgstraße 3a.

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