Coburg
Begegnung

Strahlender Mond im Landestheater Coburg

Wie Gastregisseur Jörg Behr Eduard Künnekes Operette "Der Vetter aus Dingsda" auf die Bühne des Landestheaters bringen will.
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"Strahlender Mond, der am Himmelszelt thront": Laura Incko als Julia de Weert in einer Probenszene in Eduard Künneke "Der Vetter aus Dingsda".Foto: Jochen Berger
"Strahlender Mond, der am Himmelszelt thront": Laura Incko als Julia de Weert in einer Probenszene in Eduard Künneke "Der Vetter aus Dingsda".Foto: Jochen Berger
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Verkehrte Welt im Landestheater Coburg - zumindest dem Anschein nach. Denn bei der ersten Operetten-Produktion dieser Saison mit Eduard Künnekes "Vetter aus Dingsda" ist scheinbar nichts so, wie das Publikum es für gewöhnlich erwartet.

Das Orchester sitzt nicht im Orchestergraben, sondern musiziert droben auf der Bühne. Und die Darsteller spielen nicht nur auf der Bühne, sondern oft auch ganz vorne auf der Abdeckung des Orchestergrabens - ganz nahe am Publikum.

Zerbrochene Welt

Verkehrte Welt - diese szenische Konstellation führt mitten hinein in die Zeit, in der das Stück entstand und im Original auch spielt: die Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Für Gast-Regisseur Jörg Behr, der erstmals am Landestheater inszeniert, ist das der Ausgangspunkt seiner Deutung von Künnekes "Vetter aus Dingsda". Die Welt der Vorkriegszeit - sie ist unweigerlich zerbrochen.

Verwechslungsgeschichte

Das Personal dieser 1921 in Berlin uraufgeführten Operette residiert in einem fiktiven Schloss, kämpft aber in Wahrheit um das blanke Überleben - darum, jeden Tag den Magen sich füllen. Dieses Streben, nicht vertrieben zu werden von den Fleischtöpfen, liefert auch den äußeren Vorwand für eine Verwechslungsgeschichte, in der Logik und Wahrscheinlichkeit keine Rolle spielen.

Diese Geschichte zweier junger Menschen, die sich nach sieben Jahren erstmals wiedersehen, aber nicht wirklich wiedererkennen - diese Geschichte funktioniert nach dem typischen Theatermuster von Verwechslungen und Maskierungen, das für reichlich Verwirrung und für manche scheinbare Enttäuschung sorgt. Doch ein Happyend ist garantiert, verspricht Musiktheaterdramaturgin Dorothee Harpain: "Alles löst sich in Wohlgefallen auf."

Berlin und die Vergnügungssucht

In der Ausstattung von Marc Weeger spielt der "Vetter aus Dingsda" nicht in Holland wie bei Künneke, sondern in Berlin, wo das Werk im April 1921 im Theater am Nollendorfplatz aus der Taufe gehoben wurde und "wie eine Bombe einschlug", wie Jörg Behr erzählt.

Das Bühnenbild setzt auf geschmackvolle Opulenz mit einer scherenschnittartigen Berlin-Silhouette im Hintergrund. Damit wird es zur Hommage an das Berlin der 20er Jahre - mit seinen damals rund 30 Spielstätten für Operetten, Revuen und Varietés, die heftig um die Gunst des vergnügungssüchtigen Publikums buhlten.

Hoffnungen und Enttäuschungen

In seinem Regieansatz geht es Jörg Behr darum, die Figuren aus der Entstehungszeit heraus zu verstehen - Menschen mit ihren Hoffnungen und Enttäuschungen kurz nach dem Ende des großen Tötens auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs.

Volkstümlich bis schwärmerisch

Musikalisch ist Künnekes Meisterwerk eine bunte Mischung - zwischen Modetänzen der 20er Jahre und großen romantischen Nummern, die vieles verraten von der heimlichen Leidenschaft dieses Komponisten zur Oper.

Die Partitur dieses Operette steckt voller Anspielungen, wie Roland Fister erläutert, der am Dirigentenpult der Premiere stehen wird: "Künneke zitiert gerne große Kollegen und stellt so eine musikalische Ironie her."

Zwischen Ironie und Opulenz entfaltet Künneke in seinem "Vetter" eine regelrechte Hitparade - von volkstümlich bis schwärmerisch, von "Kindchen, du musst nicht so schrecklich viel denken" bis "Strahlender Mond, der am Himmelszelt thront".

Rund um den "Vetter aus Dingsda"

Premieren-Tipp "Der Vetter aus Dingsda" - Operette in drei Akten von Eduard Künneke, Libretto von Herman Haller und Fritz Oliven nach einem Lustspiel von Max Kempner-Hochstädt; Sonntag, 5. Mai, 18 Uhr, Landestheater Coburg

Besetzung

Julia de Weert: Laura Incko

August Kuhbrot, der erste Fremde: Peter Aisher

Hannchen, Freundin von Julia: Francesca Paratore / Dimitra Kotidou

Roderich de Weert, der zweite Fremde: Jan Korab

Josef Kuhbrot, Onkel von Julia: Michael Lion

Wilhelmine Kuhbrot, dessen Frau: Anne Heßling

Egon von Wildenhagen: Dirk Mestmacher

Diener Hans: Konstantinos Bafas

Diener Karl: Martin Trepl

Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg

Produktionsteam Musikalische Leitung: Roland Fister; Inszenierung: Jörg Behr;

Bühne und Kostüme: Marc Weeger; Choreografie: Daniel Cimpean; Dramaturgie: Dorothee Harpain

Darum geht es Wer kennt sie nicht, lästige Verwandte, die man "am liebsten nur von hinten sieht"? Der jungen und schönen Julia de Weert geht es da nicht anders: Ausgerechnet ihr Vormund, der gefräßige Onkel Josef mit seiner Frau Wilhelmine (genannt "Wimpel"), ist zu Besuch, um ihr seinen Neffen August Kuhbrot als Ehemann schmackhaft zu machen - und um sicherzugehen, dass ihr Vermögen damit "in der Familie" bleibt. Aber Julia liebt nur einen: ihren Vetter Roderich. Der ist allerdings vor sieben Jahren nach "Dingsda", einer Stadt im Indischen Ozean, aufgebrochen und hat seither nichts mehr von sich hören lassen. Just da tauchen gleich zwei Fremde auf, die behaupten, Roderich zu sein - wer ist nun der Richtige?

Die Musik Hits wie "Strahlender Mond" oder "Ich bin nur ein armer Wandergesell" begründeten Eduard Künnekes Ruhm als Großmeister der deutschen Operette, neben Franz Léhar und Emmerich Kálmán. Gastregisseur Der Regisseur Jörg Behr arbeitete bereits an Häusern wie dem Staatstheater Oldenburg, Semperoper Dresden, Theater Augsburg, Staatsoper Stuttgart und inszeniert regelmäßig am Theater Freiburg. Termine : 9., 10., 17. Mai, 19.30 Uhr, 19. Mai, 15 Uhr, 29. Mai, 19.30 Uhr, 30. Mai, 18 Uhr, 5. Juni, 19.30 Uhr, 10. Juni, 18 Uhr12., 18. Juni, 19.30 Uhr, 23. Juni, 15 Uhr, Landestheater Coburg Vorverkauf Tageblatt-Geschäftsstelle, Theaterkasse

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