Coburg
Konzert

Sternschnuppen-Klang im Glasmuseum

Man kommt nur selten in den Genuss von Glasharfen-Konzerten. Sinniger Weise präsentierte jetzt das Glasmuseum in der Rosenau Susanne Würmell.
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Susanne Würmell an der historischen Glasharfe von Erich Nauwerck.Carolin Herrmann
Susanne Würmell an der historischen Glasharfe von Erich Nauwerck.Carolin Herrmann
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Es gab eine Zeit, da waren die Leute ganz verrückt nach den sphärischen Klängen der Gläserspiele. Komponisten wie Christoph Willibald Gluck schrieben für die aus Trinkgläsern unterschiedlicher Größe, systematisch zusammengestellten Instrumente. Es sind seit dem Mittelalter über 400 klassische Kompositionen für Glasharmonika erhalten geblieben. Dann verschwand dieser Klang für lange Zeit aus dem Bewusstsein, es entstanden mehr und mehr leichter verfügbare Instrumente.

Welch sinnfälliger Zusammenhang und Zusammenklang nun, als das Museum für Modernes Europäisches Glas in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Coburg ein ganz exquisites Glasharfen-Konzert in der Rosenau bot, gläserne Klänge, zum Schaudern schön und berührend, in Gegenwart von inspirierender moderner Glaskunst.

Die Musikerin Susanne Würmell, 2010 schon einmal zu Gast, führte leidenschaftlich theatral durch die Geschichte dieses nach wie vor selten zu erlebenden Instrumentes. Und sie verzückte durch ihr versiertes Spiel, mit ihren zehn mit Wasser befeuchteten Fingern über die Glasränder streichend und dabei nicht nur bekannte unter die Haut schwebende Melodien erzeugend. Sie entlockte den schwingenden Gläsern auch rhythmisch herausfordernde, temporeiche Musikstücke, Astor Piazzollas "Libertango" etwa oder Bruno Hofmanns (1913 - 1991) Sternschnuppen-Scherzo.

Der Stuttgarter Musiker und Komponist gilt als Schöpfer der Glasharfe in der Nachfolge der Glasharmonika, machte den besonderen Klang in seiner über 60-jährigen Konzerttätigkeit und Forschungsarbeit wieder populär. Susanne Würmell allerdings verwies mit einem Briefauszug darauf, dass Hoffmann durch einen heute unbekannten Glasharfenentwickler und -spieler im Alter von 16 Jahren auf sein Instrument gebracht worden war, durch Erich Nauwerck (1907 - 1943).

Sie hat es restauriert

Der junge, dann als Soldat im Krieg umgekommene Schwabe experimentierte solange, bis er vor genau 90 Jahren mit seinem eigenen, neu entwickelten Instrument vor die Leute treten konnte. Ein kleines Wunder geradezu: Dieses Instrument, diese fragile Formation, überstand den Zweiten Weltkrieg auf einem Berliner Dachboden. Ein Musiker der Berliner Philharmoniker wurde auf das originale Instrument aufmerksam, Susanne Würmell konnte es erwerben und restaurierte es in mühevoller Arbeit. Stolz führte sie es in der Rosenau vor, mit dem Gebet der Agathe aus Carl Maria von Webers "Freischütz".

Die Geschichte ist bemerkenswert, doch mit Susanne Würmells neuerem Instrument wurde die klangliche Weiterentwicklung hörbar, hin zu reinerer, kraftvollerer, klarerer Tonmodulation. Ihr Publikum gleich verführend, begann sie selbstverständlich mit Glucks Reigen seliger Geister aus "Orpheus und Eurydike", womit vom ersten Stück des Abends an für jene ganz eigene musikalische Entrückung gesorgt war, hervorgerufen aus flötenartigen Klängen, die aber viel tiefer in den Raum zu reichen scheinen, gleichzeitig die große Kirchenorgel imaginierend, deren weiten Raumklang aber eher traumhaft im Hintergrund zitierend.

Händel, dann Bach, Mozart - mit ihrer Fingerfertigkeit, ihren in vielfältigen Kombinationen gespreizten Fingern erzeugt Susanne Würmell anspruchsvolle Akkordfolgen und erweckt klassische Kompositionen zu eigener, so nie gehörter Schönheit. Im zweiten Teil streifte sie durch "Legenden" der moderneren Musikgeschichte, populäre Songs, für die Glasharfe reizvoll adaptiert, "My Way" von Frank Sinatra, "Moonriver", Edith Pi af, es geht offenbar alles auf der Glasharfe. Während "Let it be" von den Beatles dann vielleicht doch ein bisschen zu getragen schwer klang, war in der gläsernen Bearbeitung des Abba-Hits "I have a dream" mit Staunen zu hören, welch wunderbare, substanzvolle Melodie in diesem Popsong steckt.

Susanne Würmell wurde 1968 in Frankfurt am Main geboren. Sie ist Glasharfenspielerin und arbeitet als Konzert-Glasharfenistin sowie unter dem Pseudonym Josephine als Musikalclownin. Susanne Würmell gründete als Glasmusik-Solistin die Duos glass&strings und GuiGla-Duo mit Glasharfe und Gitarre, spielte bei den Europäischen Glasmusikfestspielen, der Potsdamer Schlössernacht und konzertierte als Solistin mit den Berliner Philharmonikern.

Die Glasharfe, auch Gläserspiel genannt, besteht aus mehreren in Reihen angeordneten Trinkgläsern, die durch kreisende Bewegungen mit dem nassen Finger am Rand zum Klingen gebracht werden (Haftgleiteffekt).

 In der Moderne wurde das Musikinstrument vom Stuttgarter Musiker Bruno Hoffmann (1913-1991) zur Wiedergabe der für Glasharmonika geschriebenen Kompositionen verwendet. Aufgrund der besonderen Anordnung der Gläser ist dessen Glasharfe eine Erweiterung des ursprünglichen Gläserspiels. Der Tonumfang des chromatischen Instruments reicht (seit 1959) vom kleinen g bis zum viergestrichenen d. Der Klang, der sich in den höheren Lagen besser entfalten kann, ist sehr hell und zart. Durch den Diamantschliff und die Abstimmung der Gläser muss das Instrument nie mehr gestimmt werden. Seine Möglichkeiten übersteigen insbesondere in der Dynamik diejenigen der Glasharmonika.wp

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