Coburg
Debüt

Stehende Ovationen für Michael Leslie in Coburg

Wenn ein Pianist des Jahrgangs 1943 noch immer als Geheimtipp gilt, sagt das vermutlich mehr über den Musikbetrieb aus als über den betreffenden Künstler. Bei seinem Coburg-Debüt im Kongresshaus wird der in München lebende Pianist Michael Leslie mit stehenden Ovationen verabschiedet.
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Ein Pianist als beschwörender Musikerklärer: Michael Leslie begeisterte das Publikum im Coburger Kongresshaus gleichermaßen mit seinem Musizieren wie mit seinen anschaulichen und lebendigen Erläuterungen.  Foto: Jochen Berger
Ein Pianist als beschwörender Musikerklärer: Michael Leslie begeisterte das Publikum im Coburger Kongresshaus gleichermaßen mit seinem Musizieren wie mit seinen anschaulichen und lebendigen Erläuterungen. Foto: Jochen Berger
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Schneller, lauter, bunter - so scheint das Profil jener Künstler zu sein, die sich auf dem hart umkämpften Klassikmarkt durchsetzen wollen. Jung und virtuos sollten sie sein und möglichst fotogen - ob sie dann interpretatorisch tatsächlich etwas zu sagen haben, ist zunächst einmal gar nicht so wichtig.

Ein Künstler wie Michael Leslie, 1943 in Sydney geboren und seit vielen Jahren in München lebend, passt da nicht recht hinein in dieses Raster. Er versteht sich ganz kompromisslos als Sachwalter der Komponisten, wie auch sein Debüt bei der Coburger "Gesellschaft der Musikfreunde" beweist. Einen dicken Stapel an Partituren hat Leslie dazu auf dem Steinway-Flügel platziert - freilich nicht, weil er sich dem Usus des Auswendigspielens widersetzen will, sondern um deren Vorworte vorzulesen.

"Beethoven pur"

Denn Michael Leslies Gastspiel im Kongresshaus unter dem Etikett "Beethoven pur" ist nicht einfach nur ein Konzert, sondern fast eine Vorlesung mit integriertem Konzert. Mit dem Vorwort einer Notenausgabe aus der Mitte des 19. Jahrhunderts macht Leslie deutlich, wie sehr sich der Blick auf Beethoven verändert hat. Dieses Wissen um die Verfallszeiten scheinbar unverrückbarer Wahrheiten bewahrt Michael Leslie vor jeder Form von dogmatischer Rechthaberei. Er ist unbeirrbar in seinem Bestreben, dem Willen des Komponisten möglichst nahe zu kommen und weiß doch zugleich, dass große Musik natürlich mehr zulässt und verträgt als nur eine einzige Lesart, die dann als die vermeintlich endgültige präsentiert wird.

Wer die Karriere von Michael Leslie betrachtet, findet manche CD-Einspielung, manche Rundfunkaufnahme sowie Auftritte mit namhaften Orchestern. Doch die großen Plattenfirmen haben Michael Leslie nicht im Repertoire. Warum nur?

Weil er nicht stromlinienförmig wirkt? Weil seine Sicht beispielsweise auf Beethoven Ecken und Kanten hörbar macht? Genau damit aber wird dieser Pianist unverwechselbar wie an diesem Abend, den er mit einer fulminanten Deutung der einst als unspielbar geltenden "Hammerklavier-Sonate" krönt.
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