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Witzmannsberg
Tennis

Zwischen Joggen und Keller aufräumen: ein Tennisprofi in Zeiten von Corona

Bis mindestens Anfang Juni ruht das Profitennis aufgrund des Coronavirus: So geht French-Open-Sieger Kevin Krawietz aus Coburg mit der ungewöhnlichen Situation um.
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Ist nur schwer von seinem Arbeitsgerät zu trennen: Kevin Krawietz (rechts) und seine Verlobte Judit auf der Couch in ihrer gemeinsamen Wohnung in München.  Foto: privat
Ist nur schwer von seinem Arbeitsgerät zu trennen: Kevin Krawietz (rechts) und seine Verlobte Judit auf der Couch in ihrer gemeinsamen Wohnung in München. Foto: privat

Rund zwei Monate nach ihrer Verlobung können sich Tennisprofi Kevin Krawietz aus dem Ahorner Gemeindeteil Witzmannsberg (Landkreis Coburg) und Judit Csonka über zu wenig Zweisamkeit in ihrer Münchner Wohnung nicht beschweren. Nur Krawietz' zweite große Liebe, das Tennis, kommt derzeit zwangsläufig viel zu kurz. Denn das Coronavirus hat auch die Tenniswelt vorerst lahmgelegt: das Profitennis ruht bis mindestens 7. Juni.

Aufgrund der Ausgangsbeschränkung und der gesperrten Sportplätze ist auch an Training mit dem Schläger für den Witzmannsberger in naher Zukunft nicht zu denken. "Aktuell kann ich nicht mehr machen, als mich fit zu halten. Ich gehe viel laufen und mache daheim Stabilisationsübungen. Ich überlege gerade, unser Gästezimmer in einen Fitnessraum umzufunktionieren", sagt Krawietz. Ungewohnt viel Freizeit, die der Tennisprofi auch für häusliche Aufgaben nutzt. "Kleiderschrank ausmisten und Keller aufräumen, solche Sachen kommen ja sonst zu kurz."

Als die ATP-Tour vor knapp zwei Wochen zunächst bekanntgab, die Turniere bis Ende April zu pausieren, hätten bei ihm zwar die negativen Gefühle überwogen, doch sah Krawietz auch etwas Positives in der Situation. "Ich dachte, ich kann dann ein bisschen Ski fahren oder Golf spielen, aber überhaupt nichts Sportliches machen zu können, ist schon bitter", sagt der 28-Jährige.

Für etwas Abwechslung sorgen da schon Medientermine, wie ein Interview mit dem Pay-TV-Sender Sky im Münchner Olympiapark - zwei Tage vor der Ausgangsbeschränkung in Bayern. "Die wissen in den nächsten Wochen auch nicht so recht, was sie senden sollen. Da realisiert man erst, dass das Virus wirklich jeden Einzelnen von uns betrifft."

Auch der Großteil der Tennisprofis steht vor einer ungewissen Zukunft. Kritisiert wird von den Aktiven vor allem die unzureichende Kommunikation der Verbände. Der französische Tennisverband FFT etwa verlegte jüngst in einem Alleingang die French Open (neuer Termin: 20. September bis 4. Oktober), ohne die Interessen der Spielervereinigungen ATP (Herren) und WTA (Damen) zu berücksichtigen. "Eine offenere Kommunikation wäre schon wünschenswert. Wir bekommen im besten Fall eine E-Mail, wissen dann aber über die Umstände der Absagen oder Verschiebungen auch nichts Näheres", so Krawietz.

Klarheit gibt es mittlerweile, wie in den kommenden Monaten mit der Weltrangliste verfahren wird. Die Platzierungen werden während der Unterbrechung "eingefroren". Krawietz bleibt also vorerst auf Platz 13 der Doppel-Weltrangliste stehen und verliert zwar wie alle anderen Profis keine Punkte, aber gewinnt ohne Turniere natürlich auch kein Preisgeld. "Besonders für Spieler, die im Einzel schlechter als Position 150 platziert sind, schaut es nicht gut aus", erklärt der Oberfranke.

Bevor Krawietz im vergangenen Jahr den Durchbruch in der Weltelite des Doppels geschafft hatte, verbrachte er viele Jahre auf der Challenger-Tour, der "2. Liga" des Profitennis, und musste bei im Durchschnitt etwa 500 Euro Preisgeld pro Turnier selbst um das Überleben kämpfen. "Ich habe das Glück, dass ich eine gute Saison hinter mir habe und mir ein gewisses Polster erarbeitet habe, aber viele andere Profis sind auf die Preisgelder angewiesen und benötigen finanzielle Hilfe. Und natürlich leiden beispielsweise auch Trainer sehr unter dieser Krise", sagt Krawietz und hofft auf die Solidarität der Verbände.

Olympia: "Richtige Entscheidung"

Als vernünftig erachtet der Witzmannsberger die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Olympia um ein Jahr zu verschieben: "Eine richtige Entscheidung, die zu erwarten war. Das ist natürlich sehr traurig für all die Sportler, die auf Olympia gewartet haben. Aber es gilt einfach, ein höheres Risiko zu vermeiden. Deshalb ist die Verschiebung auf 2021 der einzig sinnvolle Weg." Krawietz hätte gute Chancen gehabt, in Tokio dabei zu sein. Im Mixed plante er, mit Julia Görges an den Start zu gehen.

Trotz der schwierigen Lage rund um das Coronavirus versucht Krawietz stets, das Gute nicht aus den Augen zu verlieren: "Ich glaube, jeder reflektiert im Moment sehr viel und schätzt gute und erfolgreiche Phasen mehr als zuvor. Wir sehen gerade, dass auch solche Katastrophen passieren können und stehen jetzt alle vor einer großen Aufgabe, die nur gemeinsam zu schaffen ist."mg

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