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Witzmannsberg
Tennis

Nebenjob im Supermarkt: French-Open-Sieger Kevin Krawietz packt mit an

Der gebürtige Coburger Profi Kevin Krawietz hat in der tennisfreien Zeit einen neuen Job angenommen - als Aushilfe in einem Supermarkt. Das weltweit positive Echo auf die ungewöhnliche Aktion hat den 28-Jährigen selbst überrascht.
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Ob Kevin Krawietz (Foto) mit seinem Doppelpartner Andreas Mies in diesem Jahr seinen Titel bei den French Open verteidigen darf, ist noch offen. Aktuell ist geplant, das Grand-Slam-Turnier in Paris ab dem 27. September auszutragen.  Foto: Archiv/Jürgen Hasenkopf
Ob Kevin Krawietz (Foto) mit seinem Doppelpartner Andreas Mies in diesem Jahr seinen Titel bei den French Open verteidigen darf, ist noch offen. Aktuell ist geplant, das Grand-Slam-Turnier in Paris ab dem 27. September auszutragen. Foto: Archiv/Jürgen Hasenkopf

Wenn ein deutscher Tennis-Doppelspezialist in Zeiten von Corona auf der Startseite großer Online-Portale auf der ganzen Welt zu sehen ist, muss etwas Außergewöhnliches passiert sein. Gemeint ist Kevin Krawietz, Tennisprofi aus dem Ahorner Gemeindeteil Witzmannsberg im Landkreis Coburg.

Ein Interview mit dem 28-Jährigen in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Der Spiegel" zieht weite Kreise. Krawietz verriet dem Magazin, dass er seit einigen Wochen auf 450-Euro-Basis bei einem Discounter im Raum München arbeitet. "Ich räume zusammen mit einem Kumpel Regale ein und aus, schaue, dass Wurst und Käse aufgefüllt sind, sortiere leere Kartons aus, wir nennen das abschachteln", umschreibt er sein Aufgabenprofil.

Zur Erinnerung: Krawietz gewann im vergangenen Jahr mit Doppelpartner Andreas Mies aus Köln die French Open in Paris und setzte sich unter den Top 10 der Weltrangliste fest. Einer der besten Tennisspieler der Welt, der morgens um fünf Uhr aufsteht, um Regale in einem Supermarkt einzuräumen?

Ein vermeintlicher Gegensatz, der global für ein sehr positives Echo sorgt. Auf dem Online-Auftritt der "Marca" etwa, der größten Sportzeitung Spaniens, entwickelte sich unter dem Krawietz-Artikel eine Grundsatzdiskussion. "Während dieser Mann arbeitet, weinen in der Zwischenzeit die Millionärsfußballer, dass sie in diesen Monaten etwas weniger verdienen werden", schreibt ein User in Hinblick auf die zumindest zögerlichen Gehaltsverzichtserklärungen von Superstars wie Toni Kroos (Real Madrid) oder Lionel Messi (FC Barcelona).

"Das Echo war mir nicht bewusst"

Nach Veröffentlichung des Spiegel-Interviews stand das Telefon des gebürtigen Coburgers am Wochenende nicht mehr still. "Dass es so ein Echo geben wird, war mir nicht bewusst. Ich hatte das mit dem Job bisher nicht an die große Glocke gehangen und es im Interview nur in einem Nebensatz erwähnt", sagt Krawietz im Gespräch mit dieser Zeitung. "Aber ich stehe voll und ganz hinter der Sache, und die Reaktionen waren alle sehr positiv. Also ist für mich alles gut."

Der 28-Jährige hatte "schon länger mal vor, in einen normalen Job reinzuschauen". Aufgrund der Corona-Krise und der anhaltenden Tennis-Pause habe er nun die Möglichkeit dazu erhalten. Auf die Idee, bei einem Discounter zu jobben, kam Krawietz durch seinen langjährigen Freund und Ex-Tennisprofi Hannes Wagner.

Die beiden waren früher gemeinsam auf der ITF-Tour, der "3. Liga" des Welttennis, unterwegs und mussten um jeden Euro Preisgeld kämpfen. "Er sagte vor einiger Zeit zu mir, dass ihm langweilig sei und er überlege, ob er Regale im Supermarkt auffüllen soll. Er meinte es aber eher als Scherz", erinnert sich der Coburger. Anfang April wurde aus der lapidaren Idee dann aber nach einem Zufall ernst. Krawietz' Verlobte Judit hatte Kontakt zu einer Bekannten, die für eine große Discounter-Kette arbeitet und vom akuten Personalmangel in Zeiten des Coronavirus berichtet.

Die zwei Kurzzeitverträge für die Tennisspieler waren schnell verschickt. "Mein Kumpel war dann nicht mehr ganz so begeistert, aber ich sagte zu ihm, jetzt müssen wir es schon durchziehen", so Krawietz. Ihren ersten Arbeitstag traten beide gemeinsam in der gleichen Filiale an - morgens um halb sechs.

Aller Anfang war schwer. "Es hat schon gedauert, bis ich wusste, wohin die Lebensmittel müssen. Der Filialleiter hat uns ausgelacht, dass wir für eine Palette einräumen eine ganze Stunde gebraucht haben", erzählt Krawietz grinsend. "Die Arbeit ist zwar an sich nicht wirklich anstrengend, aber es ist hart, weil es immer dasselbe ist. Eine Kollegin dort arbeitet beispielsweise seit 17 Jahren in der Filiale, davor habe ich viel Respekt."

Ein Tag Security-Mitarbeiter

Eine besondere Erfahrung war für den Coburger, an einem Arbeitstag den Security-Dienst vor dem Eingang zu übernehmen und die Einkaufswagen mit Desinfektionsmittel zu besprühen. Noch voller Euphorie trat Krawietz seine Fünf-Stunden-Schicht um 15 Uhr an. "Um 15.30 Uhr habe ich zum ersten Mal auf die Uhr geschaut, es war schon extrem langweilig." Verständnis für die derzeitige "Einkaufswagenpflicht" brachten Security-Mitarbeiter Krawietz nicht alle Kunden entgegen. "Ich wurde schon das eine oder andere Mal in einem blöden Ton angemacht. Da denkt man sich schon, warum seid ihr wegen einer Sache, die vielleicht lästig, aber auch kein Riesenaufwand ist, so unfreundlich?"

Krawietz bewies aber stets Contenance und freute sich im Gegenzug über viele positive Reaktionen. Der eine oder andere Sportfan erkannte den French-Open-Sieger, der wie alle anderen Mitarbeiter mit einer Schutzmaske arbeiten muss, sogar - frei nach der Pro7-Show, "The Masked Athlete". "Zwei-, dreimal schauten mich Leute an und sagten, ich kenne sie doch. Die waren dann total begeistert und wir haben gemeinsam gelacht", sagt Krawietz. So gut dem Coburger und den Kunden solche Begegnungen auch gefallen haben, neigt sich die Zeit des Profisportlers im Supermarkt langsam dem Ende entgegen. "Noch zehn Stunden habe ich zu absolvieren."

Danach will sich Krawietz wieder verstärkt anderen Dingen widmen - am liebsten natürlich dem Tennisspielen. Seine Prognose für das ATP-Tennisjahr, das aktuell bis zum 12. Juli pausiert, fällt aber eher düster aus. "Mit internationalen Turnieren rechne ich in diesem Jahr nicht mehr unbedingt."

Hoffnung auf Wettkampfpraxis gibt es für die deutschen Tennisprofis aber trotzdem. Der Deutsche Tennisbund (DTB) plant ab 8. Juni eine nationale Turnierserie mit 32 Herren und 24 Damen. Mit dabei sollen unter anderem Philipp Kohlschreiber und Jan-Lennard Struff sein. Auch Krawietz hat eine Einladung vom DTB erhalten. Die Partien werden natürlich ohne Zuschauer ausgetragen, möglicherweise aber im Fernsehen oder Internet übertragen. Und dann kann auch der Coburger endlich wieder dem nachgehen, was er am liebsten macht. "Nach meinen Erfahrungen im Discounter schätze ich meinen Beruf umso mehr", so Krawietz.

Profis allein zu Hause (7): Heute Kevin Krawietz

In den drei Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz sind die Tennisanlagen bereits seit einer Woche wieder im Betrieb. In Bayern werden sich die Hobbyspieler aber noch etwas gedulden müssen. Kevin Krawietz, der mit seiner Verlobten Judit in München lebt, darf wie einige andere deutschen Tennisprofis dank einer Ausnahmegenehmigung seit zwei Wochen wieder im DTB-Stützpunkt, der Tennis Base in Oberhaching, trainieren. Trotzdem verbringt der 28-Jährige, der im Ahorner Gemeindeteil Witzmannsberg aufgewachsen ist, aktuell weitaus mehr Zeit zu Hause als üblich. Sieben Fragen an Kevin Krawietz in Zeiten von Corona.

Meine Lieblingssportübung in den eigenen vier Wänden ist:

Ich mache jeden Tag mein festes Fitnessprogramm: Stabiübungen, die die Basics wie Bauch, Rücken, Oberkörper umfassen - alles was dazugehört. Außerhalb der Wohnung gehe ich viel laufen und fahre seit neuestem auch Inline-Skates.

Ohne mein Handy würde ich: Mehr lesen. Nehme ich mir jetzt auch vor, ab und zu Mal ein Buch in die Hand zu nehmen. Die Zeit dafür ist ja perfekt.

Mit dieser Person habe ich zuletzt telefoniert/gechattet:

Das waren meine Kumpels. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe für Fifa-Turniere. Da sind wir mittlerweile 20 Leute.

Ich vermisse gerade am meisten, dass:

Dass ich Freunde und meine Familie nicht treffen kann. Und einfach gemütlich im Restaurant frühstücken oder gemeinsam Grillen an den sonnigen Tagen.

Das darf in meinem Kühlschrank nicht fehlen:

Milch für Kaffee und ein paar Eier dürfen nicht fehlen.

Diesen Film/Serie sollte jeder gesehen haben:

Ich bin ein Fan von "Haus des Geldes", das ist eine überragende Serie. Ansonsten fallen mir als gute Serien noch "The Blacklist", "The Spy" und "True Detective" ein.

Jeden Tag ist für mich ein Muss:

Guten Kaffee zu trinken, gut zu frühstücken und Sport zu machen.