Coburg
Tennis

Matchball-Drama und Becker-Faust

Kevin Krawietzs erstes Davis-Cup-Match für Deutschland bot Dramatik pur, und dabei war dem Witzmannsberger die Unterstützung einer großen Sportlegende sicher. Gegen Argentinien gewannen die French-Open-Sieger nach 3:18 Stunden.
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Sie spielen und jubeln in diesen Tagen in Madrid für Deutschland: Andreas Mies (links) und der 27-jährige Witzmannsberger Kevin Krawietz, die ihr Davis-Cup-Debüt feierten. Foto: Manu Fernandez/AP/dpa
Sie spielen und jubeln in diesen Tagen in Madrid für Deutschland: Andreas Mies (links) und der 27-jährige Witzmannsberger Kevin Krawietz, die ihr Davis-Cup-Debüt feierten. Foto: Manu Fernandez/AP/dpa

Sein erstes Davis-Cup-Spiel wird Kevin Krawietz niemals vergessen. Nach 3:18 Minuten verwandelte er an der Seite von Andreas Mies den achten Matchball. "KraMies" gewannen gegen das Duo Maximo Gonzalez/Leonardo Mayer in drei Tiebreak-Sätzen mit 6:7 (4:7), 7:6 (7:2) und 7:6 (20:18) nach 3:18 Stunden.

Boris Becker fieberte in der deutschen Box mit wie kein anderer. Immer wieder feuerte Deutschlands berühmtester Tennisspieler aller Zeiten den Witzmannsberger Kevin Krawietz (27) und seinen Kölner Partner Andreas Mies (29) an. Er klatschte, er tanzte, er jubelte. Beckers Körpersprache erinnerte an längst vergessene Davis-Cup-Zeiten.

Der Leimener holte sogar mehrmals die Becker-Faust raus. Er stemmte sich damit auch gegen eine lautstarke argentinische Übermacht auf den Rängen. Als wolle der Ex-Champion das Rad der Zeit zurückdrehen. Zum Beispiel ins Jahr 1987, als er die "Tennis-Schlacht von Hartford" gegen John McEnroe nach 6:21 Stunden gewann und anschließend mit der deutschen Fahne um den Centre Court rannte.

Ganz so lange dauerte es gestern Abend nicht, doch reichlich Drama bot auch dieses unvergessliche Spiel. Bevor KraMies nämlich den letzten Ball verwandelten, wehrten sie selbst fünf Matchbälle teils spektakulär ab. Kurios: Kein Spieler gab in den drei hart umkämpften Sätzen auch nur einmal sein Aufschlagspiel ab.

Mit "Germany" auf dem Rücken

Für Kevin Krawietz war es der erste Einsatz für sein Land. Mit dem Schriftzug "Germany" auf dem Rücken kämpfte er an der Seite seines kongenialen Partners Mies beim Davis Cup in Madrid. Nachdem die Deutschen Einzelspieler bereits beide Matches gewonnen hatten, war der ganz große Druck für das fränkisch-rheinische Duo raus.

Denn die Auswahl des Deutschen Tennis Bundes (DTB) jubelte zuvor über den Sieg von Jan-Lennard Struff (Warstein), der den favorisierten Diego Schwartzman mit 6:3, 7:6 (10:8) überraschte und zuvor über den Triumph von Routinier Philipp Kohlschreiber, der Guido Pella mit 1:6, 6:3, 6:4 (mehr dazu auf Seite 26) besiegte.

Heute gegen Chile

Ein Sieg gegen Chile am heutigen Donnerstag würde den Gruppensieg und damit die Qualifikation für das Viertelfinale bedeuten. Da aber auch der dritte Punkt gegen Argentinien in der Endabrechnung von Bedeutung sein kann, sahen die Zuschauer in der spanischen Hauptstadt ein hochkonzentriertes Quartett, das sich zu keinem Zeitpunkt auch nur einen Ballwechsel schenkte.

Der 1. Satz

23 sogenannte "Unforced Errors" waren im ersten Satz viel zu viel. Ein leicht verschlagener Vorhand-Volley im Tiebreak von Andreas Mies und ein starker Return des Argentiniers Gonzalez jeweils bei Aufschlag von Kevin Krawietz brachten die Entscheidung zugunsten der Südamerikaner. Mit 4:7 verloren "KraMies" nämlich den Tiebreak und damit nach 49 Minuten auch den ersten Durchgang.

Der 2. Satz

Bemerkenswert: Gleich im ersten Spiel nach dem ärgerlichen Satzverlust wehrte "KK" einen Breakball mit einem Ass ab. Und das mit seinem zweiten Service. Ein wichtiger Schlag!

Die French-Open-Sieger legten anschließend nämlich immer vor, hatten nur im siebten Spiel leichte Probleme. Da sich aber auch die Argentinier keine Blöße gaben und bei 4:5-Rückstand sogar zwei Satzbälle abwehrten, ging es erneut beim Stande von 6:6 in den Tiebreak.

Doch dieses Mal hatte das deutsche Duo die Nase vorn: Nach 0:2-Rückstand gelangen Krawietz/Mies tatsächlich sieben Punkte in Folge. Nach weiteren 53 Minuten glichen sie nach Sätzen aus.

Gerade der Witzmannsberger glänzte in der entscheidenden Phase mit viel Übersicht, als wolle er seinem einstigen Vorbild Becker sagen: "Schau her, das habe ich mir einst von dir abgeschaut." Jetzt liefen die Schützlinge von DTB-Teamchef Michael Kohlmann auf Hochtouren.

Der 3. Satz

Krawietz hielt sein Weltklasse-Niveau, wehrte bei 1:2-Rückstand einen Breakball gegen seinen Aufschlag ab, der des Öfteren auch über 200 Stundenkilometer schnell war. Da sich auch Mies steigerte und die Argentinier ihre Klasse eindrucksvoll demonstrierten, wurde die Begegnung immer besser. Längere Ballwechsel mit spektakulären Volley-Duellen am Netz riss die Fans von den Sitzen. Und mittendrin, statt nur dabei: Immer wieder Boris Becker.

Vielleicht war es ja gerade die Anwesenheit des dreifachen Wimbledon-Siegers, die den beiden Newcomern im deutschen Team Flügel verlieh, denn Krawietz und Mies liefen jetzt zur Bestform auf. Natürlich ging es zum dritten Mal in den Tiebreak, weil Krawietz bei 5:6-Rückstand erstaunliche Nervenstärke zeigte und mit einem zu Null gewonnen Aufschlagspiel für den Ausgleich sorgte.

Die folgende Satz-Verlängerung geht in die Geschichtsbücher des Davis-Cup ein: Wie im 2. Satz führten die Argentinier schnell mit 2:0. Danach starteten KraMies wieder eine Serie von diesmal fünf Punkten. Nach dem 5:2 folgten aber drei Zähler für die Gegner.

Matchbälle hüben wie drüben

Nach dem 6:6 begann ein wahres Matchball-Drama. Die Deutschen hatten alle Trümpfe in der Hand, vergaben jedoch beste Möglichkeiten am Netz. Deshalb mussten sie selbst insgesamt fünf Matchbälle abwehren, bis sie schließlich das Match nach 3:18 Minuten erfolgreich beendeten.

Der Jubel bei den beiden Spielern, ihren Teamkollegen und Betreuern, den Eheleuten Krawietz und natürlich bei Boris Becker war danach grenzenlos. Er nahm Krawietz liebevoll in den Arm und gratulierte dem Witzmannsberger zu einer fantastischen Leistung.

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