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Handball

HSC-Trainer Jan Gorr: Gartenpflege statt Aufstiegskampf

Jan Gorr, Trainer des Zweitliga-Tabellenführers HSC 2000 Coburg, vertreibt sich in der Corona-Zwangspause die Zeit auf seinem Teichgrundstück in Hessen. Mit seinen Spielern hält der 42-Jährige aber stets über Videositzungen Kontakt.
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Aktueller Lieblingsplatz von Jan Gorr in der handballfreien Zeit: sein Teichgrundstück in Großen-Linden bei Gießen. Den HSC 2000 Coburg trägt er dabei nicht nur in Gedanken mit sich.  Foto: privat
Aktueller Lieblingsplatz von Jan Gorr in der handballfreien Zeit: sein Teichgrundstück in Großen-Linden bei Gießen. Den HSC 2000 Coburg trägt er dabei nicht nur in Gedanken mit sich. Foto: privat

Wenn Jan Gorr in diesen Tagen über sein kleines Teichgrundstück in seiner mittelhessischen Heimat Großen-Linden unter Sonnenschein schlendert, scheint die Welt noch in Ordnung. Der Trainer und Sportliche Leiter des Handball-Zweitligisten HSC 2000 Coburg räumt auf, fegt Laub und schneidet Sträucher. Der ganz normale Alltag eines Hobbygärtners zu Frühlingsbeginn?

Nicht ganz, denn Gorr, der am Montag 42 Jahre alt wurde, hat Anfang April normalerweise keine Zeit für Gartenarbeit geschweige denn für einen gemütlichen Heimatbesuch. Doch in diesem Jahr ist aufgrund des Coronavirus alles anders. "Es fühlt sich schon komisch an, wenn man bedenkt, dass wir jetzt gerade in der heißen Phase wären und die Weichen auf eine erfolgreiche Saison stellen könnten", erklärt er. Bis zur vorläufigen Aussetzung der Zweitliga-Saison waren die Coburger nicht nur auf Erfolgskurs, sondern bei fünf Punkten Vorsprung auf Nichtaufstiegsplatz 3 bei verbleibenden zehn Partien auch auf Aufstiegskurs.

Kurzarbeit seit einigen Tagen

Bis 22. April ist die Spielzeit unterbrochen, ob und wann die restlichen Begegnungen absolviert werden können, steht derzeit in den Sternen. Das Wichtigste für alle 36 Vereine der 1. und 2. Liga ist derzeit, die Krisensituation in wirtschaftlicher Hinsicht zu überleben. Der HSC folgte vor wenigen Tagen dem Weg, den bereits rund die Hälfte der Ligakonkurrenten gegangen war - Kurzarbeit für Spieler, Trainer und Mitarbeiter in der Verwaltung. "Das sind Tage, die man nicht proben kann. In dieser Ausnahmesituation gilt es, noch das Beste draus zu machen. Und es ist toll, dass der Verein so zusammenhält und ein starkes Signal abgibt", sagt Gorr. Nachdem der 42-Jährige bis zur vergangenen Woche noch einen halbwegs geregelten Arbeitsalltag im Büro in Coburg hatte, fühlt er sich jetzt in seiner Heimat in der Nähe von Gießen etwas "verloren": "Es ist eine unglaubliche Umstellung, an die ich mich noch nicht gewöhnt habe. Mir fehlt der Ablauf in der Halle, die Arbeit mit der Mannschaft."

Kontakt hält Gorr natürlich trotzdem mit seinen Schützlingen. In diesen Tagen in erster Linie über Videochats in Kleingruppen. "Mir geht es vor allem darum, unser Mannschaftsgefühl beizubehalten und die Spieler transparent über den aktuellen Stand seitens der Liga zu informieren", erklärt Gorr. "Technisch funktioniert das Ganze sehr gut, aber es ist natürlich trotzdem nur ein Notbehelf und wird es auch immer bleiben."

Die gute und wichtigste Nachricht in diesen Tagen: Stand jetzt gibt es im HSC-Lager keinen Virus-Verdachtsfall, alle Spieler sind gesund und halten sich zu Hause fit. "Unsere Athletiktrainer haben jedem Empfehlungen an die Hand gegeben, in deren Rahmen sie sich bewegen können. Aber die Spieler sind in dem Bereich natürlich ein Stück weit auf sich alleine gestellt", so Gorr.

Saisonabbruch wird diskutiert

Lobend äußert sich der HSC-Übungsleiter über die Informationspolitik der Handball-Bundesliga (HBL), die mehrmals in der Woche mit den Vereinsvertretern über Telefonkonferenzen über das weitere Vorgehen in Kontakt steht. Wie HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann im Podcast der Liga mitteilte, wurde eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der HBL, des Deutschen Handball-Bundes, der Frauen-Bundesliga und den einzelnen Landesverbänden gegründet, die über die sportliche Wertung abgebrochener Ligen diskutiert. "Da werden wir probieren, Lösungen für alle Ligen, bis in die untersten Klassen, zu finden", erklärt Bohmann. Vorrangiges Ziel sei es aber weiterhin, die Saison in der 1. und 2. Männer-Bundesliga regulär zu Ende zu bringen.

"Deadline" für den Wiederbeginn ist laut Bohmann Mitte Mai. "Das müssten wir dann auch 14 Tage vorher entscheiden, damit die Klubs sich auch darauf vorbereiten können und die Spieler wieder ins Training einsteigen können - immer vorausgesetzt, die politischen Rahmenbedingungen erlauben das", erklärt der HBL-Geschäftsführer. Während die Erstliga-Klubs noch sieben Partien zu bestreiten hätten, müssten die Teams in der 2. Liga noch zehnmal auf die Platte. Bei einem möglichen Saisonabbruch hofft Gorr darauf, dass die Liga eine Entscheidung im sportlichen Sinne trifft: "Zwei Drittel der Saison sind gespielt und anhand der Tabelle ist eine klare sportliche Tendenz abzulesen. Das sollte dann schon honoriert werden. Und ich bin der Meinung, dass der Stand von Mitte März 2020 mehr Aussagekraft hat als der vom 1. Juli 2019."

 

 

Profitiert Erstliga-Schlusslicht?

Würde die Liga den 1. Juli 2019 als Maßstab nehmen und sich somit für ein Modell ohne Ab- und Aufsteiger entscheiden, profitiert besonders die HSG Nordhorn-Lingen. Mit nur zwei Siegen aus 27 Spielen war der Abstieg des Tabellenletzten fast besiegelt. "Wenn es die Möglichkeit gäbe, dann wäre das für uns schon klasse. Dann wären wir sicherlich ein Gewinner. Wir wüssten aber genau darum, dass es auch Verlierer gäbe", sagte Nordhorns Geschäftsführer Matthias Stroot in einem Interview mit dem NDR. Eine Aufstockung des Oberhauses auf 20 Teams hat HBL-Geschäftsführer Bohmann aufgrund der Erweiterung des Europapokals bereits ausgeschlossen.

Es sind die vielen Konjunktive, die den Verantwortlichen aller Profiklubs in diesen Tagen die Sorgenfalten auf die Stirn treiben und Planungen jeglicher Art nahezu unmöglich machen. Das betrifft auch Neuzugänge für die kommende Spielzeit. Mit den Talenten Justin Kurch und Paul Schikora (beide vom SC Magdeburg) stehen den vier Coburger Abgängen - Max Jaeger (HC Erlangen), Marcel Timm (TBV Lemgo), Lukas Wucherpfennig (Ziel unbekannt) und Sebastian Weber (Karriereende) - erst zwei Neuerwerbungen gegenüber. Dies wird zumindest vorerst auch so bleiben. "Die weiteren Personalplanungen sind ausgesetzt. Wir wissen ja nicht, welches Budget wir zur Grundlage nehmen können und in welcher Liga wir spielen. Da ist viel wirtschaftliche Weitsicht gefragt", erklärt Gorr, der davon ausgeht, dass nach überstandener Krise mehr Teams auf junge, deutsche Talente setzen wird. Mit dem "Coburger Weg", egal wohin er in der nächsten Spielzeit auch führt, ist der HSC in dieser Hinsicht bereits heute gut aufgestellt.