Coburg
Handball

EM-Aus der Handballer: "Unerklärbar, konzeptlos, enttäuschend"

Die Coburger Experten sind sich einig: Das Scheitern des deutschen Nationalteams bei der EM in Kroatien hätte so nicht passieren dürfen.
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Deutschlands Torhüter Andreas Wolff vergräbt das Gesicht in seinen Händen. Die schwache Leistung bei der 27:31-Niederlage gegen Spanien konnten sich die "Bad Boys" selbst kaum erklären. Foto: Monika Skolimowska/dpa
Deutschlands Torhüter Andreas Wolff vergräbt das Gesicht in seinen Händen. Die schwache Leistung bei der 27:31-Niederlage gegen Spanien konnten sich die "Bad Boys" selbst kaum erklären. Foto: Monika Skolimowska/dpa
Kein gutes Haar lassen die Handball-Insider an der deutschen Nationalmannschaft. Der Stachel der Enttäuschung nach der 27:31-Pleite bei der Europameisterschaft in Kroatien gegen Spanien und dem vorzeitigen Scheitern sitzt tief. Die Urteile sind niederschmetternd.

Hautnah erlebte auch eine kleine Gruppe aus Coburg das Debakel mit. Gemeinsam mit knapp 2000 Zuschauern wurden sie in der Varazdiner Sporthalle Augenzeuge einer desaströsen zweiten Halbzeit: "Wir standen direkt am Geländer, weil vor unseren Sitzplätzen dänische Fans eine Bierlache hinterlassen hatten. Am Zaun waren wir dann nur ein, zwei Meter von den Spielern entfernt. Da bekommt man natürlich schon mit, dass in unserem Team derzeit einiges nicht passt." Theo Kiesewetter glaubt während des Spiels klare Defizite erkannt zu haben. Der ehemalige Beiratsvorsitzende des HSC 2000 Coburg, der sich selbst gerne nur als "Handball-Laie" bezeichnet, schaut sich gemeinsam mit seiner Frau und seinen Freunden Alfred Geyer und Wolfgang Gremmelmaier heute die beiden Halbfinalspiele bei der EM an. Am Sonntag ist er auch beim Finale dabei.

Dann trifft die Handball-Crew aus der Vestestadt erneut "Cveba" Horvat, der die EM-Tickets im Vorfeld des Turniers besorgte. Die Analyse des Olympiasieger von 1972 in München und langjährigen Erfolgstrainer des HSC 2000 Coburg zum EM-Aus fällt deutlich aus: "Den Deutschen fehlen im Rückraum Weltklasse-Leute."

Das Tageblatt hat sich außerdem mit dem bisher einzigen Coburger Nationalspieler, Florian Billek, HSC-Ehrenpräsidenten und ehemaligen Coburger Oberbürgermeister Norbert Kastner sowie dem hauptberuflichen Spielervermittler Dirk Wahl unterhalten. Ein "Sieger-Statement" gibt es zudem von Jonny Rivera, dem stolzen Spanier, der seit vielen Jahren mit seiner Familie in Coburg lebt und immer noch für die HSC-Zweite in der 3. Liga erfolgreich auf Torejagd geht.

Theo Kiesewetter (ehemaliger Beiratsvorsitzender des HSC Coburg und leidenschaftlicher Handballfan, der bei jedem Final Four in Köln dabei ist): Es gab meiner Meinung nach zwei gravierende Probleme. Erstens fehlt es an einer richtig vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen dem Trainer und der Mannschaft. Prokop hat anscheinend keinen Draht zu den Spielern, ob das in Zukunft noch besser wird, kann ich nicht beurteilen, aber vielleicht wächst das noch. Und dann hat mir eine motivierende Körpersprache gefehlt, mit mehr Kampfgeist hätten wir die Spanier schlagen können. Die haben nicht überragend gespielt, sondern das, was sie eben können. Gegen ihre Deckung haben wir kein adäquates Mittel gefunden, die taktischen Gegenmaßnahmen des Trainers habe ich vermisst.

Alfred Geyer (ehemaliger Geschäftsführer der HSC GmbH): Das war absolut enttäuschend. Die zweite Hälfte war eine Katastrophe. Konzeptlos, ein einziges Durcheinander. Gensheimer und Reichmann haben schon zu Beginn drei freie Bälle von Außen verballert. Zur Pause hätten wir mit zwei, drei Toren führen müssen. Im zweiten Durchgang hat mir die richtige Körpersprache und die Motivation gefehlt. Ich hätte mir vom Kapitän gewünscht, dass er sich mal vor die Truppe stellt und sie mit klaren Worten aufrüttelt, aber dafür war Uwe Gensheimer bei diesem Turnier wohl selbst zu schwach.

Spätestens nach dem ersten Tor in unser leeres Tor hätte der Trainer reagieren müssen und diese Maßnahme zurücknehmen müssen. Jetzt werden wir eben die Halbfinalspiele und das Finale genießen, schließlich haben wir ja die Chance, die weltbesten Spieler hautnah zu erleben.
Hrvoje Horvat (Olympiasieger 1972 mit Jugoslawien und langjähriger Trainer des HSC 2000 Coburg): Dem deutschen Rückraum fehlt es zweifelsohne an internationaler Klasse. Das ist ein großes Manko. Fäth, Drux und Kühn sind zwar gute Spieler, aber eben keine Weltklasse-Männer. Du brauchst in so einem wichtigen Spiel natürlich auch einen Torsteher auf allerhöchstem Niveau und das hat Wolff gegen Spanien nicht erreicht. Er konnte die Mannschaft nicht wie gewohnt pushen, weil das Zusammenspiel mit seiner Abwehr nicht gepasst hat. Und wenn man in Überzahl und ohne Torwart agieren will, dann braucht man eine technisch so gute Mannschaft, die den freien Mann geduldig ausspielt und davor keinen Fehler macht.

Dirk Wahl (Spielervermittler, ehemaliger HSC-Manager und Insider der deutschen Handball-Szene): Das frühe Ausscheiden und der 9. Platz als Endplatzierung des deutschen Nationalteams ist meines Erachtens im Hinblick auf die bevorstehende Heim-WM 2019 eine mittlere Katastrophe. Neben wenigen personellen Neu- und Umbesetzungen im Spielerkader, die sicher nicht nur für mich kaum nachvollziehbar gewesen sind, erscheint mit etwas emotionalem Abstand eine schonungslose Analyse angemessen.
Aus meiner Sicht hat nahezu kein Spieler des deutschen Teams sein Potenzial bei dieser EM ausgeschöpft und die Erwartungen erfüllen können, was zu denken geben muss. Trotzdem bin ich mit der breiten Auswahl an jungen und geeigneten Spielern im Umfeld des erweiterten DHB-Nationalteams positiv und optimistisch gestimmt, wenn jetzt die richtigen Rückschlüsse gezogen werden.

Norbert Kastner (Ex-Oberbürgermeister von Coburg, Handball-Experte und Ehrenpräsident des HSC 2000 Coburg): Die Leistung unserer Jungs war enttäuschend und ist schwer erklärbar. Die Abwehr hat auf hohem Niveau, sogar auf Final-Niveau verteidigt, aber im Angriff ist ja gar nichts zusammen gegangen. Gensheimer war nahezu ein Totalausfall. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass die Mannschaft bei aller Kritik sogar noch zu gut weggekommen ist. Denn beschweren muss sich bei so einer Leistung niemand, dass wir rausgeflogen sind. Vielleicht muss man aber auch einmal auf die enorme Belastung, insbesondere der deutschen Spieler im Vergleich zu den Ausländern, schauen. Das Programm der Nationalspieler mit Bundesliga, Pokal und Champions League ist groß und deutlich höher als in anderen Ländern wie Spanien, in denen die Ligen kleiner sind. Kein Wunder, dass immer mehr Spitzenspieler ins Ausland wechseln.

Jonny Rivera (stolzer Spanier und Drittliga-Spieler des HSC 2000 Coburg): Ich hatte mir eher ein Spiel wie in der ersten Halbzeit vorgestellt, also gute Abwehrarbeit und wenige Tore auf beiden Seiten. Ein Spiel in dem alles ganz eng ist, aber nach der Halbzeit war es eine andere Geschichte. Es ist ganz schwer zu erklären, warum die deutschen Spieler einfache Bälle verloren oder nicht mehr getroffen haben.
Aus meiner Sicht war es eine mentale Sache. Am Ende hat die Mannschaft gewonnen, die bis zum Ende konzentriert war. Und das war Spanien. Man kann auch über bestimmte Trainerentscheidungen diskutieren, muss man aber nicht.

Florian Billek (Kapitän des HSC 2000 Coburg und zweifacher Nationalspieler): Ich denke, dass es natürlich enttäuschend ist, als Europameister in der Hauptrunde auszuscheiden. Die Mannschaft hat in meinen Augen im gesamten Turnier nicht zu ihrer Topform gefunden. Im Angriff fehlte teilweise etwas die Durchschlagskraft und wir haben viel zu wenig Tore aus der stabilen Abwehr über die erste und zweite Welle gemacht.

Bei manchen Spielern hatte man das Gefühl, dass sie nicht wirklich vor Selbstvertrauen strotzen. Ich finde es aber falsch, jetzt direkt auf den Trainer zu zeigen. Nominierungen und Abwehrsystem - natürlich kann man darüber diskutieren, aber im Nachhinein ist es einfach, sich darüber zu beschweren. Wir haben immer noch eine junge Mannschaft und einen jungen Trainer, die alle aus diesem Turnier viel mitnehmen. Die Spieler können mit ihrem Talent in den nächsten Jahren bei jedem Turnier um den Titel spielen.




Kommentar von Christoph Böger: Zu viel Taktik und Analysen - lasst die Spieler lieber von der Leine...


Wer am Mittwoch auf Spanien gewettet hat, bekam knapp 30 für zehn Euro. Sicher ein unpopulärer, aber lukrativer Tippzettel. So schwer war diese Vorhersage auch gar nicht, schließlich gab es diese öffentlichen Auszeiten, bei denen das Fernsehpublikum hautnah Interna miterlebte.
Für einen Trainer ein absolutes No-Go. Denn derart tiefe Einblicke sind ungewöhnlich, teilweise auch unangenehm für die Betroffenen. Aber sehr aussagekräftig für diejenigen, die genau hinschauen: Die Mimik, die Gesten, die Körpersprache der Spieler oder auch die Unsicherheit in der Stimme Prokops - all das waren Indizien für ein frühes Scheitern der DHB-Auswahl. Gensheimer, Weber & Co. konnten oder wollten dem Neuen offensichtlich nicht folgen. Anweisungen, wie klar angesagte Spielzüge, wurden missachtet. Der Riss zwischen Trainer und Team war nicht zu übersehen.

Auf Trainer Christian Prokop warten nun stürmische Zeiten. "Bad Boys" zu trainieren ist eben etwas völlig anders als in Leipzig das Zepter zu schwingen. Prokop gehört sicher zu den Trainertypen, die einer Mannschaft bedingungslos seine Philosophie aufzwingen will. Dazu gehören ewige Analysen, alles wird taktisch bis ins Detail zerlegt.

Da gibt es durchaus Parallelen zum HSC 2000 Coburg. Auch Jan Gorr legt viel Wert auf stundenlanges Studieren von Videos, bereitet seine Spieler stets akribisch vor. Natürlich bekommt sein Team so wertvolle Tipps mit auf den Weg, doch es gibt Spieler, die mögen diese Art von Spielvorbereitung gar nicht. Oft wird dabei nämlich vor allem der Gegner stark geredet und die eigenen Stärken hinten angestellt. Psychologisch ungünstig.
Gut möglich, dass die individuelle Klasse gerade deshalb öfters auf der Strecke bleibt.
Ihr wahres Leistungsvermögen haben die HSC-Spieler in der Hinrunde der 2. Bundesliga nur selten abgerufen, ähnlich erging es den DHB-Spielern jetzt in Kroatien. Und das, obwohl sie in den Auszeiten den Eindruck erweckten, dass deutlich mehr in ihnen steckt. Prokop hat die "Bad Boys" einfach nicht von der Leine gelassen...

Und es gibt weitere Gemeinsamkeiten: Der Erfolgsdruck auf Prokop und Gorr - beide unterschrieben im Sommer lange Verträge - nimmt zu. Während der Bundestrainer 2019 bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land zum Siegen verdammt ist, sollte der HSC-Coach spätestens in der Spielzeit 2018/2019 mit seinen "Gelb-Schwarzen" wieder ganz oben anklopfen. Denn in dieser Saison wird es mit dem angestrebten Aufstieg nach Lage der Dinge nichts mehr.
Und wer bei den Auszeiten in der HUK-Arena zuletzt genau hingeschaut hat, der würde in dieser Saison sicher keinen all zu großen Betrag mehr auf einen Aufstieg des HSC setzen...


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