Coburg

Capoeira in Coburg: Die Grenzen der Beweglichkeit

Handstände, Salti, gesprungene Drehkicks: Capoeira ist eine spektakuläre Kampfkunst, die viele Betrachter an Breakdance oder Turnen erinnert – ausprobiert haben es die wenigsten. Ein Sportreporter wagt in Coburg den Selbstversuch.
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Fotos: Hagen Lehmann
Fotos: Hagen Lehmann
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Ein Kreis aus zehn tanzenden Menschen. Brasilianische Rhythmen, portugiesischer Gesang. Es riecht nach Schweiß und Parkettboden. "Trau dich", sagt der sehnige Mann zu meiner Linken und klopft mir auf die Schulter. Nervös betrete ich die Kreismitte – schaue in erwartungsvolle Gesichter. Mein Gegenüber geht in die Hocke – ich tue es ihm gleich. Er schlägt ein Rad – ich versuche es und lande immerhin auf den Füßen. Seine Beine wirbeln über meinen Kopf. Ich setzte einen Kick, er weicht katzenartig aus.

"Viele der Bewegungen wurden von den Tieren abgeschaut", sagt Claudiano José dos Anjos . Er ist Trainer der Coburger Capoeiragruppe "Origem Da Bahia". Seine Schüler sprechen ihn mit Professor Falcao an. Unter ihm sammle ich heute meine ersten Erfahrungen in dieser Kampfkunst. Nun steht er mir in der Roda – dem traditionellen Kreis für den abschließenden Schaukampf der Capoeirista – gegenüber. Geschmeidig bewegt er sich zur Melodie. Ich versuche das zuvor gelernte abzurufen – doch fühle mich eher wie ein Gorilla, der durch den Takt torkelt. Der Trainer hingegen ist leichtfüßig, zeigt akrobatische Bewegungen. Als er sich auf dem Kopf dreht, klappt mir die Kinnlade herunter.

"Capoeira ist Körperbeherrschung pur", teilt mir Falcao mit und fügt hinzu: "Die Körperspannung wird auf natürlichem Weg aufgebaut. Das unterscheidet die Kampfkunst von anderen Formen des Fitnesssports."

Ursprung in der Sklaverei

Der tänzerische Trainingsstil der Capoeirista rührt aus deren Tradition: Auf der Suche nach einer Tarnung für ihre Selbstverteidigungsübungen entwickelten die schwarzafrikanischen Sklaven Brasiliens eine tänzerische Form der Kampfübungen. Auch die verwendeten Instrumente und viele Inhalte der Lieder stammen aus der Zeit der Sklaverei. "Capoeira war nach der harten Arbeit für die Sklaven ein Glücksmoment", erklärt Falcao. Es habe ihnen Energie und Freude gegeben.

Auch im heutigen Training ist die Freude der Teilnehmer nicht zu übersehen. Sie trainieren, tanzen und singen. "Wer singt, trägt Glück in sich", sagt der Trainer. Glücklich bin ich – obwohl die Erfolgsmomente rar sind. Sogar das rhythmische Klatschen überfordert mich zuweilen. "Jeder macht so gut er kann." Der Satz des Trainers wird zu meinem Mantra.

"Hüfte weiter eindrehen und dann das Bein hoch", ruft Falcao. Ich will – aber mein Bein nicht. Meine Muskulatur ist verkürzt: 21 Jahre Fußball fordern ihren Tribut. Dennoch kicke ich in die Luft. Allmählich gelingt es besser. "Warum sieht das beim Rest so leicht aus?" Noch ein Tritt. Ich komme höher, doch verliere die Balance. Also wieder in den Grundschritt (Ginga). Ich fühle mich behäbig und meine Beine beginnen zu schmerzen. Vor allem die vielen tänzerischen Elemente überfordern mich – Eleganz: Fehlanzeige. Als Amateurboxer bin ich anders geprägt.

Kampf versus Tanz

"Viele kennen Capoeira nur als Kampftanz. Früher war das für mich beleidigend", sagt der Trainer, der Capoeira in seiner brasilianischen Heimat auch als Kontaktsportart kennenlernte. "In Deutschland gibt es die harte Form nicht." Nichtsdestoweniger wirken die fortgeschrittenen Paare in der Roda, als würden sie ein Leichtkontaktsparring austragen. Ich beginne zu erahnen, wo der kämpferische Mehrwert der Bewegungen liegt. Doch erst im Zusammenspiel aller Faktoren erschließt sich der Kern dieser faszinierenden Kampfkunst. Akrobatik, Tanz, Kampf, Musik, Gemeinschaft und Lebensfreude finden zusammen. Das Ergebnis ist ein Stück brasilianischer Identität und Kultur. "In meiner Heimat gibt es Capoeiraunterricht an jeder Schule. Es gibt Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen eine Perspektive. In Deutschland gibt es nicht einmal einen Verband", weiß Falcao um die Unterschiede zwischen dem Mutterland und Europa. "Das gibt uns aber auch eine große Freiheit. Ich bin dankbar, dass ich Capoeira gefunden habe."

Dankbar bin ich auch: Für die neuen Eindrücke, aber auch dafür, dass mir meine koordinativen Grenzen aufgezeigt wurden. Capoeira ist ein Phänomen, das man erlebt haben muss, um es zu beurteilen. "Viele kennen es, aber nur wenige sind aktiv", sagt Professor Falcao. Die Kampfkunst stecke hierzulande definitv noch in den Kinderschuhen. Schade eigentlich.

Das ist Capoeira

Kampfkunst Capoeira hat seinen Ursprung in Brasilien. Während der Kolonialzeit wurde die Kampfkunst von den verschleppten afrikanischen Sklaven entwickelt, um ihr Kampftraining als Tanz zu tarnen. Auch heute erinnern die Bewegungen noch stark an Tanzschritte, weshalb Capoeira häufig als Kampftanz bezeichnet wird. Die traditionellen Instrumente und Lieder sind wichtiger Bestandteil des kulturellen Erbes und werden weiterhin in die Trainingspraxis eingebaut. Origem De Bahia Die Coburger Capoeiragruppe trifft sich wöchentlich zum Training: Jeden Montag (19.30 bis 21.30 Uhr, Pilgsramroth 102 a, Coburg), Dienstag (18 bis 19 Uhr, Schützenstraße 3, Lichtenfels), Mittwoch (18.15 bis 19.45 Uhr, Gemeindesaal St. Markus , Weimarer Str. 8 ,Coburg) und Freitag (19.30 Uhr bis 21 Uhr Rückertschule, Löwenstr. 28, Coburg) findet das Erwachsenentraining statt. Die Kinder trainieren mittwochs und freitags eine Stunde vorher am selben Ort.

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