Neun Jahre ist es her, dass Kevin Krawietz zuletzt durch den Melbourne Park, das rund 20 Hektar große Gelände des ersten Grand-Slam-Turniers des Jahres, schlenderte. "Es hat sich vieles verändert, die Anlage ist kaum mehr wiederzuerkennen", sagt der Witzmannsberger. Damals spielte Krawietz in der Juniorenklasse der Australian Open, in diesem Jahr ist er erstmals im Erwachsenenbereich dabei.

Für den 26-Jährigen ist es nicht nur die Grand-Slam-Premiere in Australien, sondern auch seine erste Teilnahme an einem der großen vier Tennisturniere im Einzel. Am Mittwoch (voraussichtlich Ortszeit 16 Uhr, 6 Uhr MEZ) startet Krawietz mit der ersten Qualifikationsrunde gegen den 28-jährigen Argentinier Marco Trungelliti (Platz 121 in der Weltrangliste) ins Turnier. Mit knapp 20 Grad wird am Mittwoch der kälteste Tag seit langem in Melbourne erwartet, die nächsten Tage wird das Thermometer wieder auf weit über 30 Grad ansteigen.

Dass Krawietz erstmals in der Einzelkonkurrenz eines Grand-Slam-Titels dabei sein darf, verdankt er seinen starken Leistungen aus dem Vorjahr. Der Witzmannsberger verbesserte sich in der Einzel-Weltrangliste im Jahresverlauf um unglaubliche 400 Plätze (von Position 617 im Januar auf 211 im Dezember). Im Doppel schaffte Krawietz sogar den Sprung unter die besten 100 Spieler der Welt (Rang 69).

Die Doppel-Qualifikation für die Australian Open verfehlte er mit seinem Kölner Partner Andreas Mies - vorausgesetzt es sagen bis zum Wochenende nicht noch drei Doppelpaarungen ab - aber um Haaresbreite. Am Dienstag stand Krawietz dem Tageblatt kurz vor seiner Grand-Slam-Premiere im Einzel Rede und Antwort.

Herr Krawietz, Australien im Januar, da denken viele Deutsche nicht nur an Tennis, sondern auch an das Dschungelcamp, das zeitgleich mit den Australian Open am Wochenende startet. Ein Format, das Sie interessiert?

Kevin Krawietz: (grinst) Das Dschungelcamp schaue ich eher weniger an - höchstens, wenn man zufällig mal reinzappt. Abends schaue ich eher Serien auf Netflix, aber hier in Australien hatte ich den Fernseher noch nicht an. Ich habe die letzten Tage viel trainiert und abends geht man essen und sitzt draußen noch etwas rum, das Wetter ist hier ja sehr angenehm. Ein guter Kumpel und mein Vater sind mit dabei, alles ist sehr entspannt.

Wie ist die Atmosphäre in Melbourne im Vergleich zu den anderen Grand-Slam-Turnieren?

Melbourne macht einen sehr guten Eindruck, gefällt mir bisher fast am besten, auch wenn man die Turniere nur schwer vergleichen kann. Allgemein auf einem Grand-Slam-Turnier zu sein, ist etwas sehr, sehr Besonderes. Das betrifft die Atmosphäre, den Spielerbereich, die Umkleiden oder den Essensraum. Die Australier sind alle sehr entspannt und relaxt, man fühlt sich als Spieler einfach gut aufgenommen.

Auf dem Platz bekommen Sie es am Mittwoch mit dem Argentinier Marco Trungelliti zu tun. Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?

Er ist ein schwerer Gegner, aber das ist klar, denn leichte gibt es hier ja eher weniger. Ich werde alles reinhauen und mal schauen, was geht. Natürlich ist es mein Ziel, mich für das Hauptfeld zu qualifizieren, aber da es mein erstes Grand-Slam-Turnier im Einzel ist, geht es für mich jeden Tag erst mal ums Überleben.

Im vergangenen Jahr haben Sie mit vielen Turniersiegen im Doppel und Ihrem Erfolg in Wimbledon einen großen Schritt nach vorne gemacht. Wie beurteilen Sie die Saison?

Das Jahr 2018 lief eigentlich optimal für mich, auch wenn es vom Turnierplan her nicht immer einfach war, die Kombination von Einzel- und Doppelturnieren hinzubekommen. Ich glaube, mein Trainerwechsel 2017 (Anm. d. Red.: Krawietz kehrte zu seinem früheren Coach Klaus Langenbach zurück) war sehr hilfreich, um neuen Schwung reinzubringen und mal andere Sachen zu trainieren. Das waren zwar größtenteils nur Kleinigkeiten, aber war einfach für den Kopf ganz gut. Mein Ziel war, die Qualifikation für ein Grand-Slam-Turnier im Einzel zu schaffen und bei Wimbledon und den US Open im Doppel ins Hauptfeld zu kommen. Darüber, dass es am Ende dann so ausgeht, bin ich natürlich sehr happy.

Im Dezember stehen ja normalerweise keine Turniere auf dem Programm. Wie haben Sie diesen Monat verbracht?

Meine Saison war noch lang. Ich habe nach dem Turnier in Eckental noch in Indien und Italien gespielt, da ich noch Punkte für die Australian Open gebraucht habe. Mit dem Halbfinaleinzug in Italien Ende November hat das auch gut geklappt. Ich hatte zwei Wochen Urlaub, fünf Tage davon war ich Skifahren, die restliche Zeit war ich daheim. Da ich ja das Jahr unterwegs bin, war das auch mal ganz schön. In der zweiten Dezemberwoche habe ich dann mit der Vorbereitung begonnen, wobei das Wort "Vorbereitung" bisschen übertrieben ist. Denn ich hatte diesmal nur zwei statt vier Wochen Zeit. Aber für das Ziel "Australian Open" nimmt man das auch gerne mal in Kauf. Mit meinem Trainer habe ich in den zwei Wochen viele Schläge und Wiederholungen gemacht, die taktischen Sachen aufgefrischt und meinen Körper gut in Form gebracht. Man darf aber auch nicht zu viel machen, um frisch ins neue Jahr starten zu können.

Ins neue Jahr sind Sie in Indien gestartet, wo Sie bereits wieder bei einem Challengerturnier mit Doppelpartner Andreas Mies im Einsatz waren. Wie feiert man dort Silvester?

In Indien feiert man Silvester ein bisschen anders. Ein großes Feuerwerk, was man sich anschauen könnte, gibt es nicht. In unserem Hotel gab es drei verschiedene Partys, da haben wir uns dazugestellt (lacht) und mit den anderen Spielern auf das neue Jahr angestoßen. Ich bin relativ früh ins Bett gegangen, denn am nächsten Tag stand schon wieder ein Match an.

Abschließend: Was nehmen Sie sich für das neue Jahr sportlich vor?

Ich will mein Ranking, also um Platz 230, halten, um in die Qualifikationsrunden für alle Grand-Slam-Turniere reinzukommen. Mein nächstes Ziel sind dann die Top 200, und natürlich möchte ich auch im Doppel meine Position weiter ausbauen.