Coburg
Sport in Franken

Mitten ins Schwarze: Selbstversuch beim Sportschießen in Coburg

Bei der SG Coburg versuchte sich unser Redakteur als Scharfschütze. Doch was er traf, konnte man leider nicht als Erfolg werten.
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Benjamin Kemmer im Selbstversuch. Fotos: Ronald Rinklef
Benjamin Kemmer im Selbstversuch. Fotos: Ronald Rinklef
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Gekonnt drücke ich das Gewehr an meine Schulter. Die großkalibrige Winchester liegt sicher an. So muss sich James Stewart in seinen Western-Streifen gefühlt haben. Ich visiere das Ziel in 50 Metern Entfernung an, atme noch einmal durch und drücke ab. Ein lauter Knall ertönt, der Rückstoß drückt die Waffe noch mehr in meine Schulter - doch den Schmerz ignoriere ich. Denn ich scheine erfolgreich gewesen zu sein. Mein Ziel wackelt wild umher.

Auf meiner Tour durch die Sportarten Frankens gastiere ich diesmal bei den Schützen der SG Coburg. Die wurden im Februar deutscher Meister im Luftgewehr-Schießen und haben auch sonst schon etliche Meisterschaften errungen. Mit mir trainieren die Schützin Katharina Stang - selbst deutsche Luftgewehr-Meisterin - und Schützenmeister Stefan Stahl.



Letzterer lässt meine Scheibe zum Schießstand zurückfahren. Ich freue mich, denn eine wackelnde Scheibe bedeutet doch, dass ich getroffen habe. Oh ja, getroffen habe ich, aber leider die Halterung. Ein fingerdickes Loch klafft in dem Eisen, dass die Zielscheibe mit der Schießanlage verbindet. "Dann müssen wir jetzt wohl eine Meldung machen", sagt Stahl trocken. Und ich stehe etwas bedröppelt da ...

Das Großkaliber-Gewehr lege ich lieber erstmal beiseite und lasse mir von Katharina Stang zeigen, womit die Coburger Schützen so erfolgreich sind. Mit dem Luftgewehr holte Stang zusammen mit ihrem Team im Februar die deutsche Meisterschaft. Das Luftgewehr ist kleinkalibrig und hat mit Waffen, wie man sie aus Filmen kennt, nur noch wenig zu tun.

"Deswegen nennen wir es auch Sportgerät", erklärt mir die 24-Jährige aus Dörfles-Esbach und zeigt mir das ihrige. Zwar erkennt man noch den Gewehrlauf, aber alles Weitere ist sehr auf den Sport ausgelegt. Ergonomisch liegt es in der Schulter und hat kaum Gewicht. Auch die Schießanlage ist hoch technisiert. Mit absoluter Präzision misst ein Computer, wo das Projektil die Scheibe in 15 Metern Entfernung getroffen hat, und zeigt dem Schützen sein Trefferbild. Und nicht nur das, auch für die Zuschauer wird auf großen Bildschirmen gezeigt, welcher Schütze wie gut geschossen hat.

Zuschauer? Das kann man sich bei dieser zugegebenermaßen recht ruhigen Sportart kaum vorstellen. Doch Stefan Stahl klärt mich auf: "Bei den Meisterschaften in Rotenburg waren bis zu 1000 Zuschauer, und da wird auch richtig Radau gemacht." Manchmal gebe es für die Heimmannschaft sogar lautstarke Unterstützung in Form von Samba-Gruppen. Schwer vorstellbar. Vor allem, weil ich mich schon in der ruhigen Trainingshalle in Coburg schwer tue, mich zu konzentrieren, während Stang und Stahl nur miteinander sprechen.

Schnell fängt meine Waffe - Verzeihung, mein Sportgerät - zu wackeln an. Das zeigt sich auch in meinem Trefferbild: Weit verteilt und selten auch nur annähernd in der Mitte. Dann doch lieber ein Versuch mit Hilfe: Vor mir steht nun eine hölzerne Halterung, auf die ich das Gewehr legen kann - etwas für Kinder und Senioren, und anscheinend auch für zitternde Redakteure. Aber siehe da, kaum muss ich das Gewehr nicht mehr freihändig halten, nähere ich mich auch schon dem Zentrum. Einmal wird es sogar eine grandiose 10,7. Mit das Höchste der Gefühle bei Sportschützen, ist doch 10,9 die absolute Mitte.

Abgeschirmt von der Außenwelt
Diese trifft Katharina Stang neben mir regelmäßig. Dafür ist sie aber auch recht unbeweglich. In einem extra für Schützen angefertigten Anzug, der den Körper stabilisiert, steht sie am Schießstand, Schirmmütze auf dem Kopf, ein Auge durch einen Sichtschutz abgedeckt. "Bei einem Turnier stehen mehrere Schützen in einer Reihe. Da ist es wichtig, sich richtig zu konzentrieren und zu fokussieren", erklärt sie mir. Im Wettkampf hat man nur 75 Minuten Zeit, um 40 Schuss abzugeben. "Man darf sich nicht ablenken lassen, auch wenn man merkt, dass der Kontrahent einen Stand weiter viel schneller schießt", sagt Stahl.

Der schießt lieber mit der Pistole. Sowohl im Klein- als auch im Großkaliber. Nach meinem schadensreichen Fehlschuss mit dem Gewehr zum Start bin ich zwar etwas skeptisch, doch Stahl drückt mir seine großkalibrige Pistole in die Hand und lässt es mich noch einmal versuchen. Erneut sind der Rückstoß und der Lärm immens. Schwer zu glauben, dass es amerikanischen Polizisten in Fernsehserien gelingt, einhändig während des Rennens gezielt einem Flüchtigen die Beute aus der Hand zu schießen. Hollywood halt ...
Katharina Stang schaut lieber nur zu. Sie selbst hatte noch kein großkalibriges Sportgerät in der Hand und scheut sich auch etwas davor, es zu nutzen. Sicher wäre aber ihr Erfolg bei einem Schuss größer gewesen als meiner. Denn wie schon beim Großkaliber-Gewehr hält sich auch bei der Pistole der Erfolg in Grenzen. Einmal schaffe ich es, die Scheibe unten anzukratzen. Präzise Treffer? Fehlanzeige. Dennoch gewinne ich einen guten Eindruck davon, was es heißt, Sportschütze zu sein. Die Palette der Disziplinen ist breiter gefächert, als man gemeinhin annimmt, und gerade was Konzentration und Fokussierung angeht, macht den Schützen wohl kein Sportler etwas vor.
Außerdem sind sie sehr kulant. Meinen Fehlschuss zu Beginn des Trainings muss ich zwar mit einem schlechten Gewissen, nicht aber mit meiner Versicherung bezahlen ...

der Schießsport ist inzwischen sehr technisch
Wer Fußballer ist, der spielt Fußball, Tennisspieler spielen Tennis. Ganz so einfach ist es im Schießsport nicht, denn Schütze ist nicht gleich Schütze. Das Sportschießen ist unterteilt in viele verschiedene Unterarten. Schießt man mit einer Pistole oder mit einem Gewehr? Ist es Großkaliber oder Kleinkaliber? Bewegen sich die Ziele oder sind sie starr? Läuft der Schütze oder steht er still?
Hat man sich dann für eine Disziplin entschieden, heißt es - wie bei allen anderen Sportarten auch - trainieren, was das Zeug hält. Gerade Konzentration und Fokussierung sind bei den Schützen sehr wichtig. Und ein gutes Trainingsumfeld. Denn auch das unterscheidet die Schützen von anderen Sportlern. Sie dürfen ihre Sportart nur in dafür ausgewiesenen Gebäuden unter Einhaltung strenger Richtlinien ausüben. Oder platt formuliert: Der Fußballer kann mal in seiner Freizeit Torschüsse üben, indem er auf ein Garagentor zielt, das darf der Schütze nicht ...
Hinzu kommt, dass der professionelle Schießsport inzwischen hoch technisch ist. Vorbei die Zeiten, als man wie bei der Kirchweih auf Papp-Zielschieben schoss und dann ungefähr erahnte, wie viele Punkte man hatte. Die Zielscheiben heute sind mit einem Computer verbunden, der in Echtzeit dem Schützen zeigt, wie viele Punkte er hat. Und das ist Präzisionsarbeit. Eine Zielscheibe bei den Luftgewehrschützen hat insgesamt nur einen Durchmesser von fünf Zentimetern. Die goldene Mitte misst gerade einmal 0,5 Millimeter.

Ein Meister auf Hallensuche
Im Februar war der Jubel groß, zum dritten Mal nach 2008 und 2009 wurde die SG Coburg deutscher Meister mit dem Luftgewehr. Die Gesellschaft besteht bereits seit über 650 Jahren und pflegt auch eine gewisse Tradition. Gut zu erkennen ist dies am Vorstandszimmer im vereinseigenen Sportheim. Hier prangen hinter Glas diverse Scheiben aus vergangenen Jahrhunderten sowie die Porträts - meist Ölgemälde - der Schützenmeister von Beginn an. Auch Stefan Stahl wird einmal an dieser Wand hängen. Er ist der aktuelle Schützenmeister und selbst noch im Verein an diversen "Sportgeräten" aktiv. Neben den Luftgewehr-Schützen in der Bundesliga sind weitere Vereinsmitglieder teilweise sogar international erfolgreich. So finden sich in den SG-Reihen Junioren-Mannschaftsweltmeister, Europameister und sogar Olympiasieger wie der Italiener Nicco Campriani, der in London 2012 Gold und Silber gewann.
Doch auch ein erfolgreicher Verein wie in Coburg ist nicht vor den üblichen Problemen gefeit. So sind die Schützen fieberhaft auf der Suche nach einer neuen Sportstätte. Ihre alte Halle soll abgerissen werden und ein Umzug in die sehr große Huk-Arena würde aufgrund der hohen Sicherheitsanforderungen - man müsste eine Tribüne komplett mit Plexiglas vor etwaigen Querschlägern schützen - zu teuer kommen.
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