Coburg
Fussball

"Jetzt muss aufgeräumt werden"

Sympathisanten des TSV 1860 München aus der Region Coburg und Kronach wünschen sich nach dem Abstieg einen kompletten Neuanfang mit jungen Spielern.
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Enttäuschung pur bei den Löwen-Akteuren Sascha Mölders, Florian Neuhaus und Daniel Adlung (von links) Foto: Andreas Gebert/dpa
Enttäuschung pur bei den Löwen-Akteuren Sascha Mölders, Florian Neuhaus und Daniel Adlung (von links) Foto: Andreas Gebert/dpa
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Als waschechter Fan eines Vereins geboren: Was oftmals eher nach einer Plattitüde klingt, trifft auf Kevin Wunder aus Nordhalben wahrhaftig zu. Ausgerechnet am 18.6. des Jahres 1979 erblickte er das Licht der Welt. Sein Vater Ralf war ein Jahr zuvor Mitgründer des 1860-Fanclubs "Die Löwen Nordhalben". "Es stand noch nicht mal mein Vorname fest, da war ich schon als Mitglied im Fanclub registriert", erzählt Wunder. Tatsächlich waren sich damals seine Mutter, die Alexander bevorzugte, und sein Vater, der seinen Sohn nach der Fußball-Legende Kevin Keegan, der zu der Zeit beim Hamburger SV kickte, uneinig. Am Ende siegte die Fußballbegeisterung des Vaters.
Die ruhmreichen Zeiten des HSV als auch der Münchner Löwen gehören schon lange der Vergangenheit an.

Mittlerweile ist der 37-jährige Kevin Wunder Präsident des rund 150 Mitglieder starken Fanclubs. Gemeinsam mit 12 anderen Clubmitgliedern hat er sich die unrühmliche 0:2-Niederlage seiner Löwen gegen Regensburg am Dienstagabend in der Vereinshütte in Nordhalben angesehen. Die Enttäuschung hielt sich dabei in Grenzen, Tränen flossen keine. "Es sind viele Realisten unter uns, die mit einem schwierigen Spiel gerechnet haben. Der Abstieg hat sich seit vielen Jahren abgezeichnet. Die Probleme sind hausgemacht, der Abstieg war keine richtige Überraschung." Vielmehr habe sich nach dem Schlusspfiff ein "Jetzt-erst-recht"-Gefühl eingestellt. "Jetzt muss aufgeräumt werden und den jungen Spielern die Chance gegeben werden. Die Söldner sollen wieder dahin, wo sie hergekommen sind", so der Tenor bei den Mitgliedern.


"Verhalten war das Allerletzte"

Ob der Neuanfang in der 3. Liga stattfindet, ist noch offen. Allerdings stehen die Zeichen wohl eher auf Insolvenz und Zwangsabstieg in die Regionalliga. Fakt ist, dass das Chaos auch seine Spuren bei den Fans hinterlassen hat. Wunder: "Als Vorsitzender bekomme ich mittlerweile keinen Bus mehr voll. Es ist schwierig, die Leute zu motivieren, weil die Heimspiele kein Erlebnis mehr sind und man schon mit dem Gefühl ,Das wird wieder nichts‘ nach München fährt." Bezeichnend ist, dass Wunders fünfjähriger Sohn Pepè zwar auch schon Löwen-Fanclub-Mitglied ist, sein erstes Spiel im Stadion aber vor vier Wochen die Zweitliga-Partie zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem VfB Stuttgart war. "1860 München wollte ich ihm ehrlich gesagt bewusst nicht antun", so Wunder. Die Vorfälle rund um die Löwen-Anhänger in der Nordkurve, die am Dienstagabend kurz vor Spielende Sitzschalen und Eisenstangen auf das Spielfeld geworfen hatten, haben ihn da erst bestätigt. "Das war sicher einer der schwärzesten Tage der Vereinsgeschichte. Das Verhalten war das Allerletzte, als Vorsitzender unseres Fanclubs verurteile ich so ein Verhalten aufs Schärfste", sagt Wunder. Der gleichen Meinung ist auch Egon Grünbeck, Kreisspielleiter des Spielkreises Coburg/Kronach. "Ich habe für solche Leute überhaupt kein Verständnis. In den Medien ist von Fans die Rede, in meinen Augen sind das eher Verbrecher", so Grünbeck, der den Löwen seit 1965 die Treue hält. Als Siebenjähriger hat ihn damals das Europacup-Finale im Wembley-Stadion zwischen dem TSV 1860 und West Ham United in den Bann gezogen. Den Münchner Abstieg in die Drittklassigkeit hat er "recht entspannt" von der Couch aus verfolgt. "Ich bin da nicht so emotional, es war ja irgendwie abzusehen, bei dem Chaos, das die letzten Jahre herrscht", sagt Grünbeck. Chaos, das der schwerreiche Investor Hasan Ismaik in den letzten Jahren nicht in den Griff bekommen hat. Die allgemeine Kritik an Investoren im deutschen Profifußball teilt Grünbeck allerdings nicht: "Im Fußball braucht man eben Geld. Ich glaube nicht, dass es bei 1860 eine Alternative gibt. Die Verantwortlichen werden es kaum schaffen, ohne diese Unterstützung einen konkurrenzfähige Mannschaft für die 3. Liga auf die Beine zu stellen."

Eine echte "On-off-Beziehung" führt der Coburger Steinmetz Martin Ruggaber mit den Sechzigern. "Ich bin seit 40 Jahren Fan. Als Vereinsmitglied habe ich mich zwischenzeitlich dreimal abgemeldet, bin aber immer wieder eingetreten", sagt er. Als ehemaliger Spielleiter des VfB Coburg kann sich Ruggaber noch gut an die direkten Bayernliga-Duelle mit den Löwen in der Vestestadt erinnern, nachdem diesen 1982 die Lizenz aufgrund zu großer finanzieller Belastungen entzogen worden war. Eine Situation mit Parallelen zu heute. "Ich habe große Zweifel, ob die Löwen eine Lizenz für die nächste Saison in der 3. Liga bekommen", sagt Ruggaber, dem ob der gezeigten Leistung am Dienstag und während der Saison fast die Worte fehlen: "Ich war mir eigentlich sicher, dass 1860 gewinnt. Aber wer Regensburg zu Hause vor über 60 000 Zuschauern nicht schlägt, hat es nicht anders verdient."

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