Coburg
1. Volleyball-Bundesliga

Ein leiser Abschied ohne Satzgewinn

Die VSG Coburg/Grub verlor vor 901 Zuschauern gegen den Tabellendritten aus Hessen. Ein Rückblick mit Ursachenforschung.
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Kommt die VSG noch einmal auf die Beine? Fotos: Albert Höchstädter
Kommt die VSG noch einmal auf die Beine? Fotos: Albert Höchstädter
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Zwei Jahre 2. Liga und drei Jahre 1. Liga. Mit der 0:3-Heimniederlage gegen die United Volleys RheinMain ging gestern Abend in der HUK-Arena eine Ära zu Ende. Vorausgesetzt in den nächsten Tagen passiert nicht noch ein Volleyball-Wunder und ein Großsponsor rettet die "Schmiede" - verdient hätte es dieser stets bodenständig gebliebene Verein, doch die Aussicht auf Erfolg ist eher gering.


Viel Prominenz auf den Rängen

Zum vermutlich letzten Aufschlag versammelte sich noch einmal die Prominenz im Coburger Sporttempel. Unter den 901 Zuschauern waren nicht nur zahlreiche Sponsoren und Politiker, sondern auch die komplette Führungsriege des HSC 2000 Coburg oder BBC-Vorsitzender Jack Hörnlein. Die Atmosphäre hatte etwas von Endzeitstimmung. Erwiesen sie alle der VSG schon die letzte Ehre?


Gutes Gespräch mit OB Tessmer

VSG-Team-Manager Michael Dehler zeigte sich jedenfalls vorsichtig optimistisch: "Ich hatte heute ein unerwartet wohltuendes Gespräch mit Oberbürgermeister Norbert Tessmer, Vertretern des Sportamtes und des Sportverbandes. Ich bin ohne Erwartungen gekommen und zuversichtlich gegangen".
Dies würde allerdings noch lange nicht bedeuten, dass der Klub vor der Rettung stünde, aber die "Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt". Und Dehler weiter: "Wir werden bis zum letzten Abpfiff kämpfen".


Abstieg aus der 1. Liga

Wegen der scheinbar irreparablen finanziellen Schieflage und dem damit verbundenen Punktabzügen ist der Abstieg der VSG Coburg/Grub aus der 1. Bundesliga programmiert. Das Spiel gegen die Hessen war vorerst die letzte Gelegenheit für die Fangemeinde, Erstliga-Volleyball in Coburg zu sehen und sich von der aktuellen Mannschaft zu verabschieden. Knapp 1000 Fans nutzten diese Chance. Zuletzt war die Resonanz rückläufig. 400 bis 500 Zuschauer kamen nur noch in die Halle. Enttäuschend, aber irgendwie auch symptomatisch für die traurige Entwicklung der "Schmiede" in den letzten Monaten.
Nach dem atemberaubenden Aufwärtstrend 2013 wurde leider auch die Fehlerkette immer länger. Natürlich erscheinen die geforderten Auflagen des Verbandes aberwitzig.
Sie zielen darauf ab, nur noch Volleyball-Metropolen im Konzert der Großen mitschmettern zu lassen.


Umstrittene Auflagen der VBL

Die Gefahr ist groß, dass sich die VBL mit dieser umstrittenen Philosophie ihr eigenes Grab schaufelt, schließlich ist die VSG Coburg aktuell nicht der einzige Erstligist, der um die Existenz bangt! Doch ganz so einfach sollte es sich die VSG nicht machen. Die Entscheidungsträger haben es nicht immer verstanden, die Gunst der Stunde zu nutzen. Kritiker werfen dem Klub vor, er habe die Euphorie des Aufstieges verschlafen. Wichtige Signale verpasst, Weichen nicht gestellt. Jetzt rollt die VSG auf dem Abstellgleis ins Aus.


Aufstiegseuphorie verschlafen?

Vieles wurde in der Vergangenheit aber auch richtig gemacht: Die "Grünen", deren Aufschwung auch eng mit dem Ex-Team-Manager Peter Pillmann und dem langjährigen Trainer Milan Maric verbunden ist, entwickelte sich im Oberhaus in den letzten Jahren von der "grauen Maus" zu einem konkurrenzfähigen Team, das phasenweise selbst mit Spitzenteams auf Augenhöhe schmetterte.
Sogar den mehrfachen Deutschen Meister und Champions-League-Teilnehmer VfB Friedrichshafen hatten Kapitän Baxböhler & Co. am Rande einer Niederlage. Das ist erst zwei Monate her.
Die VSG wurde oft als klassischer Abstiegskandidat gehandelt: Kleinere Stadt, überschaubares Budget, ebenso übersichtliche Sponsorenlandschaft.


Mit bescheidenen Mitteln

Doch den "Schmieden" kümmerte dieser allgemeine Pessimismus nicht, sie hielten an ihrer Philosophie fest: Bescheidene Mitteln, extrem hoher ehrenamtlicher Einsatz und Mut, ein völlig neues Team aus dem Boden zu stampfen.


Ein Nobody als Cheftrainer

Nach der Trennung von "Kulttrainer" Maric setzten die "Grünen" zu Beginn dieser Spielzeit auf einen Nobody als Chefanweiser. Das zahlte sich auf Anhieb aus. Itamar Stein war der Mann, der dem Klub neues Selbstbewusstsein einhauchte, schnell und verlässlich die Abstiegssorgen nahm und mit nicht für möglich gehaltenen Siegen sogar lange Zeit die direkte Qualifikation für die Playoffs ins Visier nahm.
Er ist ein akribischer Arbeiter. Auch in der bislang schwersten Stunde seiner kurzen Trainerlaufbahn bereitete der 33-Jährige sein Team gewissenhaft vor. Wenn er am Samstag in der Berliner Max-Schmeling-Halle zum letzten Mal in einem Erstliga-Spiel an der Coburger Seitenlinie gestikuliert, ist bei dem glücklichen Familienvater sicher auch eine große Portion Wehmut dabei. Die VSG ist für ihn längst eine Herzensangelegenheit.


"Nackenschlag" weggesteckt

Doch noch hat er die Hoffnung, dass es nicht seine letzten Sätze in Diensten der VSG werden: "Ich glaube wir können die finanzielle Kurve noch bekommen", sagt der Volleyball-Lehrer, der während seiner aktiven Zeit als Spieler lernen musste, mit "Nackenschlägen" umzugehen. Eine Verletzung im Genick zwang den Israeli von heut auf morgen, die Schuhe an den Nagel zu hängen.


Traumstart folgte ein Tränental

Ebenso wie die Geschichte des Klubs verlief auch die abrupt zu Ende gehende Saison in Wellen: Ein Traumstart mit tollen Siegen in den ersten Spielen machte den Außenseiter in den Augen der Fans kurzzeitig sogar zum sicheren Playoff-Kandidaten. Doch das Tal ließ nicht lange auf sich warten: Es folgten Serien von bitteren Niederlagen. Schnell war die VSG in einem nicht zu bremsenden Abwärtsstrudel.
Sicher hat die finanzielle Entwicklung des Klubs in den Köpfen der Spieler mitgeschmettert. Anders ist der extreme Leistungseinbruch im Frühjahr nicht zu erklären.
Dass die kurze, aber sehr erfolgreiche Ära trotz des intern noch herrschenden Zweckoptimismus zu Ende geht, darüber sind sich nicht nur der Trainer, sondern auch die Dehler-Brüder, Jürgen Teuber und Christiane Lamberti sicher im Klaren.
Die Macher in der "Schmiede" wissen spätestens nachdem die Schreckensnachricht der VBL die Runde machte, dass Volleyball-Deutschland die Fühler bereits ausgestreckt hat und bei dem einen oder anderen ihrer Spieler anklopfte, um sich nach potenziellen Verstärkungen für die neue Saison zu erkundigen.
Die für die VSG nicht zu stemmenden Auflagen der VBL zerstören den Coburger Volleyball-Traum. Es ist der letzte Schmetterschlag, der Fans, Spieler und Funktionäre bis ins "grüne Mark" trifft. Auch weil er ohne externe Hilfe nicht abzuwehren war.
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