Coburg
Wahlkampf

SPD holt sich Tipps beim Europameister

Reden und zuhören: Mit diesem Konzept tourt die SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen durch die Lande. In Coburg traf sie den Paralympics-Europameister Felix Streng.
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Eigentlich wollten Michael Busch und Natascha Kohnen am Montag im "Schlick" Landtagswahlkampf für die SPD machen. Aber dann hörten sie lieber ihrem Gesprächsgast Felix Streng zu - das Publikum interessierte sich ohnehin mehr für ihn. Foto: Simone Bastian
Eigentlich wollten Michael Busch und Natascha Kohnen am Montag im "Schlick" Landtagswahlkampf für die SPD machen. Aber dann hörten sie lieber ihrem Gesprächsgast Felix Streng zu - das Publikum interessierte sich ohnehin mehr für ihn. Foto: Simone Bastian

Bereitwillig gibt Felix Streng Auskunft: Wie ihm seine Eltern eine sorglose Kindheit und Sport ermöglichten, "die Prothese war für mich das Normalste, was es gab". In La Paz (Bolivien) geboren, in Herbartsdorf (Gemeinde Meeder) aufgewachsen, als Waldorfschüler wegen der Facharbeit über Behindertensport beim TSV Bayer 04 Leverkusen gelandet, drei olympische Medaillen 2016, drei EM-Titel 2018: So liest sich die Kurzvita des 23-Jährigen.

Er lässt sich am Montagabend im "Schlick 29" interviewen, der ehemaligen Hofschlächterei im Steinweg. Die wurde im Zuge der anstehenden Stadtsanierung zum Veranstaltungsort umgemodelt, aber in letzter Zeit eher wenig genutzt. Für diesen Abend hat die Coburger SPD die Räume belegt: Felix Streng wird von Natascha Kohnen befragt, der SPD-Spitzenkandidatin zur Landtagswahl.

Schnell wird deutlich, dass die rund 50 Zuhörer (viele davon aus der Coburger Sportszene) nicht wegen Natascha Kohnen gekommen sind, sondern wegen Felix Streng. Er erhält schon den stärkeren Beifall, als Landtagskandidat Michael Busch die beiden Gesprächspartner vorstellt. Der Dialog sieht dann so aus, dass Kohnen fragt, Streng antwortet und Kohnen die Antworten gelegentlich zu politischen Statements nutzt. Ganz dezent, gerade so, dass der Wahlkampf erkennbar wird. Zum Beispiel, als Streng erzählt, dass er seine angeborene Behinderung (er kam ohne rechten Unterschenkel zur Welt) im Alltag nie spürte, weil er ja von klein auf eine Prothese hatte. Auch die Nachbarskinder hätten damit nie ein Problem gehabt, erzählt er. Das sei wohl die Inklusion gewesen, die man heute wolle. "Man muss Menschen zusammenbringen, nicht trennen", greift Kohnen sofort auf.

Dabei hatte Streng mit dem "Behindertenkram" nichts am Hut, als es 2012 um sein Facharbeitsthema an der Waldorfschule ging. Da war er 16. Zwecks Recherche und Probetraining zur eigenen Erfahrung nahm er Kontakt zum TSV Bayer 04 Leverkusen auf und fuhr in seinen Sommerferien hin. "Da haben die mich mal durch die Lichtschranken gejagt." Und machten ihm ein Angebot, dort als Leistungssportler zu trainieren. Der Verein besorgte ihm einen Platz im Gymnasium, im Sportinternat und ein Zimmer in einer WG. Seinen Eltern erzählte er zunächst nur, dass er einige Tage länger bleiben werde. Zurück in Herbartsdorf berichtete er beim Frühstück, was geschehen war und zog um.

Schon im Training erreichte er Rekordzeiten, 2014 lief er die ersten großen Rennen, "wo man vom Veranstalter eingeladen wird". 2016 startete er bei den Paralympics trotz Muskelfaserriss im Einzelrennen und in der Staffel. Er schildert die Psychotricks, mit denen die Konkurrenten einander aus der Konzentration bringen wollen und kann gar nicht so recht sagen, wie er es schafft, sich mental einzustellen: Er habe einfach Spaß am Wettkampf, sagt er schließlich. "Training muss man durchziehen", aber den Wettbewerb genießen.

Dankbare Stichworte für die Wahlkämpfer der SPD, die sich trotz schlechter Umfragewerte motiviert geben. Als Modell für Inklusion indes sieht Streng sich nicht: "Ich kann ja fast alles, außer auf Zehenspitzen." Inklusion gebe es im Sport nicht, nur durch den Sport, stellt Streng klar: Denn im Sport herrsche Konkurrenz. Durch den Sport aber würden Menschen aus allen Nationen zusammenkommen, "man ist direkt wie eine Familie". Was er vermisse, sei ein Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gesellschaft generell. "Manchmal denke ich, ich bin der einzige, der einer Oma den Koffer an die Bahn trägt", weil sonst jeder mit sich selbst beschäftigt sei.

"Das hätte ich von einem 23-Jährigen nicht erwartet: So viele kluge Worte zu hören", sagt Michael Busch. Ein bisschen Wahlkampf muss am Ende doch sein, auch oder gerade weil Gerhard Amend (Stadtratsmitglied, CSB) und Fritz Frömming (Verwaltungsdirektor Landestheater) gezielt in den Schwachpunkt stoßen: Die SPD habe die Themen, "wie kommt es, dass ihr euch nicht durchsetzt?", fragt Frömming. Natascha Kohnen kann diese Frage ausführlich und durchaus selbstkritisch beantworten: Die SPD als Partei der Industrialisierung habe den Sprung zur Digitalisierung nicht geschafft, sei neoliberalen Ideen aufgesessen, habe an die Selbstheilungskräfte des Marktes geglaubt. Das habe Vertrauen gekostet. Aber immerhin habe sie wichtige Dinge wie die Möglichkeit zur Rente mit 63 oder die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der Sozialversicherung in den Koalitionsvertrag hineinverhandelt.

Gerhard Amend ("Ich bin kein SPD-Mitglied!") verweist auf die Situation in Stadt und Landkreis Coburg, wo die Sozialdemokraten lange schon am Ruder sind, wo es bezahlbare Wohnungen gebe. Warum sich das Land Bayern nicht verhalte wie die Kommunen, fragt er und liefert Busch damit das Schlusswort: "Aber das wollen wir doch!" Und verhindern, dass diejenigen ans Ruder kommen, die so tun, als gebe es für die komplexen Themen einfache Antworten. Denn darauf hatte Natascha Kohnen hingewiesen: Die Flüchtlingsthematik habe den sozialen Themen wie Wohnungsnot oder die Folgen des digitalen Wandels zwar nach oben gespült - aber unter ganz anderen Gesichtspunkten.



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