Coburg
Standortbestimmung

Sonst noch Kulturpolitik in Coburg? Aber ja doch

Gibt es in Coburg eine Kulturpolitik außerhalb des Themas Generalsanierung des Landestheaters? Oberbürgermeister Norbert Tessmer antwortet.
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Kindern Kultur so  vermitteln, dass sie nachhaltig davon beeinflusst werden, dass  ihre Persönlichkeit entwickelt und gestärkt wird, ist  das grundsätzliche Anliegen von Oberbürgermeister Norbert Tessmer. Kunstsammlungen/Jochen Berger
Kindern Kultur so vermitteln, dass sie nachhaltig davon beeinflusst werden, dass ihre Persönlichkeit entwickelt und gestärkt wird, ist das grundsätzliche Anliegen von Oberbürgermeister Norbert Tessmer. Kunstsammlungen/Jochen Berger
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"Kultur? Ham' mer doch!" - Das war früher eine beliebte Reaktion in Coburg, fragte man nach kulturpolitischen Perspektiven. Jaaa. Die Vestestadt ist dank ihrer Residenz-Vergangenheit gesegnet und privilegiert in ihrem kulturellen Lebensfeld. Auch dank ihrer Wirtschaftskraft und dank beachtlichen, bisher nicht versiegenden Engagements einer Reihe von kulturbegeisterten Bürgern.

Doch allzu lange auf einem bequemen Sofa auszuruhen, lässt die (Zukunfts-)Kräfte versiegen. Außerdem stand und steht das Sofa tatsächlich nicht allen zur Verfügung. Und die Lebensbedingungen einer Gesellschaft ändern sich permanent, worauf die Politik zu reagieren hat.

Gegenwärtig muss die Coburger Kulturpolitik intensiv darauf reagieren, dass das Landestheater, das Zentrum des kulturellen Lebens in Coburg, umfassend saniert werden muss und man deshalb für Jahre eine Ausweichspielstätte braucht. Und für beides zusammen viel Geld. Und viel Nerven.

Sonst noch was? Durchaus, sagt Norbert Tessmer, der bis 2014 Kulturreferent der Stadt war und diese Zuständigkeit auch nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister behalten hat. Sein Alpha und sein Omega war stets die Verknüpfung von Kultur- und Sozialpolitik. "Persönlichkeitsbildung wird immer wichtiger", erklärt Tessmer im Gespräch mit dem Tageblatt seine Motivation. "Und die betreibe ich am besten mit Kultur."

Die Aachener Erklärung des Deutschen Städtetages von 2007 nennt Tessmer sein "Gebetbuch". Sie zitiert er, wenn Einwände gegen Ausgaben und Investitionen der Kommune im kulturellen Bereich kommen. In dieser Erklärung heißt es; "Bildung ist mehr als Schule! Kognitives, soziales und emotionales Lernen müssen miteinander verbunden und in verbindliche Vernetzungsstrukturen einbezogen werden." Ausgangspunkt für Bildungsprozesse in den verschiedenen Lebensphasen sei zu allererst die kommunale Ebene. "Die Verantwortung der Städte in der Bildung muss deshalb gestärkt werden. Die Städte sollten Bildung als zentrales Feld der Daseinsvorsorge noch stärker erkennen."

Und das setzt für Tessmer eben am Besten im kulturellen Bereich an, vor allem, wenn man davon einiges als Ressource vor Ort hat. Nicht von ungefähr hat unterdessen die Hochschule auf diesen Ansatz reagiert und Coburg zum Forschungs- und Experimentierfeld für ihr zweijähriges Projekt "Schnittstellen zwischen Hoch-Kultur und kultureller Bildung" erklärt.

Wozu dafür Geld ausgeben?

Tessmer, mittlerweile selbst Vorsitzender von "Stadtkultur", einem kulturpolitischen Netzwerk innerhalb des bayerischen Städtetages, hat von Anfang an versucht, das Leitbild "Kommunale Bildungslandschaft" konkrete Struktur werden zu lassen. Im Zentrum - neben einer Reihe anderer Maßnahmen - steht der "Kulturservice" für Kitas und Schulen, gegründet 2005, der Bildungseinrichtung und Kulturschaffende zusammenbringen will. - Wozu dafür das Geld der Kommune ausgeben? Die sollen doch einfach hingehen zu unserer Kultur!? -

"Es war nicht einfach, klarzumachen, dass man das fördern, vernetzen muss", blickt Tessmer zurück. Herkömmlicher Weise bleibt halt jeder erst mal in seiner Bahn, ist dort durchaus ausgelastet. Nach zähem Beginn kann Tessmer auf über 120 Maßnahmen verweisen, die 2018 über das Bildungsbüro vermittelt und finanziell gefördert wurden. Über 6400 Kinder und Jugendliche kamen so zu kulturellen Erfahrungen, die sie sonst nicht unbedingt machen. Und das im Rahmen eines jährlichen Etats von 15 000 Euro. So sind an den Schulen eine Reihe von Theatergruppen entstanden. Um nur ein weiteres Beispiel zu nennen: Wenn ein professioneller Schauspieler des Landestheaters in den Gymnasien Tucholsky erleben lässt, ist das etwas ganz anderes, als wenn dessen Texte von einem kopierten Papier abgelesen werden.

Kerstin Lindenlaub, die Leiterin des Bildungsbüros, beobachtet, dass durch den permanent gepflegten Kontakt die Angebote von Kultureinrichtungen, von Naturkundemuseum, Puppenmuseum, den Kunstsammlungen auf der Veste, der Theaterpädagogik des Landestheaters und von freien Kulturschaffenden, zunehmend auf den Lehrplan der Schulen, auf die Bedürfnisse der Bildungseinrichtungen abgestimmt werden. Und nun auch immer häufiger gebucht werden. "Dennoch muss man hier am Ball bleiben", gibt Lindenlaub zu bedenken. "Durch die hohe Fluktuation in den Bildungseinrichtungen wird das Wissen um KS:Cob nicht weitergegeben." Es ist ein Prozess mit Wechselwirkung, der Zeit braucht.

Er sieht Wirkung

Und dessen Ergebnis man nicht so unmittelbar zählen kann wie Erbsen. Tessmer meint allerdings, deutliche Veränderungen wahrnehmen zu können. "Als ich vor Jahren bei der Abschlussfeier einer Coburger Hauptschule war, da lungerte eine Reihe von Jugendlichen in den Ecken herum. Näheres will ich gar nicht beschreiben. Als ich letztes Jahr dort war, kein Vergleich mehr. Ein tolles kulturelles Rahmenprogramm. Die Mädels und Jungs alle rausgeputzt und mit selbstbewussten Blicken. Da hat man sich bemüht, den Kindern und Jugendlichen mit kreativen Angeboten zu zeigen, was in ihnen steckt."

Wem dieser kulturpolitische Ansatz zu sozio ist, dem hält der SPDler Norbert Tessmer entgegen, dass Kultur generell längst kein sogenannter weicher Standortfaktor für den wirtschaftlichen Erfolg einer Kommune, sondern ein "knallharter" ist. "Für eine Stadt mit über 30 000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen, vielen zudem im hochqualifizierten Bereich, ist ein entsprechendes kulturelles und bildungsmäßiges Umfeld elementar. Wir zielen schließlich auch auf Menschen aus den Ballungsgebieten. Für die ist es oftmals ein schwerer Schritt, zu uns zu ziehen."

Um diesen Dreh- und Angelpunkt von Tessmers Kulturpolitik herum will er auf jeden Fall "die Vielfalt fördern". Die neue Kammermusikreihe im Rathaussaal freut ihn. "Jetzt wird der schönste Raum der Stadt öfters auch über die Stadtratssitzungen hinaus genutzt." Tessmer spricht die Jazznacht an, das "OPA-Phänomen", bei dem ehemalige Albertiner mit ihrer frechen Blasmusik gute Stimmung in die Stadt bringen.

"Poetry Slam und solche Sachen der freien Szene, die sind ein bisschen eingeschlafen; da müssen wir mal wieder schauen, was wir tun können," wird Tessmer nachdenklich.

Die alten Chöre sterben aus, doch noch vor wenigen Jahren hätte keiner geglaubt, was sich hier alles neu entwickelt. Die Nacht der Kontraste mit jährlich über 10 000 Besuchern liegt ohnehin auf seiner Linie der Kontaktvermittlung. "Da gehen sehr viele Leute an Orte, an die sie sonst nicht gehen. Wie oft höre ich da: Wenn wir das gewusst hätten, wären wir schon früher mal gekommen."

KOMMENTAR von Dr. Carolin Herrmann : Kultur von unten und von oben

Das ist ihnen zu langweilig? Zu unspektakulär als Kulturpolitik für eine Kulturstadt wie Coburg? Oder Sie halten es andererseits für überflüssig, ein Bildungsbüro für die Vernetzung von kulturellen mit sozialen Einrichtungen zu betreiben, weil doch die Schulen und Kindergärten gefälligst selbst für Persönlichkeitsbildung zu sorgen haben?

 Es ist ein respektables Konzept, das Norbert Tessmer vor mehr als 15 Jahren für sich als Kulturpolitiker gewählt und bis heute konsequent durchgezogen hat. Mittlerweile blicken andere Städte suchend nach Coburg und fragen interessiert: "Was macht ihr denn da?" Die Stadt Coburg betreibt eine Politik, die in tausend winzigen Schritten hartnäckige Kulturförderung mit Wirkung in sämtliche Richtungen bedeutet, die Kultur- und Bildungseinrichtungen sowie sonstige Einfallsreiche und kreativ Engagierte auf einer Ebene zusammenbringt.  Tessmer und alle kulturverständigen Menschen in dieser Stadt haben gleichzeitig, von der anderen Seite, der sogenannten Hochkultur her, auch Gewaltiges am Hals. Da gibt es Menschen offensichtlich bar jeden Kulturverstandes, die nach all dem bereits Erreichten und Geplanten im Hinblick auf die Generalsanierung des Landestheaters vorschlagen, das Herz des kulturellen- und gesellschaftlichen Lebens dieser Stadt stillzulegen. Denn das würde eine - adäquat gar nicht machbare - Verlegung des Dreisparten-Betriebes bedeuten. Diesen Spagat hat die Coburger Kulturpolitik derzeit auszuhalten.

Was ist KS:Cob?

Der Kulturservice für Schulen und Kitas der Bildungsregion Coburg ist ein gemeinsames Serviceangebot von Stadt und Landkreis Coburg. KS:COB vernetzt Kindertagesstätten, Schulen, Künstler und Kulturschaffende und fördert die kulturelle Bildung. Das vom Bildungsbüro der Stadt, Steingasse 18, betreute Angebot beruht auf der wissenschaftlich belegten Überzeugung, dass kulturelle Bildung Grundlagen für die Entfaltung der eigenen Kreativität und des Vorstellungsvermögens legt und somit soziale und persönliche Kompetenzen fördert. Derzeit stehen 259 Angebote im Programm. Überblick im Internet. Telefonischer Kontakt: 09561/ 891405 oder im Landratsamt 09561/514-2310.

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