Coburg
Vor der Premiere

Sönke Schnitzer inszeniert "Basketball Diaries" am Landestheater

Basketball und Drogen in der Reithalle: Der junge Schauspieler Sönke Schnitzer inszeniert Jim Carrolls "Basketball Diaries" am Landestheater Coburg. Für den 29-Jährigen wird damit der Traum vom Regieführen Wirklichkeit.
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Sönke Schnitzer hat sich für seine erste Regie die "Basketball Diaries" von Jim Carroll vorgenommen.  Foto: Carolin Herrmann
Sönke Schnitzer hat sich für seine erste Regie die "Basketball Diaries" von Jim Carroll vorgenommen. Foto: Carolin Herrmann
Basketball-Fieber am Landestheater? Der halbe Männer-Trupp wirft ja seit einiger Zeit mit Bällen um sich, vorzugsweise auf Körbe, durchaus auch in publikumswirksamen Events zusammen mit dem BBC Coburg. Jetzt aber führen die sportlichen Ambitionen wieder zurück auf die Bühne: Am Freitag werden in der Reithalle Basketball-Tagebücher geöffnet, die "Basketball Diaries" des amerikanischen Autors und Punk-Musikers Jim Carroll (1949 bis 2009).

Er gehörte zum Künstlerkreis um Andy Warhol, ist in Amerika ein Name, bei uns eher nicht. Carroll war in den sechziger Jahren ein New Yorker Basketball-Talent, wurde aber mit 13 Jahren heroinsüchtig. Das war es dann. Seine künstlerische Ader rettete ihm immerhin das Leben. Er schrieb Gedichte, machte Musik und beschrieb im Tagebuch seinen Absturz.

Das wiederum faszinierte den jungen Sönke Schnitzer, Sohn und Bruder von erfolgreichen Basketballspielern in Göttingen, dessen Leidenschaft sich dann mit 17 jedoch eindeutig aufs Theater verlegte. Der 29-Jährige ist jetzt im vierten Jahr als Schauspieler am Landestheater Coburg, war schon in ganz unterschiedlichen Rollen zu erleben, als Schillers Franz Mohr und Lessings Tempelherr etwa, musikalisch gefordert als Elwood in den "Blues Brothers" und derzeit als guter Cowboy im Rockwestern "Tombstone". Und weil Intendant Bodo Busse großes Zutrauen und Vertrauen zu seinen Leuten hat, darf jetzt auch Sönke Schnitzer erstmals seinen Traum vom Regieführen verwirklichen.

Die "Basketball Diaries" ließen ihn nicht los, auch wenn er selbst gar nicht mehr zum Ballspielen kommt. Lesen ist ihm wichtiger. Doch mit seinem Stück-Vorschlag kam er gerade richtig, zumal mit Helmut Jakobi und Mathias Renneisen (neben dem gefeierten Frederik Leberle) zwei weitere gute Basketballspieler bereitwillig in Posi tion gingen. Die werden ab Freitag auf der Reithallenbühne im typisch New Yorker Hinterhof-Käfig (Bühne Susanne Wilczek) ein bisschen Basketball spielen. - Und damit aber mal stopp.

Die Stimmung der 60er Jahre

Denn das alles wird zwar den Hintergrund liefern. Doch im Theater sollte es um mehr gehen. Jim Carrolls Tagebuch dokumentiert ein (Drogen-) Schicksal, den Kampf des Individuums um Unabhängigkeit und eigenen Stand, spiegelt Gesellschaft und Stimmung der 60er Jahre, die Ärmlichkeit und Gefahr in den Straßen New Yorks, die Angst vor dem Atomkrieg. "Jim Carrolls stellt auf sehr poetische Weise die Frage: Was machst du mit deinem Leben? Er ist schonungslos, auch gegenüber sich selbst", beschreibt Sönke Schnitzer die Vorlage. "I just want to be pure", ist einer von Jims wiederkehrenden Sätzen. "Er will einfach nur er selbst sein, nicht ständig eingepasst und eingezwängt werden durch gesellschaftliche Vorgaben."

Junge und jung Gebliebene fasziniert der Aufbruchsgeist der 60er, dessen Ungestüm und Freiheits-Romantik im Nachhinein dann allerdings einen schwärzlichen Rahmen erhielten, als die gefeierten Idole statt immer weiter in kreative Freiheits-Dimensionen aufzusteigen den Drogentod starben.

Leicht gemacht hat es sich Sönke Schnitzer nicht für sein Regie-Debüt. Aus den Tagebuchaufzeichnungen Carrolls hat er - nach heftigem Ringen mit dem New Yorker Verlag umdie Rechte - eine Bühnenfassung geschrieben. Darin wird in anderthalb Stunden spotlicht-artig über einen Zeitraum von vier Jahren hinweg die Entwicklung Carrolls dargestellt, der als Jugendlicher eine Art Doppelleben führte. Er besuchte eine gute Schule, nahm Drogen und prostituierte sich auf den Straßen. Schnitzer hat in Wien mit He roinabhängigen gesprochen und sich beim Blauen Kreuz kundig gemacht.

Darüber hinaus sucht Schnitzer auch nach einer eigenen, spannungsreichen Darstellungsform. Weil Carroll gleichzeitig wie ein Jugendlicher und dann wieder ganz distanziert schrieb, lässt Schnitzer die Hauptfigur aufgesplittet von Mathias Renneisen, den Jugendlichen, und Helmut Jakobi, den Reflektierenden, spielen. Jakobi wird zudem in weitere Rollen schlüpfen. Hinzu kommt Boris Stark als Musiker. Poppige Inszenierung samt Videoeinspielungen, aber ein Jugendstück in dem Sinne wird die Produktion nicht, sagt Schnitzer. Das Thema ist gar nicht altersbeschränkt.

Nicht verwirklichen ließ sich die angestrebte Kooperation mit dem BBC. Der sollte vor allem in den Videos agieren. "Das begann schon mit der Einkleidung der Spieler. Ein Blick auf unser Budget, o.k., da haben wir halt nur ein paar Chucks gekauft." Wobei die in den 60er Jahren noch Turnschuhe hießen. Aber bitte. Schnitzer ist Jahrgang 1984.

Und dann gehen sie

Nach Abitur und freiwilligem Jahr am Schauspiel Frankfurt ("mit tollen Hospitanzen") rang Schnitzer um einen Platz an einer Schauspielschule, studierte zwischendurch zwei Semester Politik- und Amerikanische Literaturwissenschaften in München und wurde dann in Graz genommen. Er wurde im letzten Studiumsjahr in der lebendigen freien Szene Wiens aktiv, traf dort auf Sebastian Pass, der ihn auf Coburg aufmerksam machte. Tatsächlich nahm ihn Bodo Busse ebenfalls in seine Start-Mannschaft.

"Ich wollte ja nie ans Stadttheater, wollte ja künstlerisch frei sein", lacht Schnitzer schon über seine Jugendträume. Nun aber hat er Coburg kennen und schätzen gelernt und umgekehrt einen "Hass auf die Metropolen entwickelt", die immerzu im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, das aber keineswegs immer verdienen.
Doch auch wenn Schnitzer begeistert ist von der Stadt und ihrem Landestheater, den übersprühenden Jungen zieht es nach vier Jahren weiter. Am Ende der Spielzeit wird er Coburg verlassen, um schauspielend und hoffentlich Regie führend, weitere, neue Erfahrungen zu sammeln.

Und übrigens werden auch der erst in der letzten Spielzeit engagierte Mathias Renneisen und der schon mit Dieter Gack stetter gekommene Helmut Jakobi gehen. So ist das Leben. So ist das Theater.

Die Produktion "The Basketball Diaries". Uraufführung, Schauspiel von Sönke Schnitzer nach Motiven des autobiografischen Romans von Jim Carroll. Inszenierung: Sönke Schnitzer. Ausstattung: Susanne Wilczek. Darsteller: Helmut Jakobi, Mathias Renneisen, Boris Stark. Premiere: Freitag, 24. Januar, 20 Uhr in der Reithalle.

Der Autor James "Jim" Carroll (1949 bis 2009) war ein US-amerikanischer Schriftsteller, Musiker und Punk. Schon früh kam er mit der New Yorker Künstlerszene in Kontakt und erschien auch in zwei Filmen von Andy Warhol. 1970 gehörte Carroll zusammen mit Patti Smith und Robert Mapplethorpe zur Elite der New Yorker Künstlerszene. Sein Musikstil inspirierte Künstler wie Pearl Jam, Rancid, Lou Reed und John Cale.

Die Erlebnisse und Erfahrungen seiner frühen Teenager-Jahre hat Carroll in dem 1978 erschienenen Buch "The Basketball Diaries" beschrieben. Das Buch basiert auf den Tagebüchern, die Carroll im Alter zwischen 12 und 16 geführt hat, und behandelt auch seine Heroin-Abhängigkeit. 1995 wurde das Buch mit Leonardo DiCaprio und Mark Wahlberg in den Hauptrollen verfilmt (dt. Titel: Jim Carroll - In den Straßen von New York).


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