Coburg
Auszeichnung

So öffnet der Coburger Rückert-Preis Fenster in die arabische Welt

Syrien steht im Mittelpunkt bei der 3. Auflage des Coburger Rückert-Preises. Vier syrische Autoren jedenfalls stehen auf der Shortlist für die dritte Auflage des Rückert-Preises. Darauf verständigte sich die dreiköpfige Jury, die am Sonntag nach intensiven zweitägigen Diskussionen ein paritätisch besetztes Literaten-Quartett präsentierte.
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Dieses Denkmal im Coburger Stadtteil Neuses erinnert an den Dichter und Gelehrten Friedrich Rückert.Foto: Archiv/Jochen Berger
Dieses Denkmal im Coburger Stadtteil Neuses erinnert an den Dichter und Gelehrten Friedrich Rückert.Foto: Archiv/Jochen Berger
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Zwei Frauen und zwei Männer sind die Aspiranten für den mit 7500 Euro dotierten Rückert-Preis des Jahres 2013 - die Schriftstellerinnen Samar Yazbek und Rosa Yassin Hassan und die Schriftsteller Nihad Siris und Fawwaz Haddad. Allesamt erfüllen sie die Ausschreibungskriterien: Ihre Arbeiten liegen in deutscher Übersetzung vor und sie beschäftigen mit den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Zuständen in der arabischen Welt.


Literatur als Seismograph



Genau in dieser doppelten Anforderung aber liegt die besondere Herausforderung der Jury. Denn Texte, geschrieben mit dem heißen Atem der Aktualität, erfüllen zwangsläufig nur selten literarische Ansprüche, wie der in Zürich lebende Übersetzer Hartmut Fähndrich als Mitglied der Jury betonte.
Zudem sei aus dem Bereich der arabischen Literatur nur wenig auf dem deutschen Buchmarkt erhältlich - "und natürlich muss auch nicht alles übersetzt werden". Die Jury konzentrierte sich deshalb in ihrer Erkundung potenziell preiswürdiger Arbeiten auf Werke, in denen "die Literatur als Seismograph" dient.
Wo wird in der Literatur der Vorklang kommender Erschütterungen spürbar? Wo deutet sich in der Literatur schon lange vorher der politische Wechsel an? Diese und ähnliche Fragen stellten sich die Jury-Mitglieder Günther Orth und Hartmut Fähndrich gemeinsam mit der-Jury-Vorsitzenden Claudia Ott.


Intensive Debatte


Günther Orth betonte, dass natürlich noch viele andere arabische Autoren der Gegenwart diesen Preis ebenfalls verdienen würden. Die dramatisch Situation in Syrien führte dann aber nach "intensiver Debatte" dazu, im Exil lebende syrische Autoren auf die Shortlist zu nehmen.
Als Jury-Vorsitzende verwies Claudia Ott auf Rückerts bis in die Gegenwart spürbare Bedeutung für den Dialog zwischen Orient und Okzident.


Rückerts arabisches Arkadien


Gleichwohl ließ sie keinen Zweifel daran, dass Rückert auch eine idealisierte Vorstellung von der arabischen Welt hatte: "Rückert lebte in einem arabischen Arkadien."
Wie sich Literatur und Politik unmittelbar begegnen können, davon kann der in Berlin lebende Übersetzer und Dolmetscher Günther Orth ganz unmittelbar erleben. Beim Besuch von Ägyptens Präsident Mohammed Mursi am Mittwoch in der Bundeshauptstadt wird Orth als Simultandolmetscher teilnehmen.



Die Kandidaten und die Jury des Coburger Rückert-Preises 2013


Der Coburger Rückert-Preis wird im Jahr 2013 bereits zum dritten Mal verliehen. Er steht in der Tradition des Wahl-Coburgers Friedrich Rückert (1788 bis 1866). In Anlehnung an Rückert wird der Preis nur an Autoren aus Rückerts Sprachraum vergeben, die in den Originalsprachen schreiben und deren Werke in deutschen Übersetzungen vorliegen. Der Preisträger wird exakt zu Rückerts 225. Geburtstag am 16. Mai 2013 verkündet und am 21. Juni auf der Veste verliehen.


Shortlist



Samar Yazbek (geboren 1970 in Dschabla / Syrien),Studium der Literatur, arbeitete bis zu ihrer Flucht als Journalistin, Herausgeberin einer Online-Frauenzeitschrift und Menschenrechtsaktivistin. Seit 2012 lebt sie in Paris. - In deutscher Sprache lieferbar: "Schrei nach Freiheit. Bericht aus dem Inneren der syrischen Revolution" (aus dem Arabischen von Larissa Bender. München: Nagel & Kimche, 2012).


Rosa Yassin Hassan (geboren 1974 in Damaskus), Studium der Architektur, arbeitete bis zu ihrer Flucht aus Syrien als freie Literaturjournalistin. Seit 2012 lebt sie als Stipendiatin in Deutschland. -
In deutscher Sprache lieferbar:
"Ebenholz" (aus dem Arabischen von Riem Tisini. Köln: Alawi Verlag 2010).


Nihad Siris (geboren 1950 in Aleppo), Studium des Bauingenieurwesens in Bulgarien, anschließend eigenes Ingenieurbüro in Aleppo. Flüchtete im Sommer 2011 aus Syrien nach Kairo. Lebt derzeit in den USA. -
In deutscher Sprache lieferbar:
"Ali Hassans Intrige" (aus dem Arabischen von Regina Karachouli. Basel: Lenos Verlag 2008).


Fawwaz Haddad (geboren 1947 in Damaskus), Jurastudium, Arbeit als Apotheker und Kaufmann, ehe er sich ganz dem Schreiben widmete. Flüchtete im Sommer 2012 nach Katar. - In deutscher Sprache erscheint im April 2013: "Gottes blutiger Himmel" (aus dem Arabischen von Günther Orth. Berlin: Aufbau Verlag 2013).



Die Jury



besteht in diesem Jahr aus der Vorsitzenden Claudia Ott, Günther Orth und Hartmut Fähndrich. Hartmut Fähndrich, 1944 in Tübingen geboren, gilt als wichtiger Übersetzer aus dem Arabischen ins Deutsche. Seit 1978 lehrt er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich Arabisch und Islamische Kulturgeschichte. Günther Orth, geboren 1963, studierte Islamwissenschaft, Geografie und Soziologie. Nach weiteren Studien und teils langjährigen Aufenthalten in Kairo, Damaskus und dem Jemen promovierte er zur modernen Literatur des Jemen. Orth lebt als Dozent, Dolmetscher und Übersetzer für Arabisch in Berlin.
Die Arabistin, Autorin, Übersetzerin und Musikerin Claudia Ott, 1968 in Tübingen geboren, war bereits bei der ersten Auflage des Rückert-Preises Jury-Vorsitzende.


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