Coburg
Premiere

Schön, doch war das alles beim Ballett?

Mark McClains durchaus gewagte Unternehmung, mit seiner Revue "Ballet Rocks!" durch 70 Jahre Musikgeschichte zu streifen, hinterlässt gemischte Gefühle.
Artikel drucken Artikel einbetten
Klassisches Ensemble tanz zu Rock- und Popsongs: "Ballet Rocks!" am Landestheater Coburg. Sebastian Buff
Klassisches Ensemble tanz zu Rock- und Popsongs: "Ballet Rocks!" am Landestheater Coburg. Sebastian Buff
+13 Bilder

Es wird schön, überwiegend klassisch, getanzt, im Bewegungsvokabular, das wir von Mark McClain kennen. Es gibt dazu diese grandiosen Songs der Rock- und Popgeschichte, original vom Band, bei denen wir ohnehin dahinschmelzen. Das alles in einem immer wieder überraschenden, ja fantastische Blicke eröffnenden Bühnenraum von Susanne Wilczek.

Ihre große Rückwand aus Rechtecken und farbig ausstrahlenden Fenstern kann graphisch spannungsvoll leuchten. Oder in hintere Regenwälder führen, in blinkende Großstadtschluchten, vor das unter Jimmi Hendrix explodierender Gitarre zerfallende Sternenbanner. Das allein ist erneut sehenswert.

Tanz und Musik allerdings leben in der Revue "Ballet Rocks!" von Mark McClain öfter eher nebeneinander her, als dass der Ausdruck der Körper mit den Rhythmen, mit den Melodien und Stimmungen auf eine neue Wahrnehmungsebene führen würde.

Manchmal, vor allem nach der Pause, da kommt es zu intensiveren Übereinstimmungen, was vor allem den nun individualistischer agierenden Tänzerinnen und Tänzern zu danken ist. Jaume Costa zieht alles, Musik, Körperkraft, die Macht seiner Imagination und Leidenschaft und die ganze ihm nun zufließende Energie des faszinierten Publikums zusammen zum Erleben eines losgelösten Sunday Mornings (Maroon 5). Es gibt einige Pas de deux eben von klassischer Schönheit, ein hübsches Solo zu "We Are Young" (Fun).

Begeistertes Publikum

Da reißt es das Publikum auch mal so richtig hin, nachdem es zuvor schon immer Szenenapplaus gegeben hatte. "Ballet rocks!", Mark McClains Streifzug durch 70 Jahre Musikgeschichte, wurde bei der Premiere im weitgehend vollen Landestheater vom Publikum gefeiert. Das Coburger Ballett beschert einen bunten Abend, den man entspannt genießen kann. Das ist völlig in Ordnung, und wer nicht mehr braucht, der kann hier ruhig aufhören zu lesen, vielleicht durchaus ein zweites Mal diesen netten Tanzabend besuchen, zumal bei der Premiere Sylvain Guillot krankheitsbedingt ausfiel. (Was ohne satirischen Unterton genauso gemeint ist.)

Festgestellt werden darf allerdings auch, dass Tanz, Tanzkunst mehr kann.

Kapitulation vor Jimi Hendrix

Anfangs, zu Elvis" "Jailhouse Rock", könnte man die eher verhalten zu nennende Bewegungfolge auf der Bühne als raffinierte Kontrastierung auffassen, den Rock'n'Roll der 50er Jahre eher mal ein bisschen zitierend bei der verschmitzten Annäherung der jungen Leute, ihrer Flirterei, dem vorsichtig erwachenden Freiheitsgefühl der süßen Mädels. Im "House of the Rising Sun", da laufen die Jungs noch einigermaßen nachvollziehbar sehnend und suchend herum.

Doch schon die "Good Vibrations" der Beach Boys dringen so gar nicht in die am Strand posierenden jungen Menschen. Und bei Jimi Hendrix' schmerztobender Anklage gegen Krieg und selbstgefälliges amerikanisches Establishment, "The Star Spangled Banner", zu Led Zeppelins "Immigrant Song" - darf das Ensemble da so tänzelnd verbleiben? Zu Carlos Santanas grandioser "Black Magic Woman", seiner bis heute irritierenden Originalität aus Blues, Rock und Jazz und diesem Gitarrensolo, das niemandem mehr aus Ohr und Seele geht - da legt sich das Tanzensemble nur noch darnieder.

Immer wieder pathetische Behauptungen, immer wieder Verweigerung, sich von der Explosion von Rhythmus und Revolution dieser Musik, der 70er Jahre ergreifen zu lassen, ohne dass etwas markantes Anderes entgegen gesetzt würde. Das Coburger Ballett rockt nicht wie versprochen.

Gemischte Gefühle also bei dieser allerdings in jedem Fall ambitioniert zu nennenden tänzerischen Unternehmung.

Und außerdem: Diese Revue bietet ja eine beachtliche Zahl von choreografischen Miniaturen. Die Namen der jeweils ausführenden Solisten sollten doch im Programmheftchen zu lesen sein. Das wäre ein Akt der Achtung vor den ja immer wieder beachtlichen individuellen Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer.

Landestheater Coburg Ballet rocks! Eine Rock-Revue von Mark McClain. Mit Musik von The Beatles, The Rolling Stones, Bon Jovi und anderen. Choreografie Mark McClain, Bühne und Kostüme Susanne Wilczek, Dramaturgie Dorothee Harpain

Es tanzen: Chih-Lin Chan, Natalie Franke, Lauren Limmer, Yuriya Nakahata, Mireia Martinez Pineda /Guilherme Carola, Jaume Costa, Sylvain Guillot, Takashi Yamamoto

Weitere Vorstellungen

3., 14., 16., 22. November, 19.30 Uhr.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren