Gemünda
Kirchenarchitektur

Schlicht, offen, hell und modern ist die Gemündaer Kirche

Mit einem Gottesdienst wird am Sonntag die Sanierung der Johanneskirche gefeiert. Sie überrascht mit viel Licht und betonten Raumachsen.
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Überraschend frisch und modern präsentiert sich die Johanneskirche in Gemünda. Bei der seit 2018 erfolgten Sanierung wurden Chorraum und Altar "entrümpelt". Mensa, Ambo und Taufbecken bekamen eine dicke Glasplatte. Ein Lichtband begleitet die Gemeinde vom Hauptportal zum Tisch des Herrn. Pfarrer Andreas Neeb freut sich über die gelungene Maßnahme. Und auf den Festgottesdienst am kommenden Sonntag (21. Juli) um 10 Uhr, mit dem das Schmuckstück wieder eingeweiht wird.  Foto: Bettina Knauth
Überraschend frisch und modern präsentiert sich die Johanneskirche in Gemünda. Bei der seit 2018 erfolgten Sanierung wurden Chorraum und Altar "entrümpelt". Mensa, Ambo und Taufbecken bekamen eine dicke Glasplatte. Ein Lichtband begleitet die Gemeinde vom Hauptportal zum Tisch des Herrn. Pfarrer Andreas Neeb freut sich über die gelungene Maßnahme. Und auf den Festgottesdienst am kommenden Sonntag (21. Juli) um 10 Uhr, mit dem das Schmuckstück wieder eingeweiht wird. Foto: Bettina Knauth
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Äußerlich thront sie unverändert oben in der Dorfmitte, nur teilweise mit einem frischen Anstrich versehen: die Johanneskirche in Gemünda. Doch innen präsentiert sich das alte Gotteshaus nach der nun erfolgten Renovierung überraschend modern und hell: Sonnig gelb erstrahlt der gesamte Raum, geradezu minimalistisch erscheint der neu gestaltete gothische Chorraum, auf den sich der Blick der Besucher fokussieren soll. "Das war dem Kirchenvorstand ein besonderes Anliegen", schildert Andreas Neeb, der sich mit seiner Frau Kathrin die Gemündaer Pfarrstelle teilt. Immerhin geht dieser Chorraum aufs Jahr 1915 zurück. Bereits 1401 stand an gleicher Stelle eine Kapelle.

Der Balanceakt zwischen Bewahren, Reduzieren und behutsamen Modernisieren gelang. Die hellen Farben, das viele Licht, dazu Glas und Messing ergeben eine einladende Mischung.

Bei Johannes 8,12 heißt es: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben." Auf der Grundlage dieser Bibelstelle hat Künstler Wolfgang Stefan (Selb) das Gestaltungskonzept für die Umgestaltung der Saalbaukirche entwickelt. Stefan gewann den ausgelobten Wettbewerb und verband auf Wunsch des Kirchengemeinde Altes mit Neuem. Wer nun die Kirche durch das Hauptportal betritt, wird durch ein Lichtband unter der Decke durch den gesamten Mittelgang bis zum Altar begleitet. "Besucher werden gewissermaßen von Christus, dem Licht der Welt, an die Hand genommen und zum Chorraum geführt", erläutert Andreas Neeb. Mit dieser Lichtachse gelinge zudem die Verbindung zwischen Chorraum und Kirchenschiff, die aus unterschiedlichen Epochen stammen. Um diesen Eindruck noch zu verstärken, wurde - wie im Kirchenschiff - auch im Chor ein Sandsteinboden verlegt.

Das Lichtband endet über dem Taufstein, der im Mittelpunkt der Apsis steht. "Die Taufe und die Getauften stehen dadurch im Zentrum der biblischen Überlieferung", sagt Neeb, auf die Fensterbilder ringsherum verweisend. Diese wurden 1954 vom Münchener Künstler Josef Reisel geschaffen und bilden den gesamten Inhalt von der Schöpfung im Genesis über Bundesschluss, Weihnachten, Passion und Ostern bis zur Wiederkunft Christi in der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel, ab.

Stefans Entwurf beinhaltete ein Vorrücken des Altars sowie die Entfernung des Altaraufsatzes, damit darunter der aus Sandsteinquadern geformte massive Block dauerhaft sichtbar wird. Erst mit Verblendungen und einer Platte aus Messing versehen, krönt den Altar nun eine Platte aus Glas. In ihr spiegelt sich - je nach Tageszeit - das Licht. Mit seiner neuen Position nimmt der Tisch des Herrn zudem die Achse des Langhauses auf.

Auch Ambo und Taufstein haben so eine rund 12 cm starke Glasplatte bekommen. Deren Blaseneinschlüsse lassen den Geistlichen an "sprudelndes Wasser" denken: "Damit erinnern sie nicht nur an das Licht Christi, sondern auch an die lebenswichtige Bedeutung von Wort und Sakrament", so Neeb. Der Osterkerzenleuchter neben dem Lesepult wurde ebenfalls aus Glas mit Messing gefertigt. Und das alte neogotische Altarbild, das zuvor die Blicke im Chorraum auf sich zog, wurde nicht etwa entsorgt. Es hat, mit Glas gerahmt, im Kirchenschiff eine neue Stelle gefunden. Links davon befindet sich der Gebetsleuchter. Außerdem haben die Emporen und Kirchenbänke einen frischen Anstrich bekommen, passend zu den gelben Wänden und weißen Fensterrahmen. Beim Verlassen der Kirche wird die Gemeinde durch das Lichtband erneut begleitet. Geht der Gang der Besucher zum hinter dem Gotteshaus gelegenen Friedhof, wird das schlichte, sonst unter den Christusfenstern platzierte Glaskreuz voran getragen, "als würde Christus die Gemeinde begleiten", meint der Geistliche.

In seiner mehr als 600-jährigen Geschichte erlebte das Gotteshaus etliche Umbauten und Sanierungen (s. Kasten). Gravierende Schäden waren mitunter von Menschen verursacht. So erhielt die Johanneskirche 1906 einen neuen Turmknopf, nachdem ein "Wüstling" den alten zerschossen hatte. Dass Gemünda wegen seiner Wilderer berüchtigt war, wird selbst in der Kirchenchronik erwähnt.

Zuletzt wurde der sakrale Bau 1980 für 350.000 DM außen und 1982 für 250.000 DM innen renoviert. Die jetzige Sanierung verschlangt etwas mehr als das Doppelte dieser beiden Summen: Rund 650.000 Euro bedeuten einen Kraftakt, trotz Zuschüssen der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, der Stadt Seßlach, des Landesamts für Denkmalpflege und der Oberfrankenstiftung. Einen Eigenanteil von rund 120.000 Euro musste die gut 700 Seelen zählende Kirchengemeinde selber aufbringen. Ist dies gelungen? "Wir arbeiten noch daran", gibt der Pfarrer zur Auskunft, rund ein Sechstel der Summe fehlt wohl noch. Nötig wurde die erneute Renovierung auch durch bauphysikalische "Sünden", die in den Achtziger Jahren begannen wurden. Neeb erläutert: "Wie damals üblich, sollte eine Bitumenschicht verhindern, dass der Sandstein, der ja arbeitet, schwitzt, doch verschlimmerte dieses Vorgehen die Situation noch." Die zügige und zufriedenstellende Abwicklung der Bauarbeiten schreibt der Geistliche vor allem seinem Nachbarn Alexander Kurz. Der mit der Bauaufsicht beauftragte Architekt führte täglich ein Bautagebuch.

Anfang April konnte bereits die diesjährige Konfirmation in dem Gotteshaus stattfinden können, danach ging die Renovierung weiter. Am kommenden Sonntag, den 21. Juli wird die Johanneskirche um 10 Uhr offiziell mit einem Festgottesdienst wieder eingeweiht. Die Festpredigt hält Dekanin Stefanie Ott-Frühwald (Michelau).

Die Johanneskirche in Gemünda

Im Jahr 1401 bauten die Herren von Lichtenstein in Gemünda eine Kapelle, die dem heiligen St. Bartholomäus geweiht wurde. Der spätmittelalterliche Chor entstand 1515. Ab 1535 wurde der Bau als Pfarrkirche bezeichnet. Mehrfach wurde der Kirchenbau erweitert und umgebaut. 1566 wurde das Kirchenschiff um 15 m, 1787 um weitere 3,60 m erweitert. Die Außenmauern wurden um 90 cm erhöht, die Fenster vergrößert, Kanzel und Dachstuhl neu gemacht. Der baufällige Turm wurde 1567 ersetzt, erstmals wurden Emporen errichtet. Erster protestantischer Pfarrer war ab 1590 Johannes Molerus. Größere Reparaturen wurden 1695 und 1736 erwähnt. Als neue Patronatsherren (seit 1806) ließen die Grafen von Ortenburg 1836 Turm und Knopf instand setzen. 1901 erhielt die Kanzel ihren heutigen Platz. Für 4000 Mark wurde die pneumatische Strebel-Orgel angeschafft. Bis 1910 wurden die bunten Fenster im Chorraum eingebaut. Nachdem 1922 in Traunstein die Glocke gekauft wurde, erhielt der Turm neue Ziegel. 1954 lieferte der Münchener Künstler Josef Reisel neue, bunte Fenster. 1950 und 1982 erfolgten Innenrenovierungen. 1980 wurde die Kirche außen, 1982 dann innen instandgesetzt. Seit 2018 wurde nun die Kirche erneut innen saniert, der Chorraum neu gestaltet.

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