Coburg
Gesprächskonzert

Roland Kluttig zu Besuch bei Robert Schumann

Hört man besser, wenn man mehr weiß? Die Reihe "Concertino" feiert ihre umjubelte Premiere am Landestheater. Im Zentrum: die Erstfassung von Robert Schumanns 4. Sinfonie.
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Dirigent und Musik-Erklärer in Personalunion: Bei der Matinee ,Concertino' führte Coburgs Generalmusikdirektor Roland Kluttig durch die Erstfassung von Robert Schumanns 4. Sinfonie.Fotos: Jochen Berger
Dirigent und Musik-Erklärer in Personalunion: Bei der Matinee ,Concertino' führte Coburgs Generalmusikdirektor Roland Kluttig durch die Erstfassung von Robert Schumanns 4. Sinfonie.Fotos: Jochen Berger
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Ein junger Romantiker, das Haar wild in der Luft, ein leicht zerrissener Frack - so könnte Robert Schumann einst auf dem Dirigenten-Podium ausgesehen haben. Eine Figur, die E.T.A. Hoffmann erfunden haben könnte.
So zumindest stellt sich Coburgs Generalmusikdirektor Roland Kluttig den 1810 in Zwickau geborenen Romantiker im Jahre 1841 vor.


Im Schaffensrausch


In jenem Jahr, in dem Schumann seine d-Moll-Sinfonie komponierte, die heute gewöhnlich als seine 4. Sinfonie gezählt wird. 1841 - da war das im Wahnsinn verdämmernde Ende 1856 noch 15 Jahre entfernt. Im Jahr zuvor hatte Schumann endlich seine geliebte Clara geheiratet - gegen den erbitterten Widerstand von Claras Vater.
Und in einem Schaffensrausch, in seinem Sinfonien-Jahr, hatte Schumann auch jene d-Moll-Sinfonie geschrieben, die Roland Kluttig in den Mittelpunkt seines ersten "Concertino" im Landestheater stellte.

Musik zum Sprechen bringen

Ein Stündchen Musik samt Erläuterungen zwischen samstäglichem Einkauf und Mittagessen - dieses Konzept verwandelt Kluttig im Verein mit dem Philharmonischen Orchester in ein Gesprächskonzert, das stets unterhaltsam und erhellend, aber nie belehrend gerät. Wenn Roland Kluttig über Musik spricht, wird daraus nie eine dröge musikwissenschaftliche Vorlesung, sondern ein anregender Dialog. Kluttigs Begeisterung steckt an, ohne sich im bloßen Gestus der Begeisterung zu verlieren. Kluttig bringt Schumanns Musik mit Worten, mit Gestik und Mimik zum Sprechen - lässt den Charakter dieser Musik anschaulich werden.


In Zwickau geboren


Und im Falle von Schumann profitiert der im sächsischen Radeberg geborene Kluttig eindeutig vom sprachlichen Heimvorteil. "Schumann wurde in Zwickau geboren, er dürfte also gesächselt haben - so wie ich. Wahrscheinlich sogar mehr - wenn man den Zeitgenossen glauben darf."

Frischer und energischer

Lange Zeit war Schumanns "Vierte" im Konzertsaal fast ausschließlich in der 1851 revidierten, 1853 in Düsseldorf erstmals aufgeführten Zweitfassung zu hören. Dass die Begegnung mit der Erstfassung - die damit eigentlich Schumanns 2. Sinfonie ist - unbedingt lohnt und spannende Erkenntnisse bieten kann, machen Kluttig und sein Orchester in diesem Gesprächskonzert klangvoll deutlich.


Zahlreiche Zuhörer


Überraschend zahlreich ist bereits bei dieser ersten Auflage des "Concertinos" der Besuch - darunter viele Musikfreunde, die im stark nachgefragten Landestheater-Konzert-Abo selten an gute Sitzplatzkarten kommen. Während die Zweitfassung der "Vierten" für gewöhnlich mit wuchtigem Klang und breiten Tempi daher kommt, tönt die Erstfassung deutlich schlanker, frischer, oftmals energischer. Das Erstaunliche dabei: diese Unterschiede erwachsen, fast ausschließlich aus der 1851 revidierten Orchestrierung. Denn in der kompositorischen Substanz hat Schumann das Werk in seiner Revision kaum verändert.


Wuchtige Akzente der Posaune


Mit klug ausgewählten Klangbeispielen führen Kluttig und das Philharmonische Orchester durch das Werk. Wenn die Bassposaune mitten im ersten Satz den musikalischen Fluss mit wuchtigen, markanten Tönen jäh unterbricht ("Wie ein Stoppschild", erklärt Roland Kluttig), so wird das dank dieser ausgewählten Beispiele ebenso deutlich wie die Rolle der lieblichen Melodie von Oboe und Solocello in der folgenden "Romanze" .
"Die Posaunen spielen eigentlich gar nicht viel in dieser Sinfonie, aber wenn sie spielen, ist es sehr wichtig", sagt Kluttig und demonstriert dies dann auch in der Einleitung des Finales.


Ausdauernder Beifall


Im zweiten Teil dieser Konzertstunde erklingt Schumanns "Vierte" dann komplett in der 1841 in Leipzig uraufgeführten Erstfassung - frisch im Gestus, flott in der Tempowahl, prägnant in den Konturen. Für sicherlich manchen Zuhörer, der die Zweitfassung des Werkes schon kannte, eine echte Entdeckung. Der Beifall gerät jedenfalls begeistert ausdauernd.



Die Entstehung von Schumanns 4. Sinfonie



Hintergrund Robert Schumanns 4. Symphonie liegt in zwei Fassungen vor - der 1841 entstandenen Erstfassung und der 1853 uraufgeführten revidierten Fassung von 1851. Lange Zeit dominierte diese zweite Fassung auf den Konzertprogrammen, nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil Schumann selbst diese Erstfassung nicht in Druck gab. Johannes Brahms dagegen bevorzugte Schumanns Erstfassung. So schrieb Brahms in einem Brief aus dem Jahr 1886: "Der Anblick der ersten Partitur hat mich stets entzückt." Und 1888 schrieb Brahms an Schumanns Witwe Clara über die erste Version der Symphonie: "Jeder, der sie sieht, ist meiner Meinung, dass die Partitur durch die Umarbeitung nicht gewonnen hat; an Anmut, Leichtigkeit, Klarheit gewiss verloren." Brahms war es schließlich auch, der dafür sorgte, dass diese Erstfassung 1891 im Druck erschien. Betreut wurde diese Veröffentlichung durch den Dirigenten Franz Wüllner.



Kultur-Tipp 3. Sinfoniekonzert, Montag, 20 Uhr, Landestheater Coburg

Programm Werke von Felix Mendelssohn ("Das Märchen von der schönen Melusine"), Robert Schumann (4. Sinfonie, Erstfassung), Johannes Brahms (Violinkonzert D-Dur)

Interpreten Antje Weithaas (Violine); Musikalische Leitung: GMD Roland Kluttig; Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg

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