Coburg
Interview

Prägende Erlebnisse mit Bachs h-Moll-Messe

Coburgs Kirchenmusikdirektor Peter Stenglein spricht über seinen Blick auf Bachs h-Moll-Messe. Das Werk erklingt am Sonntag (25. November, 16 Uhr) in St. Moriz.
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"Lassen Sie den Klang einfach strömen": Peter Stenglein bei der Probenarbeit an Bachs h-Moll-Messe. Foto: Jochen Berger
"Lassen Sie den Klang einfach strömen": Peter Stenglein bei der Probenarbeit an Bachs h-Moll-Messe. Foto: Jochen Berger
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Dieses Werk begleitet Peter Stengleins Künstlerleben von Anfang an: Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe.

Wann haben Sie die h-Moll-Messe zum ersten Mal gehört?
Zum ersten Mal habe ich die h-Moll-Messe im Alter von 16 Jahren gehört. Erstmals mitgesungen habe ich das Stück in der Kulmbacher Kantorei als 18-jähriger Schüler - ein unvergessliches Erlebnis!

Wann haben Sie die h-Moll-Messe zum ersten Mal dirigiert? Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Die h-Moll-Messe stand und steht für mich an prominenter Stelle innerhalb des gesamten kirchenmusikalischen Repertoires. Während des Studiums habe ich das Stück intensiv kennen gelernt. In Bayreuth habe ich unter Viktor Lukas mitgesungen, später, im Bachchor Würzburg, als Assistent von Christian Kabitz mit einstudiert.
Die Messe wollte ich erst aufführen, wenn für mich die Zeit "reif" geworden war. Das war 1995 mit dem Coburger Bachchor. Ein großartiges Erlebnis!

Wie oft haben Sie das Werk inzwischen mit dem Bachchor aufgeführt?
Ich habe die h-Moll-Messe mit dem Bachchor 1995, 2001 (mit Concerto Köln!) und 2007 aufgeführt. 2012 wird also die vierte Aufführung sein.

Wie hat sich interpretatorisch Ihr Blick auf das Werk verändert?
Getreu dem Motto "Du kannst nicht zweimal in den selben Fluss steigen", gibt es natürlich Veränderungen. Manche Tempi werden inzwischen wieder etwas langsamer, ohne langweilig zu werden. Die Großform wird wichtiger: Wie stehen die einzelnen Sätze zueinander in Bezug? Welche Bedeutung haben Soli und Chor? 2007 hatten wir beispielsweise eine Aufteilung, die auf Wilhelm Ehmann zurückgeht: Solisten, kleiner Chor ("Concertino"), großer Chor ("Ripieno"). Das machen wir 2012 anders: Der kleine Chor kommt nicht vor, wohl werden aber zwei kammermusikalische Sätze vom Solistenquintett gesungen (deshalb haben wir auch fünf und nicht, wie häufig üblich, vier Solisten).

Welche Bedeutung hat die Messe in Bachs Gesamtwerk?
In Bachs Schaffen nimmt die h-Moll-Messe eine Sonderstellung ein. Bach hat sich 35 Jahre lang mit dem Werk beschäftigt. Die älteste Musik ist das "Crucifixus" (komponiert als Kantatensatz "Weinen, klagen, sorgen, zagen" 1714), als letztes hat er das "Et incarnatus" eingefügt (1749). Kyrie und Gloria entstehen aus einer klaren Absicht heraus: Stärkung der eigenen Position in Leipzig. Bach hat das Werk nie komplett aufgeführt, wohl aber am Ende seines Lebens eine sorgfältige Reinschrift erstellt...

Welche Bedeutung für die Entwicklung der Gattung Messvertonung hat die h-Moll-Messe?
Die h-Moll-Messe sprengt den gottesdienstlichen Rahmen, das ist klar. Die riesigen Dimensionen, die höchsten Anforderungen an alle Ausführenden - das sind Maßstäbe, die so schnell nicht erreicht wurden, allenfalls von Beethovens "Missa solemnis".

Haben Sie Lieblingsstücke in der h-Moll-Messe? Wenn ja: welche?
In der Chorprobe sage ich manchmal bei der Arbeit an einem der vielen Chorsätze: "Dies ist eines meiner 26 Lieblingsstücke in der h-Moll-Messe." Will sagen: jeder Satz ist ein Kostbarkeit, eine musikalische Perle. Beeindruckend für mich: Bach schreibt in allen gängigen Stilen seiner Zeit: Von der "alten" Motette mit gregorianischem cantus firmus (Credo, Confiteor) bis zum modernen spätbarocken Konzertsatz (Gloria, Cum sancto spiritu), von der großen Besetzung (Doppelchor im "Osanna") bis zur innigen Kammermusikbesetzung (Benedictus), vom überschwänglichen Jubel (Pleni sunt coeli) bis zur herzzerreißenden Klage (Agnus Dei).

Im Vergleich beispielsweise zu den großen Passions-Vertonungen: Worauf müssen Sie bei der Probenarbeit besonders achten?
Die h-Moll-Messe hat keine durchgehende Handlung wie die Passion. Es kommt darauf an, den alten, tausendfach gehörten Messtext "zum Leben zu erwecken". Die besondere Herausforderung: Die Konzentration und das Durchhaltevermögen, das insbesondere der Chor braucht.

Welchen Stellenwert hat die h-Moll-Messe im Repertoire des Coburger Bachchors?
Die h-Moll-Messe zählt für mich, ebenso wie Bachs Passionen und das Weihnachtsoratorium, zu den Grundpfeilern der Kirchenmusik, zu den großen Meilensteinen. Deshalb ist es mir wichtig, diese Werke zwar nicht jedes Jahr, aber doch in gewissen Abständen immer wieder zu Gehör zu bringen.


Das sind die Interpreten bei der Coburger Aufführung von Bachs h-Moll-Messe


Konzert-Tipp Bach: h-Moll-Messe, Sonntag, 25. November, 16 Uhr, St. Moriz Coburg

Mitwirkende Coburger Bachchor; Main-Barockorchester Frankfurt; Marie Smolka (Sopran 1), Nele Gramß (Sopran 2), Désirée Suzanne Arnet (Alt), Roman Payer (Tenor), Felix Rathgeber (Bass)
Gesamtleitung: Kirchenmusikdirektor Peter Stenglein

Vorverkauf Eintrittskarten gibt es bei der Tourist-Information Coburg, Herrngasse 4, 96450 Coburg, Tel.: 09561-898044, info@tourismus-coburg.de.

Marie Smolka (Sopran) Die gebürtige Tschechin Marie Smolka studierte Gesang bei Hedwig Fassbender an der Hochschule für Musik und Darstellenden Kunst Frankfurt/M. Seit der Saison 2010/11 ist sie am Landestheater Coburg engagiert

Nele Gramß (Sopran) studierte Schulmusik sowie Gesang und Gesangspädagogik. Seit 20 Jahren ist sie als freiberufliche Sängerin unterwegs und trat wiederholt als Solistin mit dem Coburger Bachchor auf.

Désirée Suzanne Arnet (Alt) studierte Gesang an der Musikhochschule Luzern. Aufbaustudien an der Musikhochschule Freiburg im Breisgau folgten.

Roman Payer (Tenor) war Sopransolist der Wiener Sängerknaben und studierte Gesang am Konservatorium der Stadt Wien. Von 2007 bis 2010 war er festes Mitglied am Theater Augsburg und seit September 2010 als lyrischer Tenor Ensemblemitglied am Landestheater Coburg, das er auf eigenen Wunsch verlässt, um künftig freischaffend tätig zu sein.

Felix Rathgeber (Bass) studierte Gesang bei Martin Hummel an der Musikhochschule Würzburg. Seit der Spielzeit 2012/13 ist er Mitglied im Opernstudio der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf-Duisburg.

Das Main-Barockorchester Frankfurt ist spezialisiert auf die Interpretation alter Musik mit Originalinstrumenten. Das Ensemble konzertierte bereits mehrfach mit dem Coburger Bachchor.
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