Neustadt bei Coburg
Gottesdiensttest

Pfarrkirche Verklärung Christi in Neustadt bei Coburg: Hitze und Blitze in der Zitronenpresse

In der Neustadter Pfarrkirche Verklärung Christi spielt das Thema Wut die Hauptrolle. In einer schönen Nebenrolle ist die Morgensonne zu sehen. Und geschmunzelt werden darf auch.
Artikel drucken Artikel einbetten
Ihrem markanten Dach verdankt die 1971 geweihte Kirche Verklärung Christi in Neustadt (Am Moos) ihren Spitznamen "Zitronenpresse".Foto: Oliver Schmidt
Ihrem markanten Dach verdankt die 1971 geweihte Kirche Verklärung Christi in Neustadt (Am Moos) ihren Spitznamen "Zitronenpresse".Foto: Oliver Schmidt

Unser Tester hat in der Pfarrkirche Verklärung Christi in Neustadt bei Coburg den Gottesdienst am Sonntag, 30. Juni, 9 Uhr besucht:

1. Einstieg

In seiner Begrüßung deutet Pfarrer Stefan Osberger schon mal gleich an, welches Thema heute im Mittelpunkt stehen wird: der richtige Umgang mit Wut. Angesichts der tropischen Temperaturen, die seit einigen Tagen herrschen, thematisiert er an diesem Sonntag, 30. Juni, aber auch den Umgang mit Hitze: Das Kirchengebäude sei sehr "aufgeheizt", weshalb man während des Gottesdiensts beide Flügeltüren offen lasse. Wer fürchte, dadurch einen Zug zu bekommen, möge sich doch bitte einfach in eine der vorderen Reihen setzen. Diese gelebte Fürsorge ist sympathisch.

2. Musik

Die Orgelmusik übernimmt keine dominierende Rolle, sondern bettet sich angenehm in den Gottesdienst ein. Die Gemeinde singt bei den Liedern engagiert mit. Die Nummer des jeweils nächsten Liedes wird an die Wand neben dem Altar projiziert. Das geschieht allerdings immer erst recht kurzfristig, so dass während der ersten Orgeltöne in so mancher Bankreihe auch das Rascheln von Liederbuchseiten zu hören ist.

3. Lesungen

Ein Gemeindemitglied übernimmt die beiden Lesungen. Der Mann spricht laut und deutlich. Außerdem sind die Texte wohltuend kurz, so dass man ihm bis zum Schluss aufmerksam folgen kann.

4. Predigt

Stefan Osberger zeigt eine Wetterkerze. Um eine solche Kerze versammelten sich Familien früher bei Unwetter und baten Gott, das Haus vor Blitzen zu beschützen. Aber ist Gott überhaupt für eine Naturgewalt wie Blitze zuständig? Nein, ist er nicht - genauso, wie er auch nicht für Unfälle oder schwere Krankheiten verantwortlich gemacht werden kann. Osberger erzählt von Jakobus und Johannes. Die wünschen, dass Gott Feuer vom Himmel fallen lasse über ein Dorf, weil ihnen dort keine Gastfreundschaft gewährt wurde (Lukas 9,54). Aber ist das die richtige Reaktion auf Wut? Einem Anderen Schlechtes zu wünschen, ist laut Osberger "menschlich, aber nicht christlich". Jesus habe sich zu Jakobus und Johan umgedreht und Barmherzigkeit angemahnt. Dieses "Umdrehen" von Jesu sei auch symbolisch zu verstehen: Oft müsse man den Blickwinkel um 180 Grad ändern, um den Teufelskreis aus Unrecht und Gewalt zu durchbrechen.

5. Kommunion/Abendmahl

Bei der Kommunion stellt sich die Gemeinde im Halbkreis um den Altar auf. Dadurch kann zum Empfang der Hostie auch noch eine Besonderheit genossen werden, die in der Architektur des Gotteshauses begründet liegt: Die Morgensonne lässt ihre Strahlen durch eines der zwölf bunten Fenster genau auf den Altar fallen. - Weil an diesem Sonntag sehr viele Menschen in den Gottesdienst gekommen sind, ist sogar noch eine zweite Runde erforderlich.

6. Segen

Pfarrer Stefan Osberger findet zum Abschluss viele passende Worte. So verweist er auf den neuen Pfarrbrief und bedankt sich bei allen ehrenamtlichen Austrägern. Er weist auch auf viele besondere Gottesdienste hin, die demnächst anstehen. Zum "Tag der Franken" wird zum Beispiel ökumenisch und noch dazu mit Mundart gefeiert. Bereits jetzt sollten auch alle schon an den Gottesdienst an Mariä Himmelfahrt denken und Kräuter sammeln - diese werden dann traditionell in St.Ottilia gesegnet. Den heutigen Gottesdienst beschließt Stefan Osberger genauso fürsorglich wie er ihn begonnen hat: "Bleiben Sie gesund bei dieser Hitze und trinken Sie viel!"

7. Ambiente

Die Pfarrkirche Verklärung Christi, die auf Pläne des Coburger Architekten Josef Rauschen zurückgeht und am 18. Juli 1971 geweiht wurde, hat aufgrund ihres markanten Dachs den Spitznamen "Zitronenpresse". Erst im Inneren kommt die Wirkung dieser ungewöhnlichen Architektur zum Tragen: Obwohl die Einrichtung sehr schlicht und begrenzt ist, sorgt der hohe, zwölfeckige Raum für ein beeindruckendes Ambiente. Das dominierende Material ist Holz. Rund um den Altar sorgen einige Grünpflanzen für belebende Elemente.

8. Kirchenbänke

Die Kirchenbänke sind unspektakulär. Wer nach dem Gottesdienst darauf angesprochen wird, kann kaum sagen, ob sie nun besonders bequem oder unbequem sind. Aber genau so sollte es ja auch sein: Die Kirchenbänke braucht's, deshalb sind sie da, und sie erfüllen ihren Zweck. Sollte jemand die braunen Kissen bemängeln, müsste er sich die Frage gefallen lassen, ob die Kissen in irgendeiner Form Auswirkungen auf sein Seelenheil oder gar seinen Glauben haben. Antwort: haben sie nicht. Und das ist auch gut so.

9. Beleuchtung

Die Pfarrkirche Verklärung Christi kommt in diesem Gottesdienst komplett ohne künstliches Licht aus. Durch die Fenster, die sich rund um das gesamte, zwölfeckige Kirchendach befinden, fällt ausreichend Licht ein. Dazu gibt's noch einige Kerzen.

10. Sinne

Auch als Fremder fühlt man sich in dieser Kirche schnell heimisch. Der Gottesdienst-Tester bekommt nicht nur viele freundliche Blicke zugeworfen, sondern auch die eine oder andere Hand gereicht. Beim Friedensgruß wird diese Gastfreundschaft sogar noch deutlicher spürbar. Was den Gottesdienst ebenfalls sehr angenehm macht, ist, dass bei aller Ernsthaftigkeit für die christlichen Rituale zwischendurch auch mal geschmunzelt werden kann. So streut Osberger in seine Predigt auch eine Scherzfrage ein: "Was ist der Unterschied zwischen einem Pferd und einem Blitz?" Antwort: Das Pferd schlägt aus, der Blitz schlägt ein.

Weitere Angebote in St. Ottilia

Die der Pfarrei ihren Namen gebende Kirche St. Ottilia befindet sich in der Gabelsberger Straße in der Nähe des Klinikums Neustadt. Die ebenfalls zur Gemeinde gehörende Pfarrkirche Verklärung Christi steht Am Moos. In der Regel findet immer sonntags um 9 Uhr die Eucharistiefeier in der Pfarrkirche Verklärung Christi statt - am jeweils dritten Wochenende jedes Monats gibt es zusätzlich am Samstag um 18 Uhr eine Vorabendmesse in der Pfarrkirche Verklärung Christi. Ein weiteres Angebot ist eine Eucharistiefeier freitags um 9 Uhr im Clubraum des Pfarrheimes Verklärung Christi. Parallel zur sonntäglichen Eucharistiefeier gibt es auch einen Kindergottesdienst. Zuständiger Pfarrer für St. Ottilia ist Peter Fischer, der seinen Hauptsitz in St. Hedwig in Rödental hat sowie seit der Umorganisation zum 1. September auch noch als Administrator der Coburger Pfarrei St. Augustin tätig ist. Weitere Information zu den Angeboten in St. Ottilia gibt es im Internet unter www.st-ottilia.de

Warum ein Gottesdiensttest?

Wir wollen mit unserem Gottesdienst-Test die Kirchen ein wenig mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. Unter Kirchgängern, Geistlichen und Lesern soll eine Diskussion darüber entstehen, was einen guten Gottesdienst ausmacht. Dieses in der Regel sonntägliche Treffen hat für evangelische wie katholische Christen ja bis heute eine große Bedeutung. Soll lebender Ausdruck des Christseins sein. Wir haben uns für eine Bewertung nach objektiven Kriterien theologische Hilfe geholt bei den Professoren Martin Stuflesser (Würzburg), er ist auch Berater der deutschen Bischofskonferenz, und Martin Nicol (Erlangen), der mit seinem Buch "Weg im Geheimnis" ein Plädoyer für den evangelischen Gottesdienst abgibt. Ergänzt werden objektive Kriterien um die subjektiven Eindrücke, die unsere Kollegen gewonnen haben.

Alle Berichte unserer Serie finden Sie auf unserer Übersichtsseite zum Gottesdiensttest. Dort finden Sie auch ausführliche Infos.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren