Coburg
Premiere

"Peter Grimes" am Landestheater Coburg: Ergreifende Macht des Scheiterns

Wie Gastregisseur Alexander Charim Benjamin Brittens Außenseiter-Drama "Peter Grimes" als Coburger Erstaufführung auf die Bühne des Landestheaters bringt.
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Drama eines Außenseiters: Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" feierte ihre Coburger Erstaufführung am Landestheater (Szene mit Roman Payer in der Titelrolle, Olga Shurshina als Witwe Ellen Orford und Thomas Kaschel (Hintergrund) als Lehrling von Peter Grimes.Foto: Sebastian Buff
Drama eines Außenseiters: Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" feierte ihre Coburger Erstaufführung am Landestheater (Szene mit Roman Payer in der Titelrolle, Olga Shurshina als Witwe Ellen Orford und Thomas Kaschel (Hintergrund) als Lehrling von Peter Grimes.Foto: Sebastian Buff
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Für Peter Grimes ist der Weg durch das Leben ein Weg in den Abgrund. Unweigerlich. Denn Peter Grimes ist irgendwie anders - anders als die Mehrheit, die es sich bequem gemacht hat in ihren Vorurteilen. Peter Grimes ist ein Außenseiter - unübersehbar.

Davon erzählt in der Coburger Erstaufführung von Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" schon das Bühnenbild ganz unmissverständlich. Der Fischer namens Peter Grimes - in Ivan Bazaks eindringlichem Bühnenbild lebt er auf einer kleinen Insel, mitten hinein gebaut in den Zuschauerraum des Landestheaters.

Symbolischer Ort

Borough, das kleine Dorf an der rauen Ostküste Englands, in dem Brittens "Peter Grimes" spielt - in der Inszenierung von Alexander Charim wird daraus kein realistischer Ort mit Fischerdorfromantik, sondern ein symbolischer Ort, in dem sich die Gemeinschaft der Einheimischen verschwört gegen den von außen kommenden Fremden.

Hass und Gewalt

Die Stürme, die in dieser Oper toben - sie sind nicht nur Stürme der Natur, sondern zugleich auch innere Stürme. Konsequent erzählt Charims Regie, wie aus Argwohn und Misstrauen schließlich Hass und Gewalt entsteht. Klugerweise verzichtet der junge Gastregisseur aus Wien darauf, allzu platte politische Anspielungen zu inszenieren. Vielmehr zeigt Charim, wie aus Unkenntnis, Halbwahrheiten, Vermutungen und Unterstellungen Fremdenhass entsteht. Oper nicht als kulinarisches Spiel, sondern als packendes Musiktheater.

Roman Payer fasziniert

In der Titelrolle als Peter Grimes: Roman Payer. Der Tenor, der am Anfang seiner Karriere einige Spielzeiten Ensemblemitglied des Landestheaters war und nun als Gast zurückkehrt, hat sich inzwischen zum bemerkenswert intensiv gestaltenden Sängerdarsteller entwickelt. Sein lyrisch geprägter Tenor besitzt die notwendige Durchsetzungskraft, um auch dramatische Momente überzeugend zu gestalten. Zugleich aber hat seine Stimme die Fähigkeit bewahrt, zarte Zwischentöne intensiv zu artikulieren. Faszinierend, wie Payer Leben und Leiden dieses bisweilen merkwürdig sich verhaltenden Außenseiters stimmlich wie darstellerisch gestaltet.

Brillante Musik

Zwei junge Lehrlinge kommen an der Seite von Peter Grimes zu Tode (beeindruckend als Lehrjunge John: Thomas Kaschel). Und immer lauter werden die Stimmen, die Peter Grimes einen Mörder nennen. Die Musik, die Britten für seine 1945 uraufgeführte Oper geschrieben hat, ist brillant instrumentierte Theatermusik.

Faszinierend farbenreich bringt das Philharmonische Orchester die Partitur zum Klingen - jederzeit umsichtig und klug disponierend geleitet von Roland Kluttig. Coburgs Generalmusikdirektor sorgt stets für die Balance zwischen Bühne und Orchestergraben, zwischen Gesang und fein ausformulierten instrumentalen Details.

Mit beängstigender Wucht

Inmitten vieler kleinerer und größerer Rollen (packend: Olga Shurshina als unglücklich in Grimes verliebte Witwe Ellen Orford und Michael Lion als ehemaliger Kapitän Balstrode) wird der Chor zum eigentlichen Gegenspieler des tragischen Titelhelden. In der sorgsamen Einstudierung des seit Spielzeitbeginn neuen Chordirektors Mikko Sidoroff singen Chor und Extrachor des Landestheaters mit großer Präzision und beängstigender Wucht. Vor allem aber werden Chor und Extrachor zur immer bedrohlicher agierenden Menge, die dem Außenseiter immer aggressiver gegenüber tritt.

Publikum in Bann gezogen

Benjamin Brittens "Peter Grimes" am Landestheater Coburg - ein Premierenabend, der das Publikum von den ersten Tönen an packt und bis zum Schluss unweigerlich in Bann zieht. Endlich wieder ein großer Abend im Landestheater: beeindruckendes Beispiel dafür, was in diesem Haus möglich ist. Bravo.

Sie bringen "Peter Grimes" im Landestheater Coburg auf die Bühne

Opern-Tipp Benjamin Britten "Peter Grimes", Oper in drei Akten und einem Prolog - 3. Februar, 15 Uhr, 7., 13. Februar, 1., 13. März, 19.30 Uhr, 24. März, 18 Uhr, 4. und 9. April, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg Produktions-Team Musikalische Leitung: Roland Kluttig

Chorleitung: Mikko Sidoroff

Inszenierung: Alexander Charim

Bühne: Ivan Bazak

Kostüme: Aurel Lenfert

Dramaturgie: Dorothee Harpain

Darsteller Peter Grimes, ein Fischer: Roman Payer

Der Junge, sein Lehrling: Thomas Kaschel

Ellen Orford, Witwe und Gemeindelehrerin: Olga Shurshina

Balstrode, ehemals Kapitän eines Kauffahrers: Michael Lion

Auntie, Wirtin des Wirtshauses "Zum Hai": Kora Pavelic

1. Nichte: Dimitra Kotidou / Laura Incko

2. Nichte: Francesca Paratore / Laura Incko

Bob Boles: Peter Aisher

Swallow: Bartosz Araszkiewicz

Mrs. Sedley: Emily Lorini

Pastor Adams: Dirk Mestmacher

Ned Keene: Marvin Zobel

Hobson: Jinwook Jeong

Dr. Crabbe: Statisterie des Landestheaters Coburg

Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg, Chor des Landestheaters Coburg , Extrachor des Landestheaters Coburg

Alexander Charim Der junge Gastregisseur Alexander Chaim, 1981 in Wien geboren, studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Wien. Erfahrungen sammelte er als Regieassistent und Hospitant am Burgtheater Wien und an der Wiener Staatsoper. Von 2003 bis 2007 studierte er Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin. Seit 2007 ist Alexander Charim freier Regisseur und inszenierte unter anderem an der Staatsoper Hannover, dem Schauspielhaus Wien, der Deutschen Oper Berlin, dem Theater St. Pölten, der Oper Frankfurt, dem Staatstheater Karlsruhe, dem Theater Aachen, dem Theater Osnabrück, den Kunstfestspielen Hannover, dem Radialsystem Berlin, dem Theater Chur, den Operadagen Rotterdam und dem Theater Trier. Charim war Stipendiat der Akademie Musiktheater Heute und wurde 2015 für seine Inszenierung von Franz Grillparzer "Weh dem, der lügt!" am Theater St.Pölten für den Nestroy-Preis nominiert. 2016 erhielt er den Dr.-Otto-Kasten-Preis der Intendantengruppe des deutschen Bühnenvereins sowie den Nestroy-Preis für seine Inszenierung "Lichter der Vorstadt" am Theater St. Pölten. Vorverkauf Tageblatt-Geschäftsstelle, Theaterkasse.

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