Coburg
Prozess

60 Meter lange Blutspur: Mann stirbt in Coburg - er hätte gerettet werden können

Ein 34-jähriger polnischer Staatsbürger muss sich wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge verantworten. Ein Gutachter widerspricht ihm.
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Kommt bei dem Prozess gegen den polnischen Angeklagten am Ende vielleicht auch Totschlag durch unterlassene Hilfestellung infrage? Symbolfoto: Oliver Berg/dpa
Kommt bei dem Prozess gegen den polnischen Angeklagten am Ende vielleicht auch Totschlag durch unterlassene Hilfestellung infrage? Symbolfoto: Oliver Berg/dpa

Im Oktober vergangenen Jahres wird ein Mann in einer Blutlache bewusstlos im Kalenderweg gefunden. Er stirbt einige Stunden später im Klinikum. Seine Identität bleibt lange unklar - die Polizei muss erst Fotos der Leiche veröffentlichen, um den Toten identifizieren zu können.

Wie ein sachverständiger Gutachter am zweiten Verhandlungstag vor der Ersten Großen Strafkammer am Landgericht Coburg aussagte, hätte der 34-jährige leicht gerettet werden können: "Die Blutung hätte man relativ einfach mit einem kräftigen Druckverband stillen können." Diese lebensrettende Maßnahme sei bis zu dem Zeitpunkt, als der 34-Jährige bewusstlos wurde, möglich gewesen, sagte der Rechtsmediziner.

Was genau an einem Samstagabend im Oktober des vergangenen Jahres in einer Wohnung im Kalenderweg passiert ist, versucht das Gericht zu rekonstruieren. Da die Beteiligten kein Deutsch sprechen, steht ein Dolmetscher zur Seite. Dennoch gestaltet sich die Vernehmung der Männer als schwierig.

Stundenlanges Saufgelage

Fakt ist, es war ein Streit unter polnischen Leiharbeitern, der letztlich tödlich endete. Bereits am Nachmittag des Tattages hatte demnach ein stundenlanges Saufgelage mit reichlich Bier und Wodka stattgefunden. Das Opfer soll eine Zufallsbekanntschaft gewesen sein, das die Polen vor einem Einkaufsmarkt getroffen und zum Zechen eingeladen haben.

Irgendwann am frühen Abend sollen der mutmaßliche Täter und das Opfer aneinandergeraten sein. Es ging wohl um unterschiedliche Meinungen zu den Fans einer Krakauer Fußballmannschaft.

Die Version des Angeklagten

Der Angeklagte gab am zweiten Verhandlungstag zu, das Opfer am Knie verletzt zu haben. Er habe sich bedroht gefühlt und deshalb ein Messer aus der Küche geholt. Dieses habe er hinter dem Rücken versteckt, dann sei er aufgrund einer Fußverletzung gestürzt und habe quasi im Sturz in das Knie des Opfers gestochen. Danach sei der Verletzte sofort aus der Wohnung verschwunden, obwohl der Angeklagte versucht haben will, ihn aufzuhalten, da dieser verletzt gewesen sei.

Dieser Version widersprach der Gutachter: Es ist demnach wahrscheinlicher, dass der getötete Mann auf einem Stuhl gegessen und das Knie zur Abwehr gehoben habe. So habe das Messer anstelle des Bauches die Schlagader des Knies getroffen.

Aufgrund der immensen Blutmengen, die in der Wohnung gefunden wurden, müsse sich der Verletzte nach dem Angriff länger dort aufgehalten haben, sagte der Gutachter. "Bei der imposanten Blutmenge muss es auch einem Laien durchaus gewusst gewesen sein, dass das schlecht ausgehen kann."

Mit Freundin im Bett beschäftigt

Richter Gillot versuchte, eine Brücke zum mutmaßlichen Täter zu bauen: "Laut dem Sachverständigen ist es gelogen, was Sie sagen. Wollen Sie uns jetzt die Wahrheit sagen?", fragte er den Angeklagten - ohne Erfolg.

Laut Gillot hat der Angeklagte versucht, das Blut im Zimmer, im Flur und auf dem Pflasterbelag vor der Wohnung wegzuwischen. Er habe das Messer gereinigt und in die Schublade zurückgelegt und das blutige Handtuch in die Mülltonne geworfen und den großen Blutfleck im Zimmer abgedeckt.

Nach der Messerstecherei soll der mutmaßliche Täter seinem Mitbewohner, einem 38-jährigen Landsmann, das Geschehen geschildert und diesen um Hilfe gebeten haben. Der 38-Jährige, der als Zeuge geladen war, bezeichnete das Opfer als einen Sinti: "Alle haben gerufen, dass das ein polnischer Zigeuner ist." Der Zeuge antwortete auf die Frage von Richter Gillot, warum er nicht geholfen habe, er sei mit seiner Freundin im Bett beschäftigt gewesen, außerdem habe er "eine Abwehr gegen Blut".

Hier warf Richter Gillot ein: "Wenn einer am Verbluten ist, dann gibt es den Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung."

Der "Teufel" als Zeuge

Schwierig war auch die Vernehmung eines dritten Mannes, der am Saufgelage beteiligt gewesen sein soll, aber vor der Tat die Wohnung verlassen haben will. Der Mann, der den Spitznamen "Teufel" trägt, gab an, seit dem frühen Nachmittag Bier und Wodka getrunken zu haben. "Ich war zu besoffen, um mich zu erinnern. Was soll ich Ihnen vortragen?", fragte er. Darauf Richter Gillot: "Die Wahrheit."

Das Opfer hatte sich nach der Tat auf die Straße geschleppt und dort eine eine 60 Meter lange Blutspur hinterlassen, bis es hinter einem Auto bewusstlos zusammengebrochen war. Eine Gruppe von jungen Leuten folgte der Blutspur, fand den Bewusstlosen, alarmierte die Polizei und den Rettungsdienst.

Für das Opfer kam aber jede Hilfe zu spät. Der starke Blutverlust hatte zu einen Organversagen geführt, an dem der Mann in den frühen Morgenstunden starb. Die Identität des 34-Jährigen konnte zunächst nicht geklärt werden.

Das Urteil wird am Mittwoch, 12. Juni, erwartet.

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