Coburg
Kabarett

Nuhr in Coburg: Leute, regt Euch ab!

Dieter Nuhr hat den herrschenden Alarmismus satt und erlaubt sich, darauf zu verweisen, dass in den letzten Jahren vieles viel besser geworden ist.
Artikel drucken Artikel einbetten
" Hört mir  doch auf, Leute.Es war noch nie besser als heute." Dieter Nuhr im Kongresshaus. Carolin Herrmann
" Hört mir doch auf, Leute.Es war noch nie besser als heute." Dieter Nuhr im Kongresshaus. Carolin Herrmann
+9 Bilder

Früher war er, Nuhr, am Nörgeln, wie sein erstes Programm hieß. Aber das ist lange her, und genau das hat Dieter Nuhr so gründlich satt, dass er jetzt ein ganzes Kabarettprogramm gegen die permanent herrschende Nörgelei und Hysterie in Deutschland verfasst hat. Wahrscheinlich hat er vollkommen Recht: Das Subversivste, was man heute sagen kann, ist wohl, dass man mit unserem System grundsätzlich einverstanden ist. Dass wir in der besten aller Welten leben, die je auf diesem Boden hier existierten.

Dieter Nuhr hat eine geradezu revolutionäre Botschaft: Hey Leute, beruhigt euch. Es hat einen Grund, warum die halbe Welt eben zu uns kommen will. Bei uns hier werden die meisten Menschen nicht erschossen. Ihr sterbt nicht gleich am Stickoxid, ihr verliert, statistisch gesehen, vielleicht einen halben Lebenstag. Was auch ärgerlich sein kann, wenn die Champions League erst um 18 Uhr beginnt...

Im 30. Jahr seiner Bühnenpräsenz kam dieser klassische Kabarettist mit "Nuhr - hier und heute", einer gewaltigen Predigt gegen den real existierenden Alarmismus und die ritualisierte Unzufriedenheit, ob im persönlichen Leben oder in gesellschaftlicher Sicht, auch nach Coburg. Das Kongresshaus war am Donnerstag proppenvoll, die Leute folgten ihm fast drei Stunden lang sehr aufmerksam, mit prustendem Lachen und lange sogar mit konzentrierter Nachdenklichkeit - obwohl er sie die ganze Zeit belehrte.

Dieter Nuhr ist der klassische Aufklärer, ein Oberlehrer sogar, dazu ein eigentlich langweilig vollkommen systemkonformer. Und die Leute lassen sich das gefallen. In unserer Zeit, heute! Das ist ein Ding.

Wo seine Kollegen wie verrückt auf und ab hupfen, zugegeben meist sehr lustig sind dabei, rundum in die Pfanne hau en, entlarven, Tabus brechen, wo sie eines der nur noch seltenen erwischen, kommt Nuhr eher beiläufig daher. Hand in der Hosentasche, redet er mit fast kuschelnder Stimme über das Private und das Politische. Obwohl er schon auch Faxen machen kann; er weiß ja, dass er dem Affen Zucker geben muss; nach langem Vortrag sind das zum Beispiel Urologenwitze aus dem Internet. Er fragt extra scheinheilig sein Publikum, ob es noch einen Wunsch habe. Ja, noch einen Witz. Zwischen den Belehrungen führt Dieter Nuhr nämlich genüsslich immer wieder sein Publikum sich selbst vor. Er ist halt ein guter Lehrer. Der zudem nicht an der Eliteschule unterrichtet, sondern unter den "Spacken, Irren und Trotteln". Die mit ihren Blödheiten in Zeiten des Internets auch noch dermaßen viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sämtlichen Kanälen errungen haben.

Dass da wieder richtige Nazis rumlaufen

Tschuldigung, gemeint waren selbstverständlich nicht die Leute, die am Donnerstag ins Kongresshaus gekommen waren. Aber so generell, es ist doch nicht die Regierung, die Nuhr wirklich Sorgen macht, es ist das sogenannte Volk, das die Politiker in genau dieser Verfassung wählt. Und plötzlich wieder richtige Nazis rumlaufen lässt.

Weshalb eine Stunde in Demokratie-Grundlehre und Parlamentarismus und dem Wert des Kompromisses für die Zivilisation angebracht ist, immer mit treffenden Entlarvungen des alltäglich wichtigtuerisch - und zunehmend auch sehr gefährlich - öffentlich daher Geblubberten.

Nuhr zeigt auch auf, warum wir heute so zur Hysterie neigen: Unser Gehirn setzt Sehen mit Nähe gleich. Heute wird unser Gehirn ständig mit (schrecklichen) Bildern überflutet, wir sind bei jeder Katastrophe persönlich dabei. - Eigentlich kein Wunder also. Dem können wir uns doch aber nicht einfach ergeben!

Wachsam und kritisch ist Dieter Nuhr sehr wohl, er sieht aber, dass die ständig gepflegte Angst, die Aufregerei vor allem der Bequemlichkeit dient. Und so führt er die Idiotie der Burka wie der Angst vor ihr genauso vor wie die fetten Eltern, die über ihren fetten Kindern hocken, die "autokratischen Arschlöcher" an mächtigster Stelle dieser Welt, die Regelungswut, den derzeit beliebten sexuellen Verfolgungswahn, den ästhetischen Schaden, den die Tätowierungswut in der Bevölkerung anrichtet. "Tätowierung kann schön sein - anfangs."

Seine Macke hat Dieter Nuhr sehr wohl auch. Endlos reitet er auf dem Bemühen herum, die Stickoxid-Belastung in den Städten zu senken und die Autoindustrie in die Pflicht zu nehmen. Um sich eigentlich selber zu widersprechen, wenn er darauf verweist, dass wir die faktische Bedrohung durch Asbest- und Formaldehyd und tatsächlich noch vielem anderen zumindest eingedämmt haben. - Ja eben, weil wir uns darum gekümmert haben.

Aber vielleicht geht es ja tatsächlich auch mit ein paar Grad weniger Gejapse auf der nach oben offenen Angstskala speziell der Deutschen.

Dieter Herbert Nuhr geboren 1960 in Wesel, aufgewachsen in Düsseldorf, studierte Bildende Kunst und Geschichte auf Lehramt. 1986 gründete er mit Frank Küster das Kabarettduo V.E.V.-K.Barett. Ab 1994 war Nuhr mit seinem ersten Soloprogramm "Nuhr am nörgeln!" unterwegs. Zahlreiche Fernsehauftritte machten ihn über die Kleinkunst-Szene hinaus bekannt, er gehört mit jährlich mehr als 200 000 Zuschauern zu den erfolgreichsten Kabarettisten in Deutschland. Mit seinen Kabarett- und Comedyreihen, etwa unter dem Titel "Nuhr ab 18" oder "Nuhr im Ersten", in denen er andere Kabarettisten vorstellt, ist Dieter Nuhr permanent präsent im Fernsehen. Dieter Nuhr wurde mit den wichtigsten deutschen Kabarettpreisen ausgezeichnet. Nebenbei fotografiert er und stellt seine Fotokunst in Galerien und Museen aus.

Dieter Nuhr sagt:

"Brexit. Dass ich nicht lache. England ohne Europa. Das ist eine Nordsee-Insel."

"Die Burka ist noch nicht zu Ende entwickelt. Erstens sollte sie für Mann und Frau sein und zweitens schalldicht. Dann können wir die mit dem islamistischen Wahn zusammen mit denen, die dem völkischen Wahn erliegen, in einen Sack tun."

"Alle regen sich auf über die Regierung. Dabei kennt sie doch keiner."

"Man muss sein eigenes Geschlecht immer wieder hinterfragen. Zum Beispiel, wenn da ein Frauen-Parkplatz ist."

wp



Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren