Neustadt bei Coburg
Gericht

Neustädter zu Bewährungsstrafe verurteilt

Der junge Mann hatte mit einer Minderjährigen geschlafen. Am Ende gab es Bewährung und hohe Auflagen. Auch wegen des medizinischen Gutachtens.
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Symbolfoto: ninocare/pixabay
Symbolfoto: ninocare/pixabay

Eingangs des dritten Verhandlungstages zeichnete sich bereits ein Muster ab. Der Angeklagte, dem sexueller Missbrauch einer Minderjährigen, Einbruch und Diebstahl vorgeworfen wurde, war zu Beginn nicht im Gerichtssaal. So hatte der 20-Jährige sich auch am ersten Prozesstag dem Gericht vorgestellt. "Sie trauen sich ja was", sagte Richter Christoph Gillot und hielt dem Angeklagten eine Standpauke, bevor der Prozess fortgeführt wurde.

Der letzte Termin brachte dennoch neue Erkenntnisse, die auch den Blick auf die Versäumnisse des Angeklagten änderten. Letztlich führte die Neubewertung des psychischen Zustands zu einer Bewährungsstrafe. Dass diese mit hohen Auflagen verbunden ist, hat seinen Grund in der schwere der Taten. Am Ende wurde der Angeklagte zu einer Strafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt.

Von klein an ein Problemkind

Gehört wurden die Mutter, der Stiefvater, die Jugendgerichtshilfe sowie ein Gutachter. Dadurch wurden weniger Erkenntnisse zu den ihm vorgeworfenen Taten gewonnen als ein genaueres Bild des 20-Jährigen gezeichnet. "Er war schon von klein an ein Problemkind", gab die Mutter vor Gericht an. Erste Auffälligkeiten seien bereits im Kindergarten aufgetreten. Die Einschulung wurde um ein Jahr verschoben, bevor der Neustädter in eine Förderschule eintreten konnte. Später gab die Familie den Sohn in eine Pflegefamilie.

Wie schwierig und belastend die Familienverhältnisse waren, davon berichtete die Jugendgerichtshilfe. Sie konnte sich nur auf die ihr vorliegenden Akten beschränken, weil der Angeklagte zu keinem der beiden ausgemachten Terminen erschienen war. Auch hier wieder das bekannte Muster.

Zeitweise, so berichtete die Jugendgerichtshilfe, sei das Jugendamt von einer körperlichen Misshandlung durch die Eltern ausgegangen. 2004 kam es zu einer Anzeige wegen körperlicher Gewalt. Die Mutter soll dem Sohn mit einem Messer bedroht haben, wenn dieser nicht ruhig sei. Auch die Zusammenarbeit des Jugendamts mit den Eltern erwies sich als schwierig. So habe die Mutter den Sohn nach gut zwei Wochen - entgegen dem Rat der Ärzte - aus einer Jugendpsychiatrie genommen.

Die Mutter des Angeklagten sagte hingegen, das Jugendamt habe immer das Gegenteil von dem gemacht, was ihr Sohn gebraucht hätte. Sie selbst bezeichnete ihren Sohn vor Gericht als Messi, kritisierte seinen Mangel an Hygiene und den Zustand seiner Wohnung.

Auf die Nachfrage des Richters, warum sie ihren Sohn derart belaste, sagte sie: "Weil es so nicht mehr weitergeht mit ihm. Er braucht definitiv psychiatrische Hilfe." Sie selbst hatte den Diebstahl eines BMX-Rades bei der Polizei gemeldet und bei dem dortigen Verhör auch von der Beziehung zu einer Minderjährigen berichtet.

Diese war durch einvernehmlichen Geschlechtsverkehr schwanger geworden, verlor das Kind aber. Der Angeklagte hatte dies bereits früher gestanden. Zugegeben hatte er auch den Einbruch in ein Vereinsheim und das Zerstören eines Schaufensters. Den Diebstahl des Fahrrades und die Bedrohung eines Freundes mit einem Messer leugnete er aber.

Zumindest letzterer Fall konnte vor Gericht nicht eindeutig geklärt werden, sodass der 20-Jährige in diesem Punkt freigesprochen wurde. Zu anderen Erklärungen des Angeklagten hatte Richter Gillot eine klare Meinung: "Glauben Sie, was sie hier sagen? Ich nicht."

So lief der Prozess auf eine Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen, diversen kleineren Ladendiebstählen, dem größeren des Fahrrads und Einbruchs hinaus. Blieb die Frage, wie diese Fälle zu bewerten seien.

Gutachten weist Weg zu Hoffnung

In den Verhandlungen zeigte der Richter wenig Rücksicht auf den Angeklagten. Der hatte dem Gericht aber auch wenig Anlass dazu gegeben. "Was haben Sie unter dem Druck einer Verhandlung getan, um uns hier zu beeindrucken?", fragte Richter Gillot rhetorisch.

Diese Perspektive änderte sich durch das Gutachten des Sachverständigen. Dieser berichtete von den Diagnosen, die auch andere Psychologen gemacht hatten. Der Neustädter leide unter einer Störung des Sozialverhaltens, einer Konzentrationsstörung sowie einer Persönlichkeitsstörung.

Dies äußere sich vor allem in dem ambivalenten Verhalten, das der Angeklagte an den Tag lege: Termine zusagen, sogar gewillt sein, diese wahrzunehmen, dann aber doch nicht erscheinen.Werde diese Störung nicht behandelt, bestünde die Gefahr, dass die Krankheit chronisch werde und seine Persönlichkeit zerfalle. Die Jugendgerichtshilfe hatte für eine Behandlung nach Erwachsenenstrafrecht plädiert. Die Reiferückstände seien nicht mehr aufzuholen.

Ähnlich der Staatsanwalt, der von schlechten Prognosen sprach und zwei Jahre und sechs Monate Haft forderte. Dahingegen sagte der Verteidiger: "Der erzieherische Gedanke des Jugendstrafrechts hat sich schon ereignet." Schließlich habe sein Mandant gleich zugestimmt, sich in eine geschlossene Psychiatrische Abteilung einweisen zu lassen. Am Ende entschied der Richter auf ein Jahr und neun Monate auf Bewährung, da der Angeklagte offensichtlich krank sei.

Deswegen werde dem Angeklagten ein enges Korsett gegeben, dass ihm helfen solle. Er darf weder Drogen nehmen, noch Alkohol trinken, darf keine Minderjährigen bei sich übernachten lassen und muss sich um einen mindestens sechsmonatigen Aufenthalt einer geschlossenen stationären Therapie unterziehen. Richter Gillot sagte: "Ob Sie es schaffen, da bin ich sehr skeptisch. Zeigen Sie mir, dass ich unrecht habe."

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