LKR Coburg
Ausgleich

Natur-Kur unter der Stromtrasse im Coburger Land

Bäume und Büsche werden gepflanzt und Biotope angelegt, um Narben zu heilen, die beim Bau der 380-kV-Leitung entstanden.
Artikel drucken Artikel einbetten
Über das Itztal laufen die Trassen von ICE, Autobahn und 380-kV-Leitung gebündelt. Die Schneise der Stromtrasse wird mit hohem Aufwand naturschutzfachlich wieder begrünt. Rainer Lutz
Über das Itztal laufen die Trassen von ICE, Autobahn und 380-kV-Leitung gebündelt. Die Schneise der Stromtrasse wird mit hohem Aufwand naturschutzfachlich wieder begrünt. Rainer Lutz
+2 Bilder
Michael Jung hat eine interessante Aufgabe. Er darf dazu beitragen, dass die Wunden, die der Natur durch den Bau der Hochspannungsleitung durch die Region geschlagen wurden, geheilt werden. Das Unternehmen Buchholz und Partner, für das Jung arbeitet, hat bereits 2016 mit seinen Arbeiten begonnen und ist noch nicht ganz fertig.
"Insgesamt sind es rund 60 Hektar, auf denen solche naturschutzfachlichen Maßnahmen durchgeführt werden", erklärt Mark Sprung von der Firma Tennet, die die Trasse gebaut hat. Das entspricht etwa 120 Fußballfeldern.
"Wir hatten rund 2,5 Millionen Pflanzen in die Erde zu bringen. Das zieht sich in die Länge, weil die Baumschulen gar nicht schneller liefern können", erklärt Michael Jung. Es geht um junge Pflanzen aus der Region. Daher kann das beauftragte Unternehmen nicht einfach Setzlinge aus anderen Regionen einkaufen. Regionalität gehört zu den Auflagen, die im Planfeststellungsverfahren gemacht wurden.
Eineinhalb Jahre lang wurde gepflanzt, soweit es das Wetter zuließ. Alle jungen Bäume und Sträucher bekommen einen Einzelschutz, damit sie nicht von Tieren verbissen werden. Es wurden Biotope angelegt oder verbessert, und immer wieder muss kontrolliert und dokumentiert werden, wie sich die angelegten Flächen entwickeln.


Stete Kontrollen

Dazu gehört auch, festzustellen, wo Pflanzen ausfallen, was gerade in einer heißen Dürreperiode wie jetzt nicht ausbleibt. "Was eingeht, muss auch wieder nachgepflanzt werden", erklärt Mark Sprung. Mit 20 Prozent an Ausfällen habe man von Anfang an gerechnet. Jetzt droht es mehr zu werden, trotzdem wird alles ersetzt, was nicht wächst - auch wenn die Natur wahrscheinlich selbst für Ersatz sorgen würde. Dann aber eben nicht nach Plan.
Durchdacht sind die Pflanzungen sehr wohl. "Es wurde der jeweilige Standort berücksichtigt und die Vegetation, die vorher da war", erklärt Michael Jung. Wo die Trasse den Bausenberg tangiert, wurden daher ausschließlich Laubgehölze gepflanzt. Dabei versuchte Jung als studierter Naturschützer, einen natürlichen Waldsaum aufzubauen, in dem auch Obstgehölze wie Wildkirsche, Apfel oder Birne vorkommen. Direkt unter den Leitungen werden Gehölze gewählt, die nicht so hoch aufwachsen, wie etwa Weißdorn oder Hartriegel.
Rund 14, der 60 Hektar, die Buchholz und Partner zu bearbeiten haben, waren vor dem Bau Waldstandorte des Forstbetriebs Coburg der Bayerischen Staatsforsten. Hier wurden dem entsprechend auch wieder standortgerechte Waldbaumarten gepflanzt. "Da kommen rund 84 000 Bäume zusammen", rechnet Mark Sprung vor.
Bei Oberfüllbach findet sich ein Beispiel für ein Feuchtbiotop, das im Zuge der Ausgleichsmaßnahmen angelegt wurde. "Eigentlich ist es von selbst gekommen", sagt Michael Jung. Geplant war dort in der Senke Wald - so wie es vor dem Bau der Trasse war. Doch dann zeigte sich, dass dort das Grundwasser praktisch an der Oberfläche ansteht. Der Plan wurde der Natur angepasst. Jetzt gibt es dort einen flachen Teich, der sich langsam entwickelt. Grasfrösche und Libellen haben ihn schon entdeckt und im Schlamm sind Trittsiegel von Rehen und Wildschweinen zu erkennen.
Ausgaben für den Naturschutz betreffen aber auch die Leitungen selbst. "Auf 20 von 30 Kilometern Trassenlänge wurden solche Lamellen zum Schutz der Vögel angebracht", sagt Mark Sprung und zeigt nach oben. "Die hier verbauten Modelle sind bundesweit erstmals angebracht worden", ergänzt Michael Jung. Sie sind fluoreszierend. Damit soll der Uhu vor Kollisionen mit den Seilen geschützt werden, der ja nachtaktiv ist.


Der Uhu ist da

"Dass der Uhu dort unterwegs ist, kann ich bestätigen, sagt Alexander Ulmer, Geschäftsführer beim Landesbund für Vogelschutz in Coburg. Die größte europäische Eule dürfte sogar schon im Bausenberg gebrütet haben. Außerdem kommen Uhus hin und wieder zu Artgenossen in der Greifvogel-Auffangstation in Neu Neershof vorbei, um sie zu besuchen. Ob sich die neuartigen Warnlamellen bewähren, weiß Alexander Ulmer nicht, doch: "Jede Präventionsmaßnahme zum Schutz der Vögel ist uns willkommen", sagt er.
In der Summe von sechs Millionen Euro für naturschutzfachlichen Ausgleich ist ein Betrag von mehr als einer Million Euro enthalten, die als Entschädigung für die Beeinträchtigung des Landschaftsbildes an den Landkreis gezahlt wurde.

Einen weiteren Artikel zu den Ausgleichsmaßnahmen entlang der Stromtrasse finden Sie hier.


was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren