Bad Rodach
Brauchtum

Nachtwache ist vorerst zu Ende: Wer passt jetzt in Bad Rodach auf?

Am Pulverturm verabschiedeten sich die Bad Rodacher Nachtwächter in die Winterpause. Der Dienstälteste, Karl-Heinz Engelhardt, bestritt das Saisonfinale.
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Die Freiluftsaison der Bad Rodacher Nachtwächter ging am Donnerstagabend zu Ende. Traditionell bläst der Bürgermeister symbolisch das Licht der großen Laterne aus. Dies war vor zum diesjährigen Finale dem Zweiten Bürgermeister Ernst-Wilhelm Geiling (links) vorbehalten; rechts im Bild der dienstälteste Nachtwächter Karl-Heinz Engelhardt. Foto: Knauth
Die Freiluftsaison der Bad Rodacher Nachtwächter ging am Donnerstagabend zu Ende. Traditionell bläst der Bürgermeister symbolisch das Licht der großen Laterne aus. Dies war vor zum diesjährigen Finale dem Zweiten Bürgermeister Ernst-Wilhelm Geiling (links) vorbehalten; rechts im Bild der dienstälteste Nachtwächter Karl-Heinz Engelhardt. Foto: Knauth

Die Freiluftsaison der Bad Rodacher Nachtwächter ist zu Ende: Am Donnerstagabend löschte Zweiter Bürgermeister Ernst-Wilhelm Geiling symbolisch das Licht der großen Laterne am Pulverturm. Zuvor hatte Bad Rodachs dienstältester Nachtwächter, Karl-Heinz Engelhardt, mit amüsanten, aber auch kritischen Versen sein Publikum unterhalten.

Vor dem festlich illuminierten Pulverturm warteten schon vor 20 Uhr zahlreiche Besucher auf den Auftritt des Nachtwächters. Neben einigen Einheimischen hatten sich überwiegend Gäste des Medical Parks in Bad Rodach und der Kurklinik in Bad Colberg eingefunden. Während die "Blaskapelle Meeder" vor der früheren Stadtmauer die gut 70 Besucher auf seinen Auftritt einstimmte, machte sich in der Abenddämmerung hinter dem alten Schulgebäude Nachtwächter Engelhardt bereit. Allein, denn weder sein Sohn Christian noch der neunjährige José Ramón Kienel konnten beim Saisonausklang dabei sein. Der Enkel des ehemaligen Zunftmeisters Walter Kienel war wegen der Schule heuer nur zum Saisonauftakt aufgetreten, und Heldentenor Christian Engelhardt kehrte nach fünf Einsätzen während der Theaterferien wieder an die Bremer Staatsoper zurück. So betrat einzig der dienstälteste Chronist die "Bühne", wie immer in den letzten 13 Jahren begleitet von Amy, seinem Labrador-Mischling. Geduldig wartete die treue Begleiterin darauf, dass der mittlerweile 73-Jährige seinen Auftritt über die Bühne brachte.

Lange Nachtwächtertradition

Mit Hellebarde, Laterne, Hut und schwarzem Mantel ausgestattet begann er den Reigen des mal vergnüglichen, mal nachdenklichen Reimens. Engelhardt hätte den Gästen den Unterschied zwischen einem "echten" Nachtwächter und einem Stadtführer im Nachtwächtergewand erklären können. Denn nur richtige wie die Bad Rodacher Nachtwächter gehören der gleichnamigen Zunft an. Und von ihnen gibt es lediglich rund 180 weitere Akteure in ganz Europa.

Dass diese Tradition gerade hier in der Kurstadt gepflegt wird, kommt nicht von ungefähr: Bad Rodach blickt auf eine lange Nachtwächtertradition zurück. In dem Städtchen, in dem manch romantischer Winkel zu einer Zeitreise einlädt, wurde das Nachtwächteramt bis 1896 ausgeübt, ehe Gendarmen die Aufgabe des nächtlichen Wachens übernahmen.

Der damalige Fremdenverkehrsverein regte 1982 an, diese Tradition wiederzubeleben. Erste Nachtwächtertreffen und die Idee einer europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft machten Bad Rodach zur Nachtwächter-Metropole.

Das Hornblasen, mit dem Engelhardt seine selbst geschriebenen Reime abgrenzt, gehört ebenso fest zum Vortrag wie die Darbietungen der Musiker zu dessen Untermalung. In dem typischen "Hört Ihr Leute"-Singsang nahm der Nachtwächter das lokale wie das weltweite Geschehen aufs Korn: Der Klimawandel und seine Folgen kamen darin ebenso vor wie die brennenden Urwälder, die Flüchtlinge und die Schere zwischen Arm und Reich.

Kritik an der Kurstadt

In der Kurstadt, prangerte Engelhardt an, gebe es abends kaum eine Ausgeh- oder Einkehrmöglichkeit mehr. Dafür aber Tag für Tag reichlich Verkehr, der viel zu schnell durch die Stadt rase. Seine Idee: Mit dem beim nicht realisierten neuen Flugplatz gesparten Geld könne doch die Innenstadt untertunnelt werden.

Besonders gefiel den Zuhörern die wahre Geschichte von der Dame, die auf dem Weg zum Friseur mit ihrem Auto verunglückte, was sie aber nicht vom Wahrnehmen des Termins abhielt. Den verdutzten Polizisten erklärte sie später: "Vier Stunden dauert meine Welle, ich kann nicht weg hier auf die Schnelle."

Wie im Vorfeld bereits Bürgermeister Tobias Ehrlicher zeigte sich sein Stellvertreter Geiling am Donnerstag stolz darauf, dass in "seiner" Stadt diese Tradition trotz aller Nachwuchs-Probleme aufrechterhalten werden kann. In diesem Jahr waren es seit Anfang Mai 19 Auftritte der Nachtwächter. Jeden Donnerstagabend um 20 Uhr begann der traditionelle Rundgang durch die historische Altstadt. Bei jedem Auftritt kamen neue Verse hinzu. Durch die Kombination der alten Tradition und aktueller Geschehnisse verschmelzen beim Rundgang Vergangenheit und Gegenwart.

Nach der Vorstellung zogen Nachtwächter und Gäste am Donnerstag gemeinsam durch die illuminierte Stadt, um in der Destillerie Möbus einzukehren. Zuvor hatten sich überraschend viele Interessierte um 19.30 Uhr am Schlossplatz eingefunden, um den Nachtwächterturm zu erklimmen. In zwei Gruppen musste Dieter Weil von "Bad Rodach begeistert" sie das alte Gemäuer zur Turmstube hinauf begleiten, wo ihnen Engelhardt schilderte, wie sich die Idee von der europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft entwickelte.

Am Schlossplatz starten auch an den übrigen Donnerstagen der Saison die Nachtwächter um 20 Uhr zu ihrem Rundgang. Die Inszenierung am Alten Pulverturm findet nur am ersten Donnerstag im Monat statt. Das nächste Mal wird dies erst wieder am 7. Mai 2020 der Fall sein.

Neue Nachtwächter

Für die neue Saison kündigte Ramona Stegner vom Stadtmarketing frische Konzepte an. So soll durch die Gästeführer-Gilde des Regionalmanagements Coburger Land noch in diesem Jahr begonnen werden, neue Nachtwächter auszubilden.

Führungen durch die historische Altstadt wird es in der Kurstadt nach dem Ende der Nachtwächtersaison noch geben, zum Beispiel bei der romantischen Abendführung am Mittwoch, 11. September, ab 19 Uhr. Die Gäste-Information Bad Rodach bittet Interessenten, sich dazu unter Telefon 09564/1550 anzumelden.

Nachtwächter-Tradition in der Kurstadt

1982 besann sich der Fremdenverkehrsverein von Rodach (später Kur- und Tourismusverein Bad Rodach und Umgebung) auf die Tradition des Nachtwächters, um das touristische Angebot der Kurstadt zu erweitern. Am 27. Juli trat der erste Nachtwächter auf. Ein Jahr später fand hier das erste deutsche Nachtwächtertreffen mit Vertretern aus Dinkelsbühl, Meersburg, Münster, Nördlingen, Prichsenstadt, Rothenburg und Rodach statt. Auf dem Georgenberg beschlossen die Teilnehmer damals eine Nachtwächter- und Türmerzunft zu gründen. Nachdem auch andere Länder Interesse bekundeten, wurde 1987 im dänischen Ebeltoft die europäische Nachtwächter- und Türmerzunft aus der Taufe gehoben. Zwar gilt Bad Rodach als deren Zentrum, doch konnte hier aus bürokratischen Gründen die Zunft nicht neu gegründet werden, weil es in Deutschland eine solche Zunft zuvor nie gab.

Der von der Zunft verfolgte Gedanke drückt sich in der dritten Strophe der europäischen Nachtwächter- und Türmerhymne aus: Wächter, Türmer, die sich finden / schlingen festes Band, / wollen uns in Freundschaft binden/jeder für sein Land./Dieses Wollen gibt uns Kraft,/uns zusammenhält./Freundschaft zwischen Menschen schafft,/Frieden für die Welt.

Seit Auflösung des Tourismusvereins ist das Netzwerk "Bad Rodach begeistert" zuständig für die Nachtwächter-Veranstaltungen.

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